Von „Gendergaga“ und AfD-Höhenflug

In zwei Deutschen Flächenländern – und zwei der größeren und wichtigeren – hat die AfD bei der vergangenen Landtagswahl massive Zugewinne erzielt und ist jeweils zweitstärkste Kraft hinter der CDU. Dabei hat sie seit Jahren im Prinzip nur ein einziges echtes Thema: Flüchtlinge. Nun ist dieses durchaus komplex und die einfachen Antworten der AfD sind, nicht nur im Sinne des Grundgesetzes, durchaus fragwürdig. Punkten tun sie aber noch mit einem anderem Thema und das ist eins, das dermaßen albern ist, dass ich mich wirklich frage, was in diesem Land eigentlich los ist: Gendern. Sie schaffen es irgendwie, dass Leute wirklich überzeugt sind, sie dürften nichts mehr sagen und wären gezwungen zu gendern. Dabei gibt es nirgendwo eine Genderpflicht. Ja, es gibt Unternehmen, die für sich festgelegt haben, dass sie es tun. Aber das ist doch im Endeffekt eine freie unternehmerische Entscheidung. Es ist genau die Inanspruchnahme der Freiheit, die die AfD fordert. Ein Unternehmer oder eine Unternehmerin sagt für sich: Ich halte das für richtig und ich tue es so bzw. gebe es in meinem Unternehmen vor. Das ist etwas, worauf eine unternehmerisch verantwortliche Person schlicht ein Recht hat. Ansonsten ist es doch so, dass jeder Mensch selbst dafür verantwortlich ist, wie er oder sie redet oder schreibt. Nun kommen also AfD und Co und wollen im Sinne der Freiheit das Gendern verbieten. Und sie erkennen nichtmal die Ironie darin. Absurd.

Der Tod der Deutschen Sprache

Nun haben wir die Situation, dass diese Helden, die oft sprachlich eher schlicht aufgestellt sind, wenn man ehrlich ist, den Tod der Deutschen Sprache ausrufen. Schließlich würde sich Goethe im Grabe umdrehen, wenn er Gendern hören würde. Und der Witz ist: Vermutlich stimmt das sogar. Nicht wegen der Reinheit der Sprache, sondern weil Goethe oder Schiller wie wir alle fraglos Kinder ihrer Zeit waren. Für sie war es normal, dass es Fürsten gab und niedere Menschen. Es gab herrschende Weiße und unterlegene andere „Rassen“ (auch wenn es keine Menschenrassen gibt, nur Phänotypen, aber das ist ein anderes Thema). Für sie gab es sicher auch gute Christen und böse Heiden – ob Atheisten, Muslime oder was weiß ich. Und natürlich war Homo- oder Intersexualität für sie mit Sicherheit böse und Frauen dem Manne untertan. Darauf wette ich alles. Aber das ist ein ganz normaler Prozess in der Entwicklung einer Gesellschaft. Ich bin sicher, dass, wenn ein Mensch des Jahres 2300 liest, was ich so schreibe, er oder sie vieles davon als fragwürdig ansieht. Vielleicht, dass ich Tieren geringere Rechte zugestehe als Menschen (wenn auch mehr als es üblich ist), dass ich Maschinen nicht mit Rechten versehe oder in meiner Ernährung rückständig bin und das transportiere oder was weiß ich. Das ist der Lauf der Welt. Aber zu Goethes Zeit gab es auch in der Sprache große Unterschiede. Formulierungen, die heute kein Mensch mehr nutzt, Rechtschreibung, die nicht erst seit den Reformen der 90er total veraltet ist, Vokabeln, die heute komplett ungenutzt sind. Anglizismen oder Lehnwörter aus anderen Sprachen zum Beispiel gab es damals praktisch noch nicht. Dafür gab es viel mehr lokale Dialekte, die sich heute immer mehr angleichen, es gab für viele Dinge schlicht keine Vokabeln, weil sie noch nicht entwickelt waren. Goethe wusste nicht was ein Auto ist, er wusste nicht, was ein Computer ist, er wusste vermutlich auch nicht, was Drehmoment ist und so weiter. Und sicher wusste er auch bei so mancher Formulierung unserer Amtstexte nicht, was gemeint ist.

Amtssprache wird verunstaltet

Und damit sind wir beim nächsten lustigen Teil. Denn natürlich „muss“ ja heute in amtlichen Texten gegendert werden. Und das ist ja jenseits der unternehmerischen Freiheit und hier wird die Sprache verunstaltet und der Bürger steht ratlos davor, so jedenfalls die AfD-Legende. Ich habe jetzt mal nicht lange nach einem besonderen Text gesucht, sondern wirklich den allerersten Brief einer öffentlichen Stelle zur Hand genommen, der mir in die Finger gekommen ist und schreibe hier den allerersten Satz ab, der da steht. Total wahllos: „Aufgrund des Gebührengesetzes für das Land Nordrhein-Westfalen (GebG NRW) in Verbindung mit der Allgemeinen Verwaltungsgebührenordnung für das Land NRW (AVerwGebO NRW), des Allgemeinen Gebührentarifs zur AVerwGebO NRW, der Gemeindeordnung für das Land Nordrhein-Westfalen (GO NRW), des Kommunalabgabengesetzetzes für das Land Nordrhein-Westfalen (KAG) und der Verwaltungsgebürensatzung der Stadt Krefeld in den jeweils geltenden Fassungen ist folgende Gebühr zu entrichten:“ Lyrisch. Jetzt mal ehrlich: Wird ein solches inhaltsloses Satzungetüm dadurch verunstaltet, dass im weiteren Verlauf statt „Bürger“ halt „BürgerInnen“ steht? Wohl kaum. Ich denke, Goethe fände einen Satz wie „100 PolizistInnnen stehen in einer Reihe, während das Licht der untergehenden Sonne ihre Uniformen mit einem leichten Rotstich versieht“ doch weitaus ansprechender. Den Tod der Deutschen Sprache ausgerechnet an einer Verunstaltung der Amtssprache durch das Gendern festzumachen ist schon ein Meisterstück der Absurdität.

Urban Legends und der heimliche Zwang

Also: Wir haben eine Art sprachlicher Mode, die nutzen kann, wer es möchte – oder nicht. Aber da gibt es doch diese Fälle, wo die nicht-Nutzung negative Folgen hatte. Jeder kennt diese Fälle. Genauso wie den von dem Typen, der eine Jato-Unit auf seinen Chevy geschweißt hat und in 30 Metern Höhe in einen Berg eingeschlagen ist und lesbar war nur das Schild „Like my driving style – Call XXXX“ oder die Geschichte von der jungen Frau, die vor dem Kino einen Stich verspürt und nach dem Film eine Spritze im Sitz findet (auf der sie natürlich den ganzen Film über brav gesessen hat) mit dem Zettel „willkommen im HIV-Club“. Solche Geschichten gibt es immer wieder. Nur gibt halt niemanden, dem sie passiert sind. Es sind „Urban Legends“. Vor einiger Zeit hatte ich auf Facebook eine Diskussion, die ich leider nicht mehr finde. Da wurde mir dann erzählt, dass es ja Fälle gebe, dass Menschen Jobs nicht bekommen hätten, weil sie nicht gegendert hätten. Nun fragte ich nach einem Beleg, einem konkreten Fall. Eine Antwort kam nicht. Kann ja auch nicht. Denn natürlich würde eine Ablehnung, selbst WENN sie deshalb erfolgen würde, nicht damit begründet. Mithin ist es wohl einer eine Ausrede von Menschen, die sich eher wenig erfolgreich bewerben. Ein Weiterer erzählte mir in einer anderen Diskussion, dass er die Schule seines Kindes danach ausgesucht habe, dass dort nicht gegendert werde, da das die deutsche Sprache so verhunze. Da frage ich mich dann ehrlich, ob es nicht wichtigere Entscheidungskriterien gibt. Oft lese ich auch Menschen, die die Reinheit der deutschen Sprache vom Gendern fordern, die aber zugleich nicht in der Lage sind, eine indirekte Rede korrekt im Konjunktiv zu schreiben oder die Bedeutung dessen auch nur zu durchdringen, oder EhrenpräsidentschaftskandidatInnen im Verein „Rettet dem Dativ“ sind. Auch das zeigt die Absurdität des Ansinnens.

Es ist eine Bedrohung der eigenen Ansichten

Das Schlimme ist, es geht den Leuten eigentlich nicht um eine kurze Sprechpause im generischen Femininum oder einen Stern oder ein großgeschriebenes „I“ im Wort oder was der Dinge mehr sind. Es geht, davon bin ich überzeugt, nicht um die Sprache, sondern den Inhalt. Die gendergerechte Sprache hat eben den Sinn, gerecht zu sein und alle Menschen gleich zu behandeln. In jedem Lebensbereich. Es geht darum, dass wir im Prinzip dafür sorgen, dass Mann und Frau, Weiß und nicht-Weiß, Hetero- und Homosexuell, Zwischenformen der Geschlechter und was der Dinge mehr sind, nicht nur als existent anerkannt sondern als wertneutrale Eigenschaft wie Augenfarbe oder so angenommen werden. Dass es am Ende total egal ist, wie jemand geboren wurde, dass er oder sie die gleichen Möglichkeiten und Rechte gesellschaftlicher Partizipation hat. Und genau das macht den Menschen Angst. Es geht nicht um die Sprache, es geht um die Wahrung des Status Quo. Interessanterweise sind auch viele Frauen dieser Überzeugung. Und auf eine gewisse Art ergibt das auch Sinn. Denn die Gewährung von Rechten bedingt auch, dass man selbst für das eigene Glück weitgehend verantwortlich ist. Das ist erst einmal erschreckend. Es reicht eben heute nicht mehr, niedlich zu sein und einen guten Mann abzukriegen. Und selbst wenn das dann schief geht und man jeden Tag verdroschen wird oder so, dann ist man zumindest nicht selbst dran schuld, denn man hat ja alles getan und war niedlich. Das ist im Prinzip ne Abart des religiösen Ansatzes nach dem Gottes Wege eben unergründlich sind. Ich kann ja nix dafür und mit fünf Minuten Beten am Tag hab ich auch alles getan, was in meiner Macht steht. So ist mein Leben zwar scheiße, aber ich muss mir wenigstens nicht die Schuld dafür geben. Auf ne verdrehte Art ist das durchaus konsistent. Und so lehnen eben auch Menschen das Gendern ab, die eigentlich vom Geist des Ganzen profitieren würden. Und natürlich ist ein bisschen Umgewöhnung dabei. Ich tu mich zugegeben auch schwer damit, immer dran zu denken. Ich bin nun 46 Jahre alt und habe immer im generischen Maskulinum geschrieben. Mir fällt meist erst im Korrekturlesen überhaupt auf, dass ein Substantiv geschlechtsspezifisch ist (und oft nichtmal dann). Und dann ändere ich es in Texten wie hier. Zugleich soll ich in anderen Texten nicht gendern. Das macht es dann noch komplizierter. Auch das schreckt viele Menschen ab. Was diese nicht verstehen: Es geht dabei gar nicht um ein „richtig“. Es geht nicht um perfekt. Es geht um den Geist dahinter. Es geht um das Bemühen, andere Menschen nicht auszugrenzen und an sich zu arbeiten. Das ist der ganze Zauber.

Selbstkritik und Selbstkontrolle

Und da sind wir bei einem wichtigen Punkt. Moralisch richtiges Verhalten ist nicht in sich das immer richtige Verhalten. Denn wir sind unter anderem – wie oben bei Goethe dargestellt – Kinder unserer Zeit und Gesellschaft. Wir haben Schwächen, wir haben Fehler, wir haben einen gesellschaftlichen Kontext. Moralisch ist vor allem das Streben danach, ein guter Mensch zu sein und sich gemäß gewissen Grundsätzen zu verhalten, wichtig. Somit geht es vor allem um den Geist der Tat. Ja, das wird gerade heute viel zu oft vergessen. Und gerade viele junge Menschen, die nicht in den Gewohnheiten und Begrifflichkeiten der 80er oder davor aufgewachsen sind, tun sich sehr leicht damit, Menschen abzuurteilen. Das ist aber ein Stück weit das Vorrecht der Jugend. Das war schon immer so und gehört sozusagen zum Spiel. Ich selbst bin immer wieder erschreckt, wie oft ich z.B. bei Schimpfworten aus dem Affekt homophobe Termini verwende. Die meine ich überhaupt nicht in diese Richtung. Mir ist ganz ehrlich total egal, wie jemand zum Beispiel sexuell orientiert ist. Aber ich habe ein Repertoire von Schimpfworten verinnerlicht und die meisten davon kommen aus meiner Jugend. Und in den 80ern waren da eben viele homophob gefärbte Begriffe dabei. Natürlich würde ich mir wünschen, sie kämen nicht mehr raus, wenn ich mich ärgere. Aber das Ding ist: Sie sind für mich auch nicht im eigentlichen Sinne homophob konnotiert. Emotional gesehen gibt es für mich keinen Unterschied zwischen den Worten „Arschloch“, „Vollpfosten“ und „Schwanzlutscher“. Rational ist mir die homophobe Komponente bei letzterem natürlich klar. Emotional habe ich ihn aber damals nicht so abgespeichert sondern einfach als „generell abwertend“. Darum bekomme ich ihn nicht aus meinen affektiven Repertoire raus. Meist gelingt es mir, ihn nur zu denken und nicht auszusprechen. In meiner Selbstkritik ist das aber nur ein schwacher Trost. Was ich damit sagen will: Ich denke, viele Menschen stellen fest, dass sie gar nicht in der Lage wären, immer brav zu gendern und lehnen es allein schon darum ab – aus Angst zu scheitern. Andere wollen eben nicht, dass Homosexualität normal wird, Gleichberechtigung echt in der Gesellschaft ankommt oder man anerkennt, dass es non-binäre Personen gibt. Oft lese ich dann auch Aussagen wie „das betrifft ja nur 0,1 Prozent. Dafür so ein Aufriss?“. Nun, das ist ein grober Fehler. Untersuchungen gehen davon aus, dass über zehn Prozent der Bevölkerung irgendwie vom Thema LGBTIQ+ betroffen sind. Sie sind entweder homosexuell, bisexuell, trans- oder intersexuell, queer und so weiter. Aber wären wir uns dessen wirklich bewusst, müssten wir ja z.B. im Gespräch mit unseren Kindern viel vorsichtiger sein. Wenn wir unserem fünf Jahre alten Sohn sagen „wenn Du mal eine Freundin hast….“, dann ist das ja eigentlich schon eine Art Bevormundung. Die Wahrscheinlichkeit, dass er mal einen Freund hat, dass er vielleicht in diesem Alter selbst eine „sie“ sein möchte und das dann wird, oder er mal dies und mal das macht, ist gar nicht so gering. Wenn wir also unserem Kind die emotionale Freiheit lassen wollen, sich so zu entfalten, wie es ist, dann müssten wir viel komplexer reden und von vorn herein normal machen, dass beide Optionen völlig normal wären. Wir müssten sagen „…wenn Du dann mal eine Freundin oder einen Freund hast…“. Das lehnen aber viele Menschen ab, da sie glauben, ihr Kind damit zur Homosexualität zu erziehen. Dass das Quatsch ist, ist längst noch nicht bei allen angekommen. Die sexuelle Neigung wird nicht anerzogen. Sie besteht schon lange zuvor, das belegen viele wissenschaftliche Studien. Es geht also eigentlich, um zum Thema zurück zu kommen, allein darum, sich selbst im Sinne einer Entwicklung zu einem guten Menschen zu disziplinieren.

Wir reden der AfD das Wort

Nun versuchen aber viele der anderen Parteien, diese Potentiale für sich zu nutzen und sich als „aufrechte Kämpfer für die Freiheit“ zu positionieren. Sie wollen also die freiwillige sprachliche Rücksichtnahme untersagen, also verbieten, um uns wieder die Freiheit zu geben, so zu reden, wie wir wollen. Oder so. Also irgendwie sic!. Das ist beispielsweise gerade in Krefeld passiert, als die CDU-nahe Mittelstandsvereinigung Birgit Kelle als Rednerin eingeladen hat. Sie schwadronierte dann wohl über den Unsinn der Gendersprache und machte sich über das „angebliche dritte Geschlecht“ lustig. So steht es zumindest im Bericht darüber zu lesen. Unter diesem hat nun meine Freundin einen sehr intelligenten Beitrag geschrieben, der sich mit meiner Einschätzung absolut deckt. Nämlich grobinhaltlich, dass es absolut verheerend ist, wenn andere Parteien (vor allem die CDU, die oft als eine Art Werteinstanz wahrgenommen wird) dieses Spiel der AfD mitspielen. Der geht es nämlich vor allem darum, die Grenzen des sagbaren auszuweiten. Bislang geschah das oft über ein Vorpreschen und dann ein zurückrudern, dass es ja nicht so gemeint gewesen sei. Es folgt ein gesellschaftlicher Diskurs, der zwar zumeist gegen die Aussage ist, aber allein durch das Reden darüber wird die Aussage so oft wiederholt, dass es normal wird, es zu sagen. Das Gehirn speichert es als total sagbar ab, denn ich habe diesen Satz ja jetzt 20 Mal gesagt, obwohl ich in unaussprechlich finde. Und so haben Begriffe den Wiedereinzug in unseren Sprachgebrauch gefunden, die wir dort längst nicht mehr haben wollen. Trump hat etwas ähnliches gemacht und macht es noch heute. „Leute sagen, ich sollte drei Amtszeiten im Amt bleiben. Dafür müsste die Verfassung geändert werden. Aber das wollen wir ja nicht….. oder!?“ So in etwa läuft das. Wenn nun eine Partei, die gemeinhin als seriös angesehen wird, wie die CDU, diese Aussagen aufnimmt und sagt, sie sehe es genauso, dann macht sie die undifferenzierte „Gendergaga“-Legende der AfD sagbar und legitimiert sie. Sie holt damit aber nicht einen Wähler der AfD wieder zurück. Oder nur eine Hand voll. Der Rest bleibt beim Original. Denn es geht ja gar nicht um die Gendersprache an sich, sondern um den Geist dahinter. Dieser Geist ist am Ende das Grundgesetz. Mann und Frau sind gleichberechtigt, Menschenwürde, niemand darf aufgrund von Rasse, Religion und so weiter benachteiligt werden, Religionsfreiheit generell und und und. Die AfD lehnt all diese Dinge mehr oder weniger offen ab. Die CDU steht (so hoffe ich zumindest!) fest zu diesen Werten. Damit kann sie in der Umsetzung nie zum eigentlichen Ziel dieser Aussagen kommen. Und sie kommt ja auch immer wieder in die Verlegenheit, dass sie es als Regierungspartei theoretisch zumindest teilweise umsetzen könnte (bis das Verfassungsgericht es dann kassieren würde). Die CDU wird heute als extrem links wahrgenommen. Dabei ist sie das überhaupt nicht. Sie folgt vielleicht in so Nebensächlichkeiten wie hier ein Stück weit dem Zeitgeist (weil sie gar nicht anders kann. Diese Diskussionen GAB es zu Kohls Zeiten gar nicht!), aber zum Beispiel wirtschaftlich gab es unter Kohl höhere Spitzensteuersätze, höhere Sozialhilfe ohne dass das ganze Leben offengelegt werden musste. Es gab Vermögenssteuer und einen viel besseren Kündigungsschutz. Es gab praktisch keine Leiharbeit und so weiter. Noch weiter zurück hat sie im Ahlener Programm von 1947 sogar die Überwindung des Kapitalismus’ gefordert. Man kann sagen: Die extremsten Forderungen der Linkspartei heute sind ungefähr eine Rückkehr zur Mitte der 80er, eben Kohl. Die Positionen um das Jahr 50 fordert heute nichtmal mehr die Linke. Also gemach. Der Respekt für Minderheiten in der Gesellschaft, sie sprachlich vorkommen zu lassen und über ihre Probleme offen zu reden, gilt dafür heute schon als extrem links und neudeutsch „woke“. Gimme a break. Genau das ist aber ein Ergebnis der „Sagbarkeitsideologie“ der AfD. Wenn die CDU nun ihre seröse Macht einsetzt, um genau das zu adaptieren, dann greift sie der AfD unter die Arme. Denn spätestens wenn CDU-Abgeordnete es stützen, dann IST es sagbar. Und damit hat die AfD mehr erreicht als sie jemals zu hoffen wagte. Warum durchschauen wir dieses Spiel nicht? Da lobe ich mir Marc Blondin, der diese MIT-Veranstaltung als Vorsitzender der Krefelder CDU mit deutlichen Worten ablehnt. Im Wahlkampf haben vor allem Söder und Aiwanger vor allem die Grünen als Gegner ausgemacht und ständig gegen sie gewettert. Und zweitstärkste Kraft wurde die AfD. Jetzt wundern sie sich und sagen „vielleicht hätten wir im Bierzelt mal über die reden sollen“. Ja, ach. Ernsthaft? Schon gemerkt? Ihr seid ja von der ganz schnellen Truppe…

Verweist aufs Grundgesetz und kommt verdammt noch mal zu Sachthemen

Uns so sind wir bei der Conclusio. Ich bin überzeugt, dass wir alle, die wir es mit der Demokratie halten, gut beraten wären, die AfD bei diesem Thema schlicht zu ignorieren. Gendern wir oder lassen wir es bleiben. Aber betonen wir einfach, dass es die Freiheit des/der Einzelnen ist, zu reden wie er oder sie möchte. Gendert oder nicht. Macht es gut oder so gut ihr könnt. Lasst es bleiben wenn Euch nicht danach ist. Aber hört auf, ständig darüber zu quatschen. Daran wird die Welt nicht zu Grunde gehen. Versprochen. Eine Spechpause von ner halben Zehntel bei nem generischen Femininum kostet Euch nicht die Lebenszeit, die Euch daran hindert, Eure Ziele umzusetzen. Ihr verliert weit mehr Zeit im Stau oder an Ampeln. Wenn die AfD darüber schwadroniert, zuckt die Schultern und zeigt stumm aufs Grundgesetz. Vielleicht nehmen wir in Art. 3.3 GG auch noch die Formulierung „ aufgrund sexueller Orientierung oder Identität“ auf, und heben es damit auch ins 21. Jahrhundert. Und ansonsten hören wir auf, darüber zur reden. Bringen wir die Erregungskurve runter, hören wir auf mit Talkshows zum Thema Gendern, lassen wir den wirren Opi mit Honig im Kopf doch labern. Aber im heimischen Wohnzimmer. Und wenn wir ihn aus anderem Grunde irgendwo haben und er damit anfängt sagen wir ihm „ach Didi, du warst schonmal lustiger“. Wir haben so viele wichtige, dramatische Themen. Es ist jetzt gut mit dem Scheiß. Lasst Menschen reden wie sie wollen – aber halt in BEIDE Richtungen. Hören wir auf über das Reden zu reden. DAS würd die AfD in Rekordzeit Stimmen kosten. Bitte, lasst uns aufhören, das AfD-Spiel zu spielen und Dinge dadurch sagbar zu machen, dass wir sie ständig in der Diskussion wiederholen. Unabhängig vom Standpunkt. Achja, und ich bin mir der Ironie, darüber nun viereinhalb Seiten geschrieben zu haben, durchaus bewusst. Aber Stand jetzt machen die leider den Kohl auch nicht fett. Hören wir endlich auf, uns zu zerfleischen und reden wir wieder über echte Sachthemen. Denn davon gibt es wahrlich genug. Wir haben einen Krieg in Europa, wir haben Welthunger und Flüchtlinge, wir haben Inflation und Wirtschaftskrise, wir haben Antisemitismus und nicht zuletzt die Klimakatastrophe und die Biodiversitätskrise. Wir haben echte Themen satt und nöcher. Lasst und bitte die endlich mal angehen! Hancheninnenfilet und Fugenspachtel innen sind nicht unser Kernproblem. 😉

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