Bedingungslos für Israel oder Free Palestine? Reicht nicht gegen die Hamas?!

Lange habe ich mit mir gerungen, etwas zu diesem Thema zu schreiben. Denn auch wenn mich alles dazu drängt und ich Vieles problematisch finde, ist es ein Thema, bei dem man aktuell eigentlich nur verlieren kann: Die Lage in Israel/Gaza. Wenn man auch nur ein Wort der Kritik an Israel schreibt, ist man sofort im Dunstkreis des Antisemitismus’. Dann kommt gern ein „gerade wir Deutschen müssen…“. Aber ich finde: Wie jedes Thema auf der Welt kann es nur mit Differenzierung richtig beantwortet werden. Es aber derzeit ist ein Thema, bei dem es im Moment eigentlich nur zwei Positionen gibt: In Deutschland vorherrschend und im politischen Deutschland eigentlich unwidersprochen ist die Haltung: „Israel hat unsere bedingungslose Unterstützung“. Und die andere Haltung ist im Prinzip „Stand with Gaza“. In diesem Widerstreit gilt es, sich zu positionieren und ein „Ja, aber“, findet öffentlich im Prinzip nicht statt. Dabei denke ich wie gesagt, dass nichts wichtiger wäre, um zu einer Lösung zu kommen. Vorab: Ich bin absolut kein Antisemit und auch kein Feind der muslimischen Welt. Aber ich bin ein Feind von Extremisten. Vor allem von religiösen Extremisten. Und das auf allen Seiten. Ich finde fundamentalistische Muslime genauso schlimm wie fundamentalistische Juden. Ebenso schlimm finde ich die christlichen Fundis, wie sie im Bible Belt der USA in rauen Mengen vorkommen und es sie natürlich auch in Europa gibt. Nur weniger (glücklicherweise). Ansonsten ist mir vollkommen wumpe, welche Hautfarbe jemand hat, welche Nationalität, Sprache, Religion (so lang er mich mit dem Unsinn in Ruhe lässt), welche politische Ausrichtung (so lange er/sie nicht die Rechte anderer Menschen einschränken will. Heißt: Nazis und sonstige Rechte halte ich für persönliche Arschlöcher und lehne sie aus diesem Grunde ab). Ich halte es für wichtig, den individuellen Menschen zu betrachten, nicht die Gruppe, zu der er gehört. Und das sogar, wenn in einer Gruppe 99% Vollarschlöscher sind. Das ist mein Verständnis einer individuellen Interpretation von Unschuldsvermutung und Rechtsstaatlichkeit.

Krefelder Ratsherr eskaliert

Auslöser, dass ich nun doch etwas schreibe, ist ein Post eines Krefelder Ratsherrn, Salih Tahusoglu, der als Einzelvertreter in den Rat gewählt wurde und am Wochenende in einem Facebookpost allen politischen Parteien, die im Bundestag vertreten sind und Israel damit die Unterstützung zugesagt haben, die Zusammenarbeit aufgekündigt. Er wolle mit ihnen nicht reden, nicht zusammenarbeiten und sie nicht einmal grüßen. Dazu erst einmal: Ich kenne Salih einigermaßen und ich weiß, dass er ein sehr emotionaler Typ ist. Vermutlich hatte er gerade irgendeinen TV-Bericht gesehen oder einen Artikel gelesen. Gestern habe ich mit einem politischen Vertreter aus der Umgebung gesprochen, der ihn ebenfalls lange kennt. Er erzählte mir überhaupt davon. Ich hatte es, wegen viel Arbeit, gar nicht mitbekommen. Egal, jedenfalls sagte mir dieser: „Meine Frau sagt mir immer, wenn ich nach Mitternacht etwas posten will, ‚ob Alkohol im Spiel ist oder nicht: Wenn Du jetzt etwas schreibst ist das immer ein Fehler. Schlaf drüber und schreib es morgen. Das hätte Salih beherzigen sollen‘. Und ich denke: Salih sieht das heute genauso. Ja, wir reden von Politik, aber ich denke, man sollte das ganze jetzt nicht zu hoch aufhängen. Gilt natürlich auch hier für beide Seiten. Für mich macht Salih im Prinzip genau den Fehler, den er den anderen vorwirft. Er sagt, der Krieg Israels gegen Gaza sei ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Mithin sagt er eigentlich: Der Schlag geht (auch) gegen die Menschen, die nichts dafür können. Dasselbe tut er auch, denn nur weil jemand Mitglied in CDU, SPD, FDP oder Grünen ist, muss er oder sie ja längst kein(e) UnterstützerIn dieser Position sein. Daher: Vielleicht sollte man einfach mal tief durchatmen und dann doch wieder miteinander reden und die Hand geben, wäre wohl das Vernünftigste. Aber das ist nur meine Meinung.

Wie kann man jemand bedingungslos unterstützen?

Viel wichtiger für mich: Ich stimme Salih zumindest teilweise dennoch zu. Denn die bedingungslose Unterstützung für Israel finde ich sehr, sehr schwierig. Mal ehrlich: Ich glaube ich würde keinen Menschen auf der Welt bedingungslos unterstützen. Sehr, sehr weitgehend würde ich meinen Sohn und meine Freundin unterstützen. Einige andere Freunde etwas weniger, aber auch sehr weitgehend. Aber selbst bei meinem Sohn oder meiner Freundin gäbe es Grenzen. Wenn sie plötzlich einen Menschen quälen und ermorden würden, wäre es sehr schwierig mit meiner Unterstützung. Oder wenn sie komplett in eine rechte Ecke abdriften würden und zu hardcore-Nazis würden. Dass das extrem unwahrscheinlich ist und im Falle meiner Freundin praktisch ausgeschlossen (bei nem Dreijährigen ist es für so eine Einschätzung natürlich sehr früh) tut dabei nichts zur Sache. Die Bedingung meiner Unterstützung ist, dass sie einigermaßen der Mensch bleiben, der sie sind. Wenn ich aber nicht einmal meinen Sohn in jedem denkbaren Fall unterstützen würde, wie könnte ich da ein Land bedingungslos unterstützen? Zumal ein Land im faktischen Krieg? Nein, ich bin mit jeder Faser meines Körpers gegen die Hamas und jeden anderen Menschen, der bereit ist, andere Menschen zu töten. Gegen Putin, gegen Extremisten in Irak oder Afghanistan, gegen IS, gegen Boku Haram oder was weiß ich Aber ebenso bin ich gegen israelische Soldaten oder Verantwortliche, die bereit sind, Schulen oder Krankenhäuser zu bombardieren (oder amerikanische, Deutsche, Französische, Britische etc.). Und mir ist vollkommen egal, was darunter ist! Wer Bomben auf Kinder wirft, der ist zu kritisieren. Punkt. Es gibt keinen einzigen Grund, der das in meinen Augen rechtfertigen könnte. Also unterstütze ich tendenziell Israel und natürlich alle Opfer der Hamas-Angriffe. Aber ganz sicher nicht bedingungslos.

Gewalt schafft Hass und stärkt Extremisten

Insbesondere aber halte ich die Aktionen auch für falsch. Auf der moralischen Ebene sowieso, aber ich meine jetzt strategisch. Denn wenn ich Extremisten bekämpfen will und dafür Zivilisten töte, dann schaffe ich erst Extremisten. Jede Bombe, die auf Menschen fällt, fällt auf jemandes Mutter, Vater Oma, Opa, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter, Freund oder Freundin und so weiter. Und es gibt keinen sichereren Weg, diesen Mensch das Hassen zu lehren. Viele der Menschen, denen jetzt ihre Lieben getötet werden und die bisher einfach nur überleben wollten, werden sich bei der Hamas melden, um sich zu rächen, Wetten? Natürlich gilt das auf der Gegenseite genauso, keine Frage. Auch auf israelischer Seite werden sich Menschen radikalisieren und hassen, nicht missverstehen. Aber der Punkt ist: Wir reden hier von einem asymmetrischen Krieg. Die Situation ist durchaus vergleichbar mit dem Vietnamkrieg oder dem, was die Sowjets in Afghanistan erlebt haben. Einen asymmetrischen Krieg kann der Angreifer aber nicht gewinnen. Es gibt eigentlich nur einen theoretischen Weg: ein Genozid. Nur wenn niemand mehr da ist, der hassen könnte, würde man mit seinen Taten nicht den Gegner stärken. Es gibt schlicht keinen Weg, einen solchen Krieg andes mit Waffen zu gewinnen. Und jeder, der ein Geschichtsbuch gelesen hat, sollte das wissen. Reguläre Truppen verlieren, wenn sie nicht gewinnen, irreguläre gewinnen, wenn sie nicht verlieren. Und da sie sich jedem Kampf entziehen, können sie nicht verlieren und die Regulären nicht gewinnen. So einfach ist es im Prinzip. Heißt: Härte ist der sichere Weg zur Zementierung des Konflikts. Oder, um es noch etwas zuzuspitzen: Was Israel gerade tut, stärkt in meinen Augen nur einen: Die Hamas.

Alternative Wege sind schwer

Doch wie könnte Israel stattdessen vorgehen? Das ist sehr schwierig. Aber: Auch hier hilft ein Blick in die Geschichtsbücher. Wenn wir uns die Geschichte des Konflikts ansehen, so gab es seit dem Sechs-Tage-Krieg, in dem Israel Golanhöhen und Gaza (sowie ursprünglich den Sinai) besetzte eigentlich immer mehr oder minder eine solche Situation. Mal war es krasser, mal etwas weniger, aber Anschläge gehörten dazu. So ähnlich, wie in England mit der IRA etc. Und in den 80ern wurde es in der Intifada schon einmal sehr heftig. Anschläge, Straßenschlachten und 1982 gipfelte die Reaktion in den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Auf beiden Seiten regierte der Hass. Und so sehr man vielleicht die Israelis verstehen mag, weil sie seit Staatsgründung von allen Seiten angegriffen wurde: Die Härte hat keinen Frieden gebracht. Doch wie endete die Intifada? Abschließend, als sich Rabin und Arafat unter Vermittlung der USA in Camp David zusammengesetzt haben. Sie haben sich am Ende die Hand gegeben und die Feindseligkeiten beendet (wofür sie zurecht den Friedens-Nobelpreis bekamen). Die Palästinenser bekamen mehr Rechte, sie konnten arbeiten, ihre Familien versorgen, vergleichsweise gut leben. In der Folge ließ die Unterstützung für radikale Organisationen nach. Ähnlich lief es in England: Als man sich an einen Tisch setzte und das Kriegsbeil begrub, endete auf beiden Seiten das Morden auch durch die Mitglieschaft in der EU. Also in meinen Augen gibt es nur einen einzigen Weg: Verständigung. Man muss nicht mit Waffen reagieren, sondern dafür leben, dass sich das Leben für die Palästinenser in Gaza verbessert. Man muss, so antiintuitiv das gerade sein mag, die Zäune (zunächst in den Köpfen) abbauen.

Sippenhaft ist die Wurzel des Übels

Und vor allem muss man eins tun: Aufhören auf beiden Seiten Menschen nur als Teil einer Gruppe zu sehen. Nicht jeder Palästinenser ist Hamas-Kämpfer. Nicht jeder Israeli wirft Bomben. Kurz: Nicht alle sind Kombattanten und man sollte auf beiden (oder besser allen, also auch hier) Seiten aufhören, sie dazu zu machen. Man muss auch lernen, dass die Tat eines Einzelnen nicht die Tat aller ist. Denn so endete ja am Ende die Entspannung wieder im Dunstkreis des islamischen Terrors um 9/11. Wir kennen das ja auch ganz gut. Viele Deutsche wollen keine Flüchtlinge ins Land lassen, weil sie alle verantwortlich machen, dass einige wenige möglicherweise Anschläge verüben. Wir dürfen uns einfach von Extremisten und Vollidioten beider Seiten nicht mehr aufstacheln lassen und müssen endlich aufhören, auf einander zu schießen, uns zu bekämpfen und den Hass zu schüren. Das gilt auch und insbesondere in Israel. Also ist es falsch, Israel bedingungslos zu unterstützen, sondern nur unter der Bedingung, dass sie sich verhalten wie ein demokratischer Staat, der die Menschenrechte achtet. Genauso falsch ist es, die palästinensische Seite pauschal zu unterstützen. Für mich kann es in dieser Frage, wie in jeder anderen auch, nur eine Antwort und die ist in der Mitte. Sicher ist das Problem diesmal schwieriger zu lösen, als zu PLO-Zeiten. Denn die Hamas ist, anders als die PLO damals, gesichtslos. Sicher auch eine Folge von Drohnenkrieg und Co. Es gibt niemanden, mit dem man sich an einen Tisch setzen könnte. Und ja, ich kann total verstehen, dass die Menschen (und Verantwortlichen) große Angst hätten, JETZT die Zäune zu öffnen. Aber man könnte eine einseitige Waffenruhe erklären, gemeinsam mit der UN Hilfsgüter schicken und Blauhelme da hin schicken. Man könnte Schulen und Krankenhäuser, Straßen und Brücken wieder aufbauen und den Menschen eine Perspektive geben. Das wäre für die Hamas ein viel härterer Schlag als jede Bombe. Und wenn man sehen will, was die aktuelle harte Linie bewegt, muss man nur mal Berichte dazu schauen, wie in Ägypten, Syrien, Libanon, Iran, Katar oder Saudi Arabien über die aktuelle Situation berichtet wird. An diesem Konflikt vertiefen sich die weltweiten Gräben zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Und das kann nun wirklich in niemandes Interesse sein…

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