In dieser Woche war es so weit: In meinem Briefkasten lag die Wahlunterlage zum Ratsbürgerentscheid. Ich soll mich dazu äußern, ob Olympia in NRW und damit auch in Krefeld, stattfinden soll, oder nicht. Oder besser: Sollte die Region sich bewerben oder nicht. Auf den ersten Blick eine ziemlich einfache Entscheidung. Ja? Nein? Mehr gibt es nicht. Ich bin ganz grundsätzlich totaler Olympia-Fan. Ich liebe den Gedanken, dass „die Jugend der Welt friedlich in sportlichen Wettkämpfen zusammen kommt“. Ich mag es, dass man bei Olympia einen Bezug zu Sportarten entwickelt, von denen man sonst bestenfalls vom Hörensagen etwas mitbekommt. Nach Olympischen Spielen kann ich immer ziemlich genau sagen, ob ein Wurf im Judo ein Ippon oder ein Waza-ari ist, ob im Ringen etwas ein Punkt ist, oder nicht (Grad könnte ich es nicht und musste Waza-ari erst googeln…). Ich hätte ohne Olympia nie die Faszination von Curling entdeckt und wüsste nicht, wie spannend Ski-Cross ist. Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber wusste so ziemlich jeder in der Firma: Wenn Olympia ist, hat Sven Urlaub. Und ich habe die zwei Wochen vor dem TV verbracht. Immer. Die ersten Spiele, die ich in dieser Form verfolgt habe (OK, damals immer erst nach der Schule), war Barcelona 1992. Altanta, Sydney, Athen, Peking, London, Rio, Alberville, Lillehamar, Nagano, Salt-Lake City, Turin, Vancouver, Sotchi, Pjöngchang… Ich war vor dem Fernseher.
Der Wandel der Spiele
Wer sich mit Olympia auskennt, der merkt: Diese Aufzählung bricht ab. Schon mit Peking habe ich mich durchaus schwerer getan. Sotchi hat mir auch an vielen Stellen ein schlechtes Gefühl gemacht. Die mittlerweile bestens dokumentierte und damals schon diskutierte oder geraunte staatliche Dopinginitiative in Russland hat mir einiges der Faszination genommen. Die Austragung in Russland sowieso. Die Art, wie sich das IOC präsentiert, wie man mit Despoten kuschelt und sie hofiert, das macht mir immer mehr ein schlechtes Gefühl. Systemen, in denen Menschenrechte wenig bis nichts zählen, dürfen sich in strahlendem Licht der Welt präsentieren. Und auch wenn es ein Stück weit unfair ist, da nicht vom IOC selbst verantwortet: Die Art, sich zu zeigen, ist so ähnlich wie bei der Fifa, dass ich das emotional verbinde. Katar, Russland, die WM auf einem ganzen Konktinent (USA, Kanada, Mexiko), dazu noch vergeben an USA, die mitten in der ersten Amtszeit Trumps steckten (nebst dem Schauspiel mit dem „Friedenspreis“ jüngst!), Spekulationen um Saudi Arabien für Winterspiele (!!!) und Fußball-WM, es macht mir wirklich keinen Spaß. In der Folge verliere ich den Spaß an Großereignissen. Von Katar habe ich keine Minute geschaut – nichtmal in erster Linie als Boykott. Es hat mich schlicht nicht greizt. Tokio, Paris und Mailand war es jedes Mal so, dass ich etwas „Anlauf“ brauchte und geschaut habe, wenn ich grad Zeit hatte. Die Faszination war verloren. Wie ich mit der WM im Sommer umgehe? Ich denke, ich werde die deutschen Spiele schauen und sonst, wenn ich mich langweile. Meine Vorfreude ist gering.
Die Ursache des Verlusts an Begeisterung
Doch woran liegt das? Paris, Tokio oder Mailand sind ja nun keine Städte in Diktaturen. Ja, mit Meloni tue ich mich schwer, aber trotzdem ist Italien eine Demokratie in der EU. Aber es geht ja noch weiter, denn was das IOC von den Ausrichtern fordert, hat mit Nachhaltigkeit – vor allem ökonomischer, aber auch ökologischer – nichts zu tun. Milliardenausgaben bleiben an den Städten und den Volkswirtschaften hängen, während das IOC Milliarden an Gewinnen aus den Ereignissen herauszieht. Dafür, dass das IOC in den Ländern, in den Städten, nach Belieben Geld drucken darf, dafür haben die Ausrichterstädte dann natürlich auch zu zahlen. Fair ist anders. Und auch Sportlerinnen und Sportler beschweren sich. Ja, manchmal ist es auch schwer aufzulösen. Speziell bei Winterspielen. Gutes Beispiel ist hier Mailand, wo man wenigstens versucht hat, einigermaßen nachhaltig zu sein und die Wettbewerbe da stattfinden zu lassen, wo die Bedingungen es ohne all zu hohen ökologischen und ökonomischen Aufwand hergaben. Die Wettkampfstätten waren in der Folge Stunden voneinander entfernt. Das Olympiafeeling kam für viele nie auf. Aber auch das ist am Ende der Gigantomanie geschuldet, dem unbedingten Willen, Milliarden zu verdienen. Die Spiele 1956 fanden in Cortina statt. Der kleine Ort böte im Prinzip alles. Nur halt nicht den Raum für große Eisstadien so weiter. 10.000 Zuschauer und mehr? Undenkbar. Also brauchte man die Großstadt Mailand. Cortina bekam die Bob-, Skeletton- und Rodelwettbewerbe. Ski Alpin war wieder woanders. Sicher, auch die Klimakatastrophe spielt eine Rolle, Schneesicherheit gibt es nur noch auf Gletschern – und auch die werden immer weniger. Doch anstatt das zu thematisieren, anstatt die Spiele dafür zu nutzen, auf diese risige Menschheitsbedrohung aufmerksam zu machen, verteilt man den Kram über halb Italien. So soll es hier ja dann auch laufen. Krefeld, Köln, Düsseldorf, das halbe Ruhrgebiet: Überall sollen Wettbewerbe laufen. Der Vorteil ist, dass viel an Wettkampfstätten schon vorhanden ist. Einzig ein Olympiastadion mit Laufbahn in entsprechender Größe: Das hätte keine sinnvolle Nachnutzung, denn die gäbe es in Deutschland nur mit Fußball und die Vereine haben a) bereits ihre Stadien und wollen b) eben keine Laufbahn und ähnliche Anlagen haben. Sowas gibt es nur noch in Berlin. Anyway: Die extreme Kommerzialisierung nimmt mir den Spaß. Und ich habe nicht grundsätzlich ein Problem mit Kommerz im Sport. Es kommt auch auf das Wie an. Darauf möchte ich jetzt aber nicht näher eingehen.
Der positive Effekt von Spielen hier
Also: Die totale Begeisterung ist bei mir weg. Habe ich noch bei Berlin 2000 trotz aller Kosten null verstanden, wie man dagegen sein kann, sehe ich das heute weit rationaler. Und hier gibt es für mich auch einen wichtigen positiven Effekt: Denn Spiele, die in Europa stattfinden, in Kanada, Autralien, Neuseeland, Japan oder weiten Teilen Südamerikas, die finden zumindest nicht in Russland, China, Saudi-Arabien oder Katar statt. Sprich: Sie werden nicht von verbrecherischen Regimen genutzt, sich toll darzustellen und von IOC-Verantwortlichen für die tolle Orga über den grünen Klee gelobt zu werden. Wo hier vielleicht ein Grundstück teuer vom Besitzer gekauft werden muss, wird dort halt die Oma von ihrem Häuschen enteignet. Ohne Kompensation. Arbeitsbedingungen auf Baustellen, die generelle Menschenrechtslage… all das ist hier natürlich besser. Und ja, das spricht für mich FÜR Spiele hier. Wenn wir keine Verluste in Kauf nehmen wollen und immer ablehnen, dann sorgen wir dafür, dass nur noch die Staaten solche Ereignisse bekommen, denen das total egal ist und die sich die Kohle halt von den Leuten zurückholen. Gibt es halt notfalls nicht mehr so viel zu essen. Who cares? Ich wäre also aus dieser Erwägung sogar bereit, mehr Geld auszugeben und dafür sogar höhere Steuern zu zahlen.
Warum ich mich so schwer tue
Aber genau hier sind wir beim Punkt: Ja, ich bin grundsätzlich immer noch für Olympia. Ja, ich bin bereit, dafür Geld auszugeben. ABER: Ich finde man könnte wenigstens so fair sein, mir VOR der Entscheidung (!!) zu sagen, was ich denn jetzt genau ausgeben soll und: wofür! Denn genau das ist das Problem. Es ist schlicht nicht bekannt. Es gibt grob eine Vorstellung. Es gibt Aussagen Krefeld soll in der Yayla-Arena Taekwondo bekommen. OK. Das ist aber auch schon ALLES, was es an Infos gibt. Die Olympischen Spiele in Paris sollen, inklusive Infrasturkturausgaben, neun Milliarden Euro gekostet haben. Das sind 9.000.000.000 Euro. Ziemlich viele Nullen für Städte, die kaum weniger Nullen hinter den Jährlichen Defiziten haben. Paris hat in der reinen Stadt etwas über zwei Millionen EinwohnerInnen. Die Metropolregion hat etwa 12,5 Mio. Je nachdem wie man es rechnet hat das Ding also pro Kopf zwischen gut 700 und 4000 Euro gekostet. Die Städte in Deutschland sind im Moment wie gesagt alle pleite. Komplett. Also wie soll das finanziert werden? Welche Kosten kommen auf uns zu? Wer zahlt? Kommune, Land, Bund? Dazu gibt es mal einfach keine Aussagen. Klar kann man jetzt sagen: Wäre ja auch nicht seriös. Wir reden von Olympia 2036 bis 44. Wer allein die Baukostensteigerungen der vergangenen vier bis sechs Jahre erlebt hat, der weiß: Ist nicht seriös zu planen. OK, von mir aus. Aber man könnte ja zumindest sagen, WAS ich denn genau kaufe. Was müsste denn gemacht werden? Reden wir von sanierten Straßen, besserem ÖPNV, besseren Handynetzen und genereller Digitalisierung? Reden wir von Bauten für das Olympische Dorf und ein Olympiastadion? Reden wir von etwas ganz anderem? Das wäre mal ein Anfang. Vielleicht wäre ich ja dann schon bei „Ja“, wenn es heißt: Wir bauen Straßenbahnlinien, wir sanieren Straßen etc. Ist ja ein positiver Impuls.
Wer zahlt den Deckel?
Und noch wichtiger: Man könnte zumindest sagen, wer denn den Deckel eigentlich bezahlt. Schon die Aussage… was weiß ich… Kommunen zehn Prozent, Land 50 Prozent, Bund 40 Prozent wäre eine Aussage. Oder wäre es 50-40-10? Das würde es MASSIV verändern. Denn aktuell würde ich nichts zustimmen, was der Stadt zusätzliche Kosten aufbürdet, wenn nicht ein guter Return dafür kommt. Und man könnte ja auch sagen: Nach HEUTIGEN Kostenschätzungen reden wir von Summe X. Klar, transparent, so seriös wie eben möglich. Bevor ich eine Entscheidung treffe, möchte ich wissen, WAS ich Kaufe und WAS es denn kostet. Was die im Moment in meinen Augen von mir fordern ist, eine verbindliche Aussage zu treffen, gleichsam einen Kaufvertrag abzuschließen, ohne mir zu sagen, was ich kaufe und was es kostet. Find ich…. Schwierig. Mein Grill ist kaputt, ich brauch nen Neuen. „Jo, kauf bei uns“. „Cool, was habt Ihr?“ „Jaaaa kauf erstmal.“ „Und was soll es Kosten?“ „Kauf erstmal“. Krieg ich dann ne Feuerschale ohne Rost für 100.000 Euro? Oder krieg ich nen Gasgrill mit allen Extras, Infrarot-Turbostelle und was weiß ich für nen Fuffi? Keiner weiß es. Und das ist das Problem. Ich mag es nicht, Blancoschecks auszustellen. Herrje, ich mag schon nicht, wenn meine Freundin sagt „Tust Du mir mal nen Gefallen?“ Ja, sehr gern. Aber sag mir bitte erstmal WAS es denn sein soll. DANN sag ich Dir, ob ich es überhaupt kann. Und sie liebe ich über alles und habe ein großes Grundvertrauen. Das ist gegenüber den Verantwortlichen von Stadt, Land und Bund doch…. Sagen wir „etwas“ geringer.
Stimm halt mit „nein“
Also wäre die logische Folge, mit „nein“ zu stimmen. Aber das wäre eben eine Aussage, die auch nicht treffen will. Denn es ist ja jetzt ein vergleichsweise verbindlicher Bürgerentscheid. Fällt der negativ aus, ist die Bewerbung faktisch fast durch. Denn der Entscheid ist ja grad dafür, sozusagen Punkte im Rating-System zu sammeln. Selbst wenn es danach weiter verfolgt würde, wären die Chancen gering. Alles, was ich will, ist eine qualifizierte Entscheidung treffen zu dürfen. Und das lässt man mich nicht tun. Das finde ich durchaus unredlich. Ich kann aktuell weder „Ja“ noch „Nein“ sagen, weil ich schlicht nicht weiß, was die Frage ist. Und ganz ehrlich? Für mich ist das genau das, was Politikverdrossenheit auslöst. Es ist ein Symptom dessen, was schief läuft. Hinterfrage nicht, verstehe nicht, wäge nicht ab, triff Deine Wahl. Wir wollen keine Differenzierungen mehr, demokratischer Diskurs? Dialektik? Scheiß was drauf. Sei für mich oder gegen mich. Wir spalten diese Gesellschaft um jede noch so kleine Frage. Wir trumpisieren die Welt und irgendwie scheint die Mehrheit damit absolut fein zu sein. Das Feld „Gebt mir alle Infos, lasst mich abwägen und fragt in einem Jahr nochmal“, gibt es nirgendwo mehr, es fehlt nicht nur auf dem Wahlzettel für Olympia. Und genau das ist der Punkt, warum – meiner Ansicht nach – immer mehr Menschen in der Demokratie nicht mehr mitspielen. Die wählen dann AfD, wünschen sich einen Herrscher, der mit eiserner Hand durchregiert. Denn gefragt werden sie ja eh nicht mehr. Ja, ist jetzt natürlich ein bisschen hoch gehängt. Natürlich ist nicht die Olympia-Wahl der Grund für den AfD-Aufstieg. Aber es ist ein Symptom derselben Geisteshaltung. Ich fühle mich als Wähler, als Teil dieses Systems, als der Souverän dieses Staates, nicht ernst genommen und verarscht. Ich will nicht der sein, der nicht mehr mitspielt, verweigert und destruktiv ist. Ich will nicht der „Nein“-Stimmer sein. Aber ich will auch keine Blanco-Schecks ausstellen. Und einfach gar nicht wählen will ich auch nicht. Ich habe seit meinem 18. Geburtstag bei jededer noch so kleinen Wahl meine Stimme abgegeben. Land, Bund, Kommunal, Europa, Betriebsrat und so weiter: Ich habe IMMER gewählt. Auch wenn es zwischen Pest und Cholera war. Aber hier weiß ich zum Verrecken nicht, was ich tun soll und das macht mich ehrlich gesagt wütend.