Vom Havertz-PK und Fußballromantik

Während ich diese Zeilen schreibe läuft das Testspiel Deutschland gegen Japan. Ob das jetzt ein guter oder schlechter Auftritt ist, darüber will ich gerade gar nicht urteilen. Ich finde das Spiel im Vergleich zu vielen der vergangenen paar Jahre besser. Aber das soll jeder für sich entscheiden. Mir ist gerade etwas anderes wichtig: Mehrfach wurde in der Übertragung der PK-Aufttritt von Kai Havertz thematisiert. Der hatte kritisiert, dass die Mannschaft die Unterstützung aus der Heimat bei der WM vermisst habe. Und es wird gesagt, dass vielen Fans das übel aufgestoßen sei. Und ich muss sagen: Es zeigt, wie wenig die Spieler verstehen, was in der Welt vorgeht. Zunächst muss ich sagen: Wer diesen Blog hier verfolgt der wird wissen, dass ich von diesem Turnier in Katar keine Minute geguckt habe. Und bei mir hat sich das weniger gegen Katar gerichtet, als gegen die FIFA. Ich finde, dieser Verein hat sich mittlerweile so weit in eine Parallelwelt begeben, dass es einfach für mich nicht mehr tragbar ist. Ich bin mir auch noch nicht sicher, wie ich mit den kommenden Turnieren umgehen werde. USA, Kanada und Mexiko sind sicher keine Länder, gegen die ich per se etwas habe (Kanada am allerwenigsten), aber auch das zeigt schon: Wenn eine Nation wie die USA nicht in der Lage ist – oder sich nicht in der Lage sieht – das Ding allein auszurichten, dann ist das ein Symptom eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Systems. Die USA haben wohl die mit Abstand abgedrehteste Stadioninfrastruktur der Welt. Die Stadien die NFL sind absolute Paläste. Danach kommen dann Deutschland und England und dann kommt lange, lange nix.

Havertz lebt in der FIFA-Milliarden-Welt

Nun, Kai Havertz wiederum beklagt, dass das Team Unterstützung gebraucht habe. Und generell ist das ja ein gutes Zeichen. Die Spieler sagen damit: „Fans, ohne Euch sind wir nichts“. So weit so gut und positiv. Allein: Er ist Teil einer Milliardenindustrie. Er zählt zu den Spielern, die weltweit die meisten Transfersummen gedreht haben. Zwei Transfers – von Leverkusen zu Chelsea und von Chelsea zu Arsenal – haben jeweils über 70 Millionen Ablöse gekostet. Er dürfte mal DEUTLICH zweistellige Millionenbeträge im Jahr einspielen. Plus Werbeverträge. Nun sind die Menschen, deren Unterstützung er einfordert, in der absoluten Überzahl froh, wenn sie 50.000 Euro brutto im Jahr verdienen. Havertz dürfte mit allen Einkommensquellen vermutlich im Bereich von 20 Mio im Jahr liegen. Das macht dann knapp 55.000 Euro Brutto – AM TAG! Und hier sind wir beim Problem. Solche Einnahmen für die Profispieler sind an einem bestimmten Punkt über reine Trikotverkäufe, Pay TV und was der Dinge mehr sind, die der normale Fan von seinen 30, 40 oder 50.000 Brutto im Jahr so kauft, nicht mehr einzuspielen. Also braucht es von den Verantwortlichen ein Ende der Moral. Das ließ sich bei Bayern München mit den Diskussionen um das Katar-Air-Sponsoring gut beobachten. Man kann in diesem Konzert nur mitsingen, wenn man mit Katar, mit China, mit Russland und entsprechenden Firmen zusammenarbeitet. Ein Potentat, ein Diktator, einer, der Menschenrechte verletzt? Naja, wenn er genug zahlt, dann ist er in der Familie willkommen. Der Fan sieht das anders. Er mag noch akzeptieren, dass es Hoffenheim oder Red Bull Leipzig in der Bundesliga gibt. Für mich zum Beispiel kein großes Problem. Beide Teams mag ich aufgrund der Art WIE sie es machen (junge Spieler kaufen und für den fünffachen Wert wieder abgeben) übrigens DEUTLICH mehr als Wolfsburg, eine Mannschaft, die die Betriebsmannschaft eines Konzerns ist, der zu einem Viertel dem Land Niedersachsen und damit dem Steuerzahler gehört. Und von dem dieser Verein mehr Sponsorengelder kassiert, als Bayern München oder Borussia Dortmund es mit einem Vielfachen der Fans es von ihren Hauptsponsoren tun. (Übrigens: Das Spiel gerade findet in Wolfsburg statt…). Was der Fan aber möchte, ist ein gewisser Grad von „Romantik“. Er möchte, dass es etwas zählt, ob ein Verein ein, zwei oder drei Millionen Anhänger hat, wie zum Beispiel Kaiserslautern, Nürnberg oder Hamburg, oder ein paar Tausend wie eben Hoffenheim, Wolfsburg oder mit Abstrichen (weil das Team des Ostens) Leipzig. Der Fan hat ein Problem damit, wenn ein Potentat aus Saudi-Arabien mal eben sagt „Komm, ich scheiß was drauf, ich nehm mal zwei Milliarden aus der Portokasse und kauf mir nen Verein in England oder ne WM.“

Der Fan hat ein Gespür, die Spieler sind in der Blase

Der Fan spürt seit langem: Irgendwas läuft schief. Die FIFA hat sich mittlerweile so weit von ihrer Basis entfernt, dass es nicht mehr lustig ist. Mag sein, dass Deutschland hier etwas sensibler ist, als andere Nationen. Unsere Geschichte macht uns vielleicht en Gros (leider gibt es immer mehr Menschen, für die das nicht gilt, siehe aktuelle Wahlumfragen) etwas empfänglicher oder sensibler für Dinge wie Menschenrechtsverletzungen und auch ein sich verselbständigendes System. Und das liegt hier vor. Der Profifußball hat sich meilenweit von der Basis entfernt. In der Bundesliga mit 50+1-Regel und einigen „Small-Market-Teams“ wie Augsburg, Mainz, Freiburg oder – obwohl in der größten Stadt Deutschlands gelegen, aber trotzdem von seiner Art her eher ein Außenseiter – Union ist das noch nicht ganz so krass. In England ist es schon übel. Kaum ein Team kommt noch ohne ausländischen Großinvestor, gern aus Ländern, die es mit Menschenrechten nicht so genau nehmen, aus. Dazu gibt es TV-Gelder, die sich viele Fans gar nicht leisten können. In Spanien ist es für die Topteams ähnlich. Und wenn wir dann zu UEFA, und am schlimmsten, FIFA kommen, wird es halt übel. Man trägt die Rechte der kleinen Nationen wie eine Monstranz vor sich her und zugleich können sich die USA keine WM in Alleingang leisten. Fragen? Ich nicht.

Haverts lebt in der FIFA-Welt, die Fans in der Realen

Und genau in dieser Welt lebt Kai Havertz. Und natürlich auch alle anderen. Ob Kimmich, Sané, Süle, Schlotterbeck, Müller oder Rüdiger. Man könnte hier wohl jeden Spieler im Kader des Nationalteams, jeden bei Bayern, Dortmund oder Leipzig, jeden in der Premier League und bei PSG, Real oder Barca nennen. Der Fan hat, davon bin ich überzeugt, Verständnis dafür, wenn ein Spieler, der bei Team A 500.000 Euro verdient, zu Team B wechselt, wenn er da zwei Millionen verdient und damit seine Rente durchbringt. Aber es fehlt das Verständnis, wenn er bei Team A fünf Millionen verdient (und damit nach einem Jahr ausgesorgt hätte) und aus finanziellen Gründen zu Team B wechselt, weil er da 20 Millionen verdient. Denn der Mehrwert ist überschaubar. Weder Sicherheit noch sonstwas ist dadurch gegeben. Sondern obszöner Luxus wie der vierte Sportwagen oder Gold-Steaks. Und das versteht der Fan nicht. Schon gar nicht, wenn man dafür seine Seele verkauft.

Klima und Menschenrechte, irgendwas ist immer

Die Leute, die heute die Musik bezahlen und damit bestimmen, was gespielt wird, haben nicht minder obszön viel Geld. Gern, indem sie mit der Mineralölindustrie verbunden sind. Damit nehmen sie die ganze Welt in Geiselhaft, ihren Stoff zu kaufen – zu fast beliebigen Preisen. Sie ruinieren das Klima und die Luftqualität in Städten, sie zerstören Ökosysteme mit Pipelines und Oil-Spills, sie sind so reich, dass sie meinen, man dürfe sie nicht kritisieren. Und haben es daher nicht mit Meinungs- und Pressefreiheit und damit mit Menschenrechten. In Deutschland scheinen viele Menschen immer noch so sehr Demokraten durch und durch zu sein, dass sie rational wissen oder zumindest spüren, dass da irgendwas nicht stimmt. Und damit ziehen sie an irgend einem Punkt die Reißleine. Ich denke und bin überzeugt: Das wird früher oder später auch in anderen Ländern passieren. Zunächst in Resteuropa, dann in Nordamerika, dann im Rest der Welt. Ob das in 10, 20 oder 30 Jahren passiert, bleibt abzuwarten. Aber ich glaube: Der Profifußball und die FIFA vorn weg müssen sehr schnell gegensteuern, sonst wird die Zahl derer, die sich emotional verabschieden, immer größer werden.

Ich bin in weiten Teilen nur noch aus Gewohnheit dabei

Ja, ich selbst bin vielleicht jemand, der Moral und Ethik höher gewichtet, als der Schnitt der Menschen und bereit ist, dahingehend auch Konsequenzen für mich zu ziehen. Aber was ich bei der WM gemerkt habe: Mich hat das nicht belastet, nicht zu schauen. Ich habe es nicht vermisst. Noch vor acht Jahren wäre das für mich selbst bei einem Testspiel undenkbar gewesen. Ich habe den emotionalen Bezug zu Weltmeisterschaften komplett verloren und der zur Bundesliga wackelt. Ich verfolge mit Begeisterung den weitgehend ehrenamtlich betriebenen Sport der Krefeld Ravens. Auch hier würde ich mir manchmal noch mehr Standpunkt wünschen, verstehe aber auch dass man sagt: In manchen Themen ist es für uns wichtiger, mit den Verantwortlichen gut auszukommen. Ich unterstützte das Projekt mit Leidenschaft und viel Zeit und Energie. Den Fußball unterstütze ich mit Geld über TV-Verträge. Aber ich beginne, darüber nachzudenken, ob ich das noch will. Und ich glaube, ich mag hier ein, zwei oder fünf Jahre vor den Millionen Fans in Deutschland sein. Aber ich bin nicht allein. Havertz und co. Fühlen sich in ihrer Parallelwelt ungerecht behandelt. Dabei spüren sie nicht, wie kurz sie meiner Ansicht nach davor sind, auch ihre Millionenverträge im kommenden Jahrzehnt zu verlieren. Die Fans wollen Sport und Kampf, nicht Millionäre. Und es gibt dutzende toller Sportarten, die das liefern. Von Eishockey und Football über Handball und Basketball bis Hockey und Rugby. Der Fußball ist dabei, seine eigene Vormachtstellung durch pure Gier zu vernichten. Die Havertz-PK zeigt, wie weit sich die Welten voneinander entfernt haben. Und vermutlich wäre der große Knall gut für den Sport, die Gesellschaft und vor allem: die Moral!

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