Von Gottschalk, Sprechverboten und dem Wandel der Zeiten

Okay, jetzt habe ich mir das Schauspiel ne gute Woche angesehen. Und noch immer wird über „Gottschalk-Gate“ geredet. Eigentlich fand ich das gar nicht so wichtig, aber nachdem ich jetzt einige Social-Media-Posts dazu gelesen habe, die mich aufregen, möchte ich jetzt doch was dazu schreiben. Also, was ist geschehen? Ein früher mal sehr erfolgreicher TV-Moderator hat mit 73 Jahren die Karriere beendet. So weit so normal. Nun hat er am Ende seiner letzten Sendung zum Abschied gesagt, er höre auf, weil er nicht mehr so sprechen könne, wie zu Hause. Er dürfe sich nicht verhalten, wie im Wohnzimmer und überhaupt würde er für jeden zweiten Satz nen Shitstorm kassieren. Darum (unter anderem) gehe er. Für viele Menschen, die ohnehin mit Gendern und gesellschaftlichen Veränderungen wie Rechten für die LGBTQ-Community, mit Migration und so weiter fremdeln, ist es sozusagen der Urknall des „Verlusts der Normalität“. Gottschalk habe „ausgesprochen, was große Teile der Bevölkerung denken“. Und überhaupt dürfe man ja gar nichts mehr sagen.

Wandel hat es schon immer gegeben

Und das ist auf so unfassbar vielen Ebenen falsch! Ich glaube, mit am besten hat das bislang Sarah Bosetti in „Bosetti will reden“ zu diesem Thema dargestellt. Der Punkt ist doch: Wir haben da einen sehr erfolgreichen, reichen, höchst privilegierten Mann, der in seinem ganzen Leben – oder zumindest den vergangenen 40 Jahren – immer nur von allen Seiten gehört hat, wie toll er sei. Und ja, auch ich fand ihn gut. Aber nun setzen gleich mehrere Effekte ein: Punkt eins: Gesellschaft hat sich schon immer gewandelt. Als Gottschalk in den 80ern groß wurde, da waren Moderatoren aus den 40ern eher nicht mehr angesagt. Oder nur noch bei den ganz Alten. Damals fiel das nur nicht so krass auf, denn der Wandel des Generationswechsels im Fernsehen, das in diesem Sinne ja erst nach dem Krieg richtig aufkam, ging ein bisschen im aufkommenden Privatfernsehen unter. Was aber halt entscheidend ist: Die Art, die Witze, die Sprache der 40er (sagen wir, der ganz späten 40er und frühen 50er, um die Nazi-Sache raus zu nehmen), kam in den 80ern und frühen 90ern auch nicht mehr an. Sie zogen kein Publikum mehr oder wurden kritisiert, galten als langweilig und nicht mehr zeitgemäß. Nur halt nicht so öffentlich, denn es gab noch kein Internet und so laut wurde es darum nicht. Überhaupt sind 40 Jahre in einer gesellschaftlichen Entwicklung eine verdammt lange Zeit. Speziell wenn es in einer so disruptiven Zeit wie der unseren passiert. Wir haben die digitale Revolution, wir haben in dieser Zeit das Ende des Kalten Krieges erlebt (wenn er heute auch wieder „neu“ aufkommt), wir haben eine Pandemie erlebt, wir erleben die Klimakatastrophe und noch ein paar Dinge mehr. Da verändern sich Gesellschaften. Außerdem ist es einfach etwas anderes, ob ein 30-Jähriger mit flockigen Sprüchen und flirtigem Gehabe daher kommt, oder ein 73-Jähriger, der sein Hörgerät justieren muss, um die Antworten zu verstehen. Ja, ich benehme mich selbst auch hin und wieder „jünger“ als ich bin. Aber bei dem, was er macht, ist es eben auch oft nicht „natürlich“ oder authentisch, sondern, wie man neudeutsch sagt, „cringe“. Also frei übersetzt: Zum fremdschämen. Wenn sich Gottschalk darüber beschwert, dass er sich nicht mehr verhalten, nicht reden und handeln dürfe, wie mit 30, dann ist es im Grundsatz ein alter Mann der alle Welt dafür verantwortlich macht, dass er nicht mehr jung ist und die Welt nicht mehr ist wie damals. Dabei ist beides ein ganz normaler Vorgang und schon von den Sumerern gibt es Texte, die genau das beklagen. Get over it, bro, möchte man ihm in bewusst übertrieben jugendlicher Sprache zurufen.

Meinungsfreiheit? Klar! Aber für alle!

Noch krasser als das finde ich aber die Sache mit der Meinungsfreiheit. Er hat, glaub ich, das Wort nicht genutzt, aber gemeint. Er sagt, er dürfe ja nicht mehr sagen, was er so daheim sagt. Zunächst einmal: Ich habe nun auch ein bisschen Moderations- und Kommentarerfahrung. Ich kommentiere oder habe kommentiert: Eishockey-, Handball-, Football und einmal auch Fußballspiele. Ich moderiere eine Sendung der Krefeld Ravens sehr regelmäßig und habe auch schon ne öffentliche Gesprächsrunde moderiert. Nun muss ich sagen: In JEDER dieser Sendungen und Veranstaltungen habe ich mich anders verhalten, anders geäußert, anders gegeben, als im Wohnzimmer mit Freunden. Es beginnt damit, dass ich daheim meist in Jogginghose rum laufe – die würde ich öffentlich aber niemals in ner Sendung tragen. Ich formuliere Dinge anders, denn ich spreche ja für ein Publikum, das mich nicht kennt. Bei meinen Freunden reicht manchmal ne Andeutung oder der Kontext ist bereits da, ich muss ihn nicht herstellen. Es ist mehr als normal, sich öffentlich anders zu geben als im privaten Raum. Besonders wichtig aber: Man darf heute sogar mehr sagen, als früher. Gerade im rechten Spektrum sind „dank“ der AfD mit Unterstützung der Union und einiger anderer, die unbedingt die Gewässer befischen wollen, Dinge sagbar, mit denen man in den 80ern noch komplett „raus“ und aufs Leben diskreditiert gewesen wäre. Nur gibt es heute eben einen Unterschied: Damals hatten eben die Leute, die sich dran gestört haben, wenn was gesagt wurde, a) weniger Lobby (gerade LGBTQ-Community, Frauen und MigrantInnen) und b) und vor allem: Kein Internet. Das macht dann Shitstorms wie man sie heute versteht schon schwer. Richtig ist allerdings: Es ist fast unmöglich, sich heute zu irgendwas zu äußern, ohne nen Shitstorm hervorzurufen. Wenn ich etwas „80er-lastig“ rede, sind das eben eher Linke, wenn ich brav gendere sagen die Rechten und Konservativen, dass sie genervt seien. Oder spreche falsch, habe die falschen Kleider an, bin zu groß, zu klein, zu dick oder dünn. Egal. Das hat aber nichts mit Cancel-Culture zu tun, sondern mit dem Internet an sich. Am Ende sagt eben Meinungsfreiheit, dass ich es SAGEN darf. Ohne Repressalien durch den Staat. Es sagt aber keinesfalls, dass ich ein Recht auf Widerspruchsfreiheit hätte. Im Gegenteil! Am Ende ist genau diese ständige Erregung aller Seiten über alles der perfekte Beleg FÜR die Meinungsfreiheit. Denn die gilt eben (in den Grenzen des StGB) für JEDEN. Und das heißt: Ich muss aushalten, wenn es Gegenwind gibt. Kann ich etwas sagen, ohne jemals Kritik zu haben, bin ich entweder der genialste Mensch der Welt – oder ich sollte verdammt genau hinsehen, ob ich nicht in einer repressiven Diktatur lebe.

Mangelnde Selbstreflexion macht sprachlos

Was mich an der Nummer dann am meisten stört ist die mangelnde Selbstreflexion wie oben schon angedeutet. Da ist ein alter Mann, der diesen Fakt einfach nicht akzeptiert. Wenn er sich hingestellt hätte und gesagt hätte: „Leute, ich bin ein Kind der 80er, da bin ich mit meiner Art bewundert worden. Heute fremdle ich mit der Welt. Ich möchte gern immer noch everybody’s darling sein und ich versuche es. Aber ich bin ein alter Mann, ich kann das nicht mehr. Meine Art, mich zu äußern, kann ich nicht ändern, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Und was früher authentisch war, kommt heute als gewollt jugendlich rüber. Diese ganze Internetwelt, die einen für alles zerreißt, das ist mir außerdem zu anstrengend. So Shitstorms mögen heute dazu gehören und ich weiß, dass vor allem viele Kolleginnen da noch viel krasseren Scheiß bekommen, als ich. Aber mich schafft das. Ich krieg das nicht mehr hin. Wenn aber adaptieren und aushalten beides keine Optionen sind, muss ich eben schweren Herzens die Konsequenzen ziehen. Aber macht Euch keine Sorgen, ich falle sehr weich, meine Schäfchen sind so trocken, wie sie nur sein könnten. Es war mir ein Fest, es war ne tolle Zeit, aber alles Schöne geht mal zu Ende. Danke, dass ich nach dem eigentlichen Ende von ‚Wetten dass’ noch einmal für ein paar Sendungen zurückkommen durfte.“ Das wäre eine Aussage der Größe, der Selbstreflexion gewesen und hätte am Ende das Gleiche gesagt. Nur halt mit ner Prise Selbstkritik. „Mimimi ihr lasst mich nicht mehr so sein wie vor 40 Jahren“? Doesn’t get the job done. Sorry.

Die Sehnsucht nach der einfachen Welt

Am Ende ist es doch vor allem eins: Die irrationale Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Klar waren die 80er in vieler Hinsicht einfacher. Es gab klares Schwarz und Weiß. Im Bond wusste ich nach 3 Minuten, wer der Böse ist, denn der hatte russischen Akzent. Und er war eigentlich immer ein Mann. Ich konnte im Prinzip über jede Randgruppe ablästern. Und da ich als weißer, vergleichsweise wohlhabender CIS-Mann oder Junge keiner angehör(t)e, war das schön leicht. Worte, die andere Menschen verletzten, konnte ich öffentlich laut sagen. Ich musste eigentlich nicht nachdenken, wenn es nicht grad um das 3. Reich ging. Ich musste nicht über Klima nachdenken. Jetset und Yuppies, das waren Ideale. Ebenso wie Konsum. Man aß Fleisch und kümmerte sich weder um gesellschaftliche Folgen, noch um die „Viecher“. Man hat sehr stark in den Tag hinein gelebt. Die Nachteile? Naja, jeden Tag war es eine reale Möglichkeit, dass der „rote Knopf“ gedrückt wird. Aber, hey, was soll’s, hm?! Und dass man eben als Frau sehr viel weniger Rechte und Möglichkeiten als heute hatte? Mir doch egal, bin ja keine. Und dass ich als Homosexueller eben nicht so schön leben konnte? Ja und? Bin ich schwul? Nö. Und so geht es weiter. Ich persönlich bin froh, dass wir da heute ein ganzes Stück weiter sind. OK, beim Klima wäre ich gern weniger weit – oder weiter in der Bekämpfung und weniger weit in der Entwicklung. Aber irgendwas ist ja immer. Der Punkt ist: Die Welt hat sich verändert. Und sie hat sich gesellschaftlich zum Besseren verändert. Denn es gibt weniger Opfer. Darüber sollte man sich IMO eher freuen, als zu lamentieren. Auch als alter, reicher, weißer CIS-Mann. Zumindest, wenn man für drei Cent Selbstreflexion hat…

Ein Kommentar zu “Von Gottschalk, Sprechverboten und dem Wandel der Zeiten

  1. Gut gesagt, ganz meine Meinung!
    Größe oder Selbstreflexion wie du sie ihm wünschen würdest hatte er noch nie.
    Auch da haben sich die Zeiten geändert: mit dieser rumpeligen und schroffen Art kam er früher noch durch, heute finden das nur noch die Alten lustig und akzeptabel, die schon damals immer „dem Thommi“ applaudiert und gutmütig über seine schlechten Witze gelacht haben. Das jüngere Publikum holt er damit nicht mehr in die Einschaltquote.
    Fun fact: der Typ macht zwar Webung für Hörgeräte, weil er das Alter der Zielgruppe hat – trägt aber keine. Nur mal so am Rande geäußert.

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