Dieser Beitrag ist inspiriert von einer Reihe Diskussionen, die ich auf Facebook habe. Immer wieder taucht dort ein Argumentationsschma auf. Demnach seien die armen Rechten die echten Unterdrückten und Freiheitskämpfer (hier erübrigt sich weitgehend das Gendern). Doch schauen wir uns das mal in Ruhe an: Es ist eine bekannte Sache im Christentum: In den Johannesbriefen wird gesagt, dass der Antichrist, wenn er auftritt, das als falscher Messias tun wird. Die Prophezeihung lautet also, dass der Antichrist niemals sagen wird „Hey, Leute, ich bin der Antichrist, folgt mir“, vielmehr wird er sagen „Ich bin der Messias, folgt mir“. In Bezug auf Trump wird das ja oft genug zitiert. Aber das Konzept dahinter ist in unserem Kulturkreis sehr bekannt. Übrigens gibt es ähnliche Dinge auch im Islam. Da ist es der Daddschal, der die Menschen täuschen wird und sich mit übernatürlichen Fähigkeiten als Gott oder Prophet präsentieren wird. Heißt also: Das Böse wirbt nicht für sich als „Komm zur Dunklen Seite“ á la Star Wars. Vielmehr wird es sagen: „Ich bin das Gute, ich kämpfe gegen das Böse“ und will die Leute dann dazu bringen, alles zu glauben, was er sagt. Besonders perfide: Es wird natürlich dagegen „impfen“, die andere Seite zu verachten und als das Böse anzusehen. Denn man ist ja auf der Seite des Guten, des Wahren, des Reinen und muss jeden Widerspruch als das absolut Böse verdammen. Man muss also besonders sorgsam sei, will man darauf nicht hereinfallen.
Der Faschist ist der politische Antichrist
Etwas ähnliches passiert heute in der politischen Landschaft. Denn der Faschismus tritt zwar eigentlich relativ offensichtlich auf – heute aber nicht mehr mit dem Claim „ich bin der Faschismus“. Vielmehr gibt er sich alle Mühe, im Gewand der Demokratie und des Antifaschismus’ daher zu kommen. Sicher sind viele WählerInnen heute nicht zwingend Asse in Geschichte. Aber dass das Dritte Reich eher so semi war, das hat sich dann doch bei den allermeisten herumgesprochen. So wäre es eher blöd, öffentlich aufzutreten mit „Wir sind die Faschisten, wir wollen die Macht, wir wollen das neue Dritte Reich“. Das Wählerpotenzial wäre gerade in Deutschland eher gering. Ja, fünf bis zehn Prozent könnte man leider heute wohl wieder erreichen, aber für ne „Manchtergreifung“ wäre das zu wenig. Zumal auch die krassesten Machtgeilen unter den Demokraten (kann sich jetzt jeder selbst denken, wer hier gemeint sein könnte) an DEM Punkt eher abwinken würden, was eine Zusammenarbeit angeht. Und auch Artikel 21 Grundgesetz würde hier schnell zum Problem. Darum kann eine demokratiefeindliche Partei heute nicht offen so auftreten. Und auch ihre AnhängerInnen können das nicht. Sie muss sich zumindest nach außen hin den Anstrich geben, Verfassungstreu zu sein. Von wem ich spreche ist klar: die AfD. Sie stellt sich hin und gibt vor, demokratisch und nicht faschistisch zu sein. Man will es dem Verfassungsgericht ja nicht ZU einfach machen und man will eben mehr als zehn Prozent Dumme abgreifen.
Nur gibt es da ein Problem: Viel zu viele Leute durchschauen, was die Partei will. Sie demonstrieren, wie jüngst in Erfurt in Gießen oder bei den großen Protesten gegen die „Remigration“, was mit über 3 Millionen Teilnehmenden die größte Demonstrationswelle in der deutschen Geschichte war, sie fordern ein Verbotsverfahren und sie versuchen, die Leute bei der AfD für das, was sie so äußern, auch verantwortlich zu machen. Das ist natürlich ziemlich lästig und nervig für diese. Wer heute noch Ideen einer Volksgemeinschaft, von Nationalismus über ein gewisses Maß hinaus, Rassenideologien und Einschränkungen der Rechtsstaatlichkeit so richtig leben will, der hat ein Problem. Er/sie muss sich ständiger Angriffe erwehren. Das zermürbt, das macht WählerInnen abspenstig und es sorgt dafür, dass man eben einfach schlecht dasteht. Was also tun? Irgendwer in der Partei hat offensichtlich mal zufällig die Bibel gelesen und kam auf die Johannesbriefe. Wenn der Antichrist sich als Christ aufspielen kann, warum kann dann nicht der Faschist beim next coming sich als Antifaschist hinstellen? Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits kann man den anderen diffamieren und andererseits kann man sich selbst in eine Messiasrolle stecken. Denn der Antichrist wird natürlich den Messias am heftigsten angreifen. Übertragen wir das Konzept also, dann ist der am heftigste vom falschen Antifaschisten (der ja in dieser Lügenerzählung der Faschist ist) am heftigsten Angegriffene der wahre Antifaschist und mithin natürlich streng demokratisch. Einfacher kann man sich nicht rein waschen und genau das passiert natürlich. Das ist jetzt keine weltbewegende Erkenntnis, für ziemlich genau 72 Prozent der Menschen in diesem Land ist das etwa so sensationell wie die Erkenntnis, dass man mit ner Niederlage im Sechzehntelfinale in den seltensten Fälle Weltmeister wird. (Naja, es sei denn vielleicht, man wäre die USA und Trump hätte ein paar Mal Infantino angerufen. Was bei roten Karten geht, geht notfalls auch bei Niederlagen. Aber das nur am Rande). Aber da sind eben noch die 28 Prozent, die das offenbar kaufen. Also: Wie macht man das jetzt genau? Auftitt: der Linksfaschist.
Der schwarze Schimmel, der farblose Regenbogen, kurz: Bullshit
Was genau soll das sein, fragt sich der geneigte Beobachter. Denn ein Linksfaschist ist rein von der Definition her sowas wie ein schwarzer Schimmel oder ein farbloser Regenbogen, um im Bild zu bleiben. Eine Definition von Faschismus zu finden ist gar nicht so leicht. Denn es gab und gibt unterschiedliche Spielarten. Es gibt aber Grundzüge, die immer gemein sind. Vor allem eine Überhöhung des eigenen Volks, eine Erzählung „wir“ gegen „die“ wobei „die“ immer alle anderen sind – insbesondere auch Menschen aus anderen Ländern. Faschismus sieht immer das eigene Volk als Krone der Schöpfung, es sind grundsätzlich rückwärtsgewandte Ideologien, die einen vergangenen Zustand idealisieren, den es in der Realität so nie gegeben hat. Und es beinhaltet immer eine Ablehnung von Diskurs und jeder Art von Widerspruch. Klassisch linke Ideologie beinhaltet eine Gleichstellung aller Menschen, egal, welcher Art, ob Ethnie, ob Klasse oder Qualifikation. Links bedeutet ein eher differenziertes Verhältnis zur Nation bis hin zur Ablehnung derselben, es betont meist den Diskurs und ist progressiv, also auf Veränderung ausgerichtet. Alles also das genaue Gegenteil von Faschismus.
Alles, was der AfD aktuell noch etwas fehlt, ist der eine Führer (vermutlich keine Frau!)
Und nun schauen wir uns doch die AfD an: Man propagiert eine rückwärtsgewandete Ideologie, ein Ideal einer Familie und eines Deutschtums, das es in der Form tatsächlich nie gegeben hat. Am ehesten noch im Dritten Reich. Bei Kundgebungen werden allerlei Fahnen geschwenkt. Während es bei Gegendemos meist Regenbogenfahnen oder so sind, sind es bei AfD-Kundgebung Deutschlandfahnen, oft auch ganz offen Reichs- oder gar Reichskriegsflaggen. Die AfD will keine Veränderung, keine Energie- oder Verkehrswende. Sie will einfach alles so lassen wie es ist – auch das, was nachweislich nicht funktioniert. Kritik lehnt man so weit ab, dass man sogar die Wissenschaft leugnet. Absoluten wissenschaftlichen Konsens wie eben Klimakatastrophe oder Genderstudies lehnt man schlicht ab. Und sogar eine Tendenz zum Führerkult gibt es. T-Shirts wie „Team Merz“ oder „Team Habeck“ habe ich nie gesehen. „Team Alice“-Shirts sind auf allerlei Veranstaltungen zu sehen. Auch Höcke macht so ein bisschen einen auf den „charismatischen Führer“. Wird noch spannend, wer von den beiden am Ende die Hoheit gewinnt. Ich würde allerdings auf Höcke tippen. Denn Weidel ist nicht nur ne Frau, sie ist auch noch homosexuell und lebt im Ausland. Zu viel Angriffsfläche, wenn es mal hart auf hart geht zwischen den beiden.
Zwiespalt: Das Feindbild der „Linken“ wird gebraucht
Doch zurück zum „Linksfaschisten“, den es etwa so viel gibt wie kleine grüne Marsmännchen, wie wir gesehen haben. Warum baut die AfD und in ihrem Gefolge sogar Teile des bürgerlichen Lagers, eine derart dümmliche Art von Feindbild auf? Es wäre ja viel einfacher, zu sagen: „Leute, Ihr seid doch gar keine Linken. Ihr seid Faschisten.“ Nun, das hätte das Problem, dass man eben den eigenen Claim verliert. Denn Faschisten sind Rechts. Immer gewesen. Die Definition zeigt: Genau das sind Claims, die die Rechten besetzen. Alles soll bleiben, wie es ist. Keine Veränderung, Keine Umverteilung, die Reichen bleiben reich, die Armen bleiben arm, Kulturell verändert sich mal gar nichts und damit das so ist sollten wir möglichst ethnisch genormte Gruppen haben. Selbst der krasseste AfD-Depp würde vermutlich irgendwann sagen: Da stimmt doch was nicht. Was die behaupten sind doch linke Dinge. Und überhaupt hat man ja mit viel Mühe das Feindbild „Links“ aufgebaut. Da wäre es ja schwierig, das jetzt wieder zu zerstören. Links ist böse, links ist wirtschaftsfeindlich und überhaupt. Allein für den letzten Punkt könnte man dabei ganze eigene Bücher schreiben. Fun-Fact: Meist funktioniert eine eher sozial ausgerichtete Wirtschaft viel besser. Reiche zu besteuern bringt viel mehr Einnahmen, als Arme zu besteuern. Wenn ich umverteile, habe ich viel mehr KonsumentInnen. Nichts kurbelt z.B. die Binnenkonjunktur mehr an, als eine Erhöhung von Hartz IV, Bürgergeld, Grundsicherung oder wie das Kind nächste Woche heißt. Denn diese Menschen haben eine Sparquote von NULL. Jeden Cent, den sie kriegen, geben sie aus. Zunächst vor allem für Nahrung, wenn es was mehr ist für Kleidung, wenn es noch mehr ist auch mal für Socializing, also Kino, Gastronomie oder dergleichen. Reiche geben ihre Kohle für Immobilien oder so aus. Das hat auf die Wirtschaft nur einen einzigen Effekt: Massiv steigende Preise aufgrund großer Nachfrage. Und in der Folge, da InvestorInnen ja diese Preise wieder rein holen müssen: hohe Mieten. Glückwunsch! Clinton, Obama oder Biden, die demokratischen US-Präsidenten, haben weitgehend ausgeglichene, teils sogar positive Haushalte hinterlassen. Reagan, die Bushs oder Trump haben Rekorddefizite kreiert. Woher die Legende der hohen Wirtschaftskompetenz Konservativer kommt, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Aber das nur am Rande, gleichsam als kurzer Exkurs. In Deutschland haben wir zu wenig linke Regierungen gehabt, wenn überhaupt mal, um hier belastbare Zahlen zu kriegen.
Der Faschist als Baukasten: Nimm, was Dir gefällt und lass anderes raus
Zurück zur Legende der „Linksfaschisten“. Da gibt es ja dann noch eine weitere Legende, die dazu gehört: die der unterdrückten Meinungsfreiheit. So nehmen wir uns aus dem komplexen Begriff des Faschismus’ einfach ein paar Dinge raus. Der Faschist hat in dieser Version kein Weltbild, er will einfach unterdrücken, einschränken und umdefinieren. Vor allem eben in der Meinungsfreiheit. Rücksicht, sprachliche Vorsicht und so weiter werden zum Unterdrückungstool. Und oh, wie wir das erleben! Denn ein Dieter Nuhr zum Beispiel, wird ja gefühlt jede zweite Stunde komplett gecancelt. Er darf GAR NICHTS mehr sagen. Der arme Kerl. Hört man sich das an, dann sitzt der seit Jahren in einem Deutschen Guantanamo. Er hat keinerlei Zugang zu Internet oder darf sich nicht öffentlich äußern. Wie in China, Russland oder Iran. Und die ganzen Linken, deren Meinungen werden gefördert und transportiert. Das ist, etwas überspitzt, die Legende. Und dann schauen wir uns das an. Sarah Bosetti hat eine Sendung am Sonntag um 22 Uhr oder so auf 3Sat. Heute-show oder Böhmermann laufen um 22.30 Uhr und 23 Uhr am Freitagabend. Die Anstalt zu ähnlichen Zeiten am Dienstag. Die Mitternachtsspitzen heißen nicht so, weil sie zur Primetime laufen. Und das auf dem Dritten. Und Nuhr? Der ist eigenltlich der einzige mit einem Prime-Time-Format. ARD. 20.15 Uhr. Mario Barth, der einen ähnlichen „Humor“ hat, ist gefühlt der heimliche Programmdirektor des größten deutschen Privatsenders RTL. In praktisch jeder Talkshow sitzt irgendein/e AfD-VertreterIn, ganz egal, ob er oder sie substanziell was zum Thema zu kamellen hat, oder nicht. Also was canceln angeht muss der ach so linke ÖRR, wie auch die Medienlandschaft insgesamt, aber dringend mal Nachhilfe in China oder Russland nehmen…
Inhaltliche Kritik ist KEINE Zensur!
Was tatsächlich passiert, ist, dass Nuhr für das, was er ablässt – und was auch in meinen Augen heute schwer erträglich ist – viel Gegenwind erhält. Leute hören sich den Quatsch an und schreiben dann, was sie davon halten. Das ist aber keine Unterdrückung der Meinungsfreiheit, sondern es IST gelebte Meinungsfreiheit. Toleranz wird mit einem „L“ geschrieben. Man muss es nicht toll finden! Ich akzeptiere, dass Nuhr diese Meinung hat und ich bin total dafür, dass er sie äußern darf. Aber ich nehme mir das Recht heraus, zu sagen, dass z.B. seine Aussagen zu Gewalt gegen Frauen auf so vielen Ebenen falsch, menschenverachtend und regelrecht dümmlich waren, dass es nichtmal mehr komisch ist. Und dass ich darüber längst nicht mehr lachen kann. Noch vor zehn Jahren fand ich ihn echt gut und lustig. Irgendwann kurz vor Corona ist er – in meinen Augen – kolossal falsch abgebogen. Heute schau ich es mir überhaupt nicht mehr an. Leute behaupten, sie dürften ihre Meinung nicht sagen. Und das stimmt nicht. Sie dürfen sie nicht UNWIDERSPROCHEN sagen. Und das, meine Damen und Herren, nennt sich nicht Unterdrückung sondern: MEINUNGSFREIHEIT.
Die Unterdrückung durch Vielfalt und Rücksicht
Wir haben also angebliche „Linksfaschisten“, die eine Welt ohne Kriege wünschen, die wollen, dass jeder Mensch gleiche Rechte und Möglichkeiten bekommt, sich zu entfalten. Egal, ob er oder sie deutsch ist oder nicht – sowohl ethnisch als auch von der Herkunft –, egal, ob er oder sie heterosexuell ist, homosexuell oder ganz anders oder gar nicht liebt. Egal, ob die Person queer ist, CIS, inter- oder transsexuell. Und wenn sie sich als die so oft zitierte Tischlampe identifiziert: Soll sie doch. Betrifft doch Dritte nicht. Steht sie halt in der Ecke und denkt sie würde leuchten. Wenn sie glücklich dabei ist: More power to her/him oder welches Personalpronomen die Person auch wünscht. Wir haben „Faschisten“, die andere Meinungen zulassen, sich aber das Recht nehmen, ihre Meinung dazu zu äußern, die in Diskus treten und in den meisten Fällen mehr oder weniger mit Argumenten antworten. Faschisten, die auf „gefühlte Wahrheiten“ mit wissenschaftlichen Fakten, Studien und so weiter antworten. Es ist so absurd, dass es schon jenseits der Komik ist.
Die unterdrückten „Freiheitskämpfer“ der Ausgrenzung und Kontrolle
Und gleichzeitig haben wir Rechte oder zumindest Rechtskonservative, die rechte Narrative bedienen, die zur besten Sendezeit in der größten Sendeanstalt des Landes eine eigene Sendung haben, in der sie sagen dürfen was immer sie wollen – aber angeblich „zum Schweigen gebracht werden“. Wir haben Rechte, die auf Demos gehen dürfen, geschützt von der Polizei, aber gar nichts mehr sagen dürfen. Rechte, die anderen Menschen die Existenzberechtigung absprechen, die Menschen anderer Ethnie oder Nationalität in Bürgerkrieg oder auch „nur“ Hunger, in jedem Fall den sehr wahrscheinlichen Tod, schicken wollen. Die „neuen“ Familienstrukturen eine klare Absage erteilen und so weiter. Die demokratische Entscheidungsprozesse ablehnen und „eine starke Hand“ wünschen. Nach Umfragen sagt ein nennenswerter Teil davon, dass man sich einen „starken Führer“ wünschen würde.
Und da fragt man sich ernsthaft, WER faschistisches Gedankengut trägt? Etwas dümmlicheres als den Begriff des Linksfashisten hätte man sich echt nicht ausdenken können. Und trotzdem zieht das Narrativ. Was das über unser Bildungssystem und insgesamt die Fortentwicklung des Flynn-Effekts aussagt, darüber kann sich jetzt jede/r selbst eine Meinung bilden….