Warum #blacklivesmatter wichtig ist

„All lives matter“. Als ich diesen Satz das erste Mal las hab ich ihm ein „like“ gegeben. Für mich war das vollkommen normal. Schwarze, Weiße, Asiaten, Indios, Hispanics und wen ich sonst noch so vergessen habe. Vielleicht ja sogar Kühe, Schweine, Kaninchen, Hühner, Enten, Gänse und so weiter und so fort. Oder Eisbären und Pinguine, Belugawale und Narrwale, Mikroorganismen und einfach das gesamte Ökosystem. Als ich den oben genannten Satz las, da stand für mich genau das dort. Jedes Leben zählt. Es geht nicht, ein Leben abzuwerten. Ob mein Sohn oder der dunkelhäutige Junge, der in der Kita vielleicht mal sein bester Freund ist. Ob das Kind irgendwo auf der Welt, das Hunger leidet, egal, welche Hautfarbe es hat… Ich wäre nie auf die Idee gekommen, es als Abwertung des „Black lives matter“ zu interpretieren. Aber dann las ich mehr. Ich las Relativierungen, ich las von angeblicher oder realer Kriminalität durch schwarze Menschen, von Flüchtlingen, die ja schließlich unsere Frauen vergewaltigen würden, deren Leben doch auch zählen, und was weiß ich noch alles. Ich las von angeblicher Verfolgung gegen Weiße und so weiter. Denn schließlich sind es ja Weiße, die im Mittelmeer ersaufen. Es sind Weiße, die Jahrhunderte lang versklavt wurden. Es sind Weiße, die in der Apartheit die Verlierer waren. Weiße durften in den USA nicht vorn im Bus sitzen oder auf normale Schulen gehen. Weiße wurden von den Nazis abgewertet und ermordet (Jaja, die meisten Juden sind Weiße. Geschenkt.) Und so weiter und so fort. Und all dieser Unsinn wurde mit dem Hashtag #alllivesmatter verkauft. Das eigentliche Thema geht darin – und das ist das Ziel – unter.

Statistik ist geduldig – und zeigt keine Kausalität, sondern Korrelation

Und das Schlimmste daran: Die Meinungen sind derart verhärtet, dass Argumente nichts zählen. Immer wieder kommen dieselben hohlen Phrasen, dieselben Vorwürfe gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Abstammung und so weiter. Dazu werden dann natürlich Statistiken vorgelegt. Es geht natürlich nur um die USA. Da wird dann dargestellt, dass Schwarze am meisten Schwarze töten. Die zweithöchste Zahl sind Schwarze, die Weiße töten. Dann Weiße, die Weiße töten und dann erst Weiße, die Schwarze Töten. Ist doch eindeutig, oder? Schwarze sind kriminell und sie „mal was härter anzufassen“ damit natürlich auch gerechtfertigt. Punkt. Können wir Bier holen?

Aber leider ist das Ding nicht ganz so einfach. Denn selbst wenn wir mal die Hypothese ansetzen würden, dass es stimmen würde, wenn wir davon ausgehen, dass Schwarze deutlich öfter kriminell sind, als Weiße, wenn wir hier Ursache und Wirkung als gegeben voraussetzen, ist die Argumentation Unsinn. Denn selbst wenn 99 Prozent aller Schwarzen Verbrecher wären, würde das kein generelles „hartes Durchgreifen mit dem ein oder anderen Kollateralschaden“ rechtfertigen. Denn wir leben in Deutschland unter dem Grundgesetz in einem System mit einem Ding, das sich „Unschuldsvermutung“ nennt. Heißt: Jeder Mensch, egal, ob Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün oder Lila getupft ist unschuldig, bis das Gegenteil erwiesen ist. Das heißt also: Selbst bei dringendem Tatverdacht ist eine Verhaftung, bei der ein Mensch zu Tode kommt, Totschlag (für Mord fehlen für Gewöhnlich die Mordmerkmale wie Heimtücke etc.) an einem Unschuldigen, bis ein Richter anderes entschieden hat. Ob wir das im Einzelfall mögen oder nicht: Es ist die vielleicht größte Stärke unseres Systems. Und selbst bei 99 Prozent bliebe eben ein Prozent über. Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, wie viele dunkelhäutige Menschen in Deutschland leben. Aber wenn wir mal eine Million annehmen, dann sind ein Prozent immerhin 10.000 Menschen. 10.000 Einzelfälle. Realistisch hat aber ein sehr großer Prozentsatz nichts Böses getan. Und schon sind es Hunderttausende oder gar Millionen (wenn mein Ansatz zu niedrig ist.)

Es geht um’s Eingemachte unserer Werte

Wenn es mir also ernst ist mit Deutschen „Werten“, dann sollte ich doch schauen, dass ich mir sowas verkneife, oder!? Bitte nicht missverstehen: Ich sage hier nicht, dass Polizisten immer Samthandschuhe zu tragen hätten. Oder dass es keine Kriminalität bei dunkelhäutigen Menschen gebe. Im Gegenteil: Ohne Ansehung von Person oder Hautfarbe sind Kriminelle selten Gesprächsbereit. Gewalt ist da oft das letzte Mittel und notwendig. Allerdings ist es immer das letzte Mittel und es muss immer so gestaltet werden, dass der oder die Verhaftete möglichst wenig Schäden davon trägt. Nun möchte ich eines ganz klar sagen: Ich habe hier ein ganz großes Vertrauen in die deutsche Polizei. Ich kenne viele Polizisten persönlich und ich finde, dass sie einen großartigen Job machen. In Deutschland müssen sie nebenbei auch nicht ständig damit rechnen, ne Kugel im Bauch zu haben, denn die meisten Menschen besitzen keine Waffen. Aber ich schweife ab. Was ich sagen will: Polizeigewalt kommt natürlich in Deutschland vor, aber sie ist kein systemisches Problem, wie es in den USA aus vielen Gründen der Fall ist. Oder zumindest sehr viel weniger! Also: Alles kein Deutsches Problem? Dazu später mehr. Dennoch: Ich möchte gern der Vollständigkeit halber noch etwas zu den angeblich kriminellen Schwarzen in den USA sagen: Nicht ihre Hautfarbe macht sie kriminell. Kriminalität korreliert nicht mit Völkern, mit Hautfarben, Religionen oder dergleichen. Sie korreliert vor allem mit Armut. Natürlich gibt es auch unter reichen Menschen Kriminalität. Aber diese ist anders. Es sind nicht Raub, Mord und Diebstahl, sondern Steuerbetrug und andere Wirtschaftsverbrechen. Ausnahmen bestätigen natürlich auf beiden Seiten die Regel. In sofern sind wir wieder bei Korrelation und Kausalität.

Rassismus ist auch ein deutsches Problem

Nun sagt der geneigte Bernd-Fan: Aber warum sind Schwarze so oft arm? Vielleicht, weil sie faul und dumm sind?! Oft haben sie ja auch – vor allem in den USA – schlechtere Noten. Lässt sich nachweisen. Eine weitere scheinbar logische Schlussfolgerung, die aber weit weg von der Wahrheit ist. Denn wieder wird Ursache und Wirkung sträflich durcheinander gewürfelt. Und hier sind wir auch schon da, wo es für Deutschland interessant wird und warum die Demos auch hier durchaus sinnvoll sind. Denn dass Armut unter dunkelhäutigen Menschen fast überall auf der Welt verbreiteter ist, als unter Weißen, liegt vor allem an systemischem Rassismus. Und das Schwierige ist: Praktisch kein Mensch auf der Welt kann sich davon frei machen. Vor allem keine Weißen. Denn es ist ganz tief in unseren Hirnen codiert. Wir alle sehen alles, was anders als wir selbst sind, erst einmal als Bedrohlich und fremd an. Das gilt für andere Religionen, andere Kulturen und vor allem andere Phänotypen. (Denn: Fun-Fact: Es gibt keine unterschiedlichen Rassen. Der Unterschied zwischen einem Schwarzafrikaner und einem Bilderbuch-Schweden ist nicht ansatzweise groß genug, um im biologischen Sinne von Rassen zu sprechen.) Und das bekommen gerade Schwarze (ich bitte, zu verzeihen, wenn ich aus Gründen der Einfachheit von hier an diesen Begriff verwende, statt „dunkelhäutige Menschen“) überproportional zu spüren. Sie bekommen für die gleiche Arbeit weniger Geld, sie bekommen tendenziell eher nicht die Wohnung, wenn ein Weißer mit gleichen Voraussetzungen ebenfalls zur Wahl steht, sie bekommen sogar oft – gar nicht bewusst – die schlechtere Note oder werden weit häufiger unschuldig verhaftet oder „verdachtsunabhängig kontrolliert“. Das alles ist schrecklich, aber leider normal. Es ist wie unser Hirn leider funktioniert – es sei denn, wir machen es uns bewusst und handeln aktiv dagegen. Und genau hierfür brauchen wir Aufmerksamkeit und eben auch Demos.

Auch ich bin – leider – Rassist. Ebenso wie Du!

Das heißt: Natürlich habe auch ich diese Reflexe. Fremdartig aussehende Menschen schaue ich länger an, als solche, die mir vertraut wirken. Die habe ich im Augenwinkel vergessen bevor sie ganz vorbei sind. Schwarze, Asiaten oder Araber schaue ich eher eine halbe Sekunde länger an. Das ist etwas, worauf ich nicht stolz bin, aber ich habe ein Stück weit meinen Frieden damit gemacht, seit ich mich mit den Mechanismen des menschlichen Hirns, mit Kategorisierung und der Vereinfachung der Umwelt zur Effizienzsteigerung, befasst habe. Es gibt eigentlich nur eine kleine Gruppe Menschen, die diese Reflexe nicht haben: Diejenigen, die lange fast ausschließlich unter Menschen ganz anderer Erscheinungsform gelebt haben. Insofern ist das vollständig normal und ich denke: Es zu leugnen ist kontraproduktiv. Denn es bewirkt eine Unzufriedenheit mit sich selbst, die irgendwann möglicherweise zu einem Aufgeben führt. Nach dem Motto: Wenn ich meine Ideale schon nicht ganz erfüllen kann, dann lasse ich sie lieber ganz bleiben. Und genau hier beginnt das Problem.

Der Neubau der Welt ist kinderleicht

Also: Wie sollten wir damit umgehen? Wie sollten wir andere Menschen behandeln? Der Philosoph David Levithan hat ein Gedankeneperiment formuliert, in dem man nie weiß, in welcher Erscheinungsform man am nächsten Tag geboren wird. Ich kann also eine Welt bauen, in der ich meinen Tag als „Herrscher“ genieße. Aber das fällt mir mit hoher Wahrscheinlichkeit am folgenden Tag auf den Fuß. Also sollte ich besser eine Welt bauen, die einfach für jeden gleich gut ist. Ich sollte meinen Tag an der Macht dafür verwenden, das Leben für die ganz unten möglichst gut zu machen. Denn sie sind immer in der Überzahl und damit ist die Wahrscheinlichkeit, am nächsten Tag als einer dieser Gruppe aufzuwachen, am größten. Und unter dem Strich könnten wir so endlich eine Welt ohne Abwertung, ohne Ausgrenzung, ohne Rassismus bauen. Eine solche Welt wäre fraglos ein Utopia. Doch leider ist es nicht möglich. Und damit bleibt uns nur die Möglichkeit, zu versuchen, uns in den Anderen hinein zu versetzen. Der Kategorische Imperativ hat seine Schwächen, aber mit einem kleinen Twist erachte ich ihn als die Richtschnur, die hier alle Fragen beantwortet: „Handle stets so, dass die Maxime Deines Handelns jederzeit gegen Dich gerichtet sein könnte.“ Sozusagen ein positivistischer Ansatz des Kinderreims: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem Andren zu.“ Wenn wir das auf Dauer hinbekämen, etwas, das jede/r Dreijährige versteht, dann wären wir einen großen Schritt weiter. Dann wäre #alllivesmatter tatsächlich ein toller Hashtag – und wir können darüber nachdenken, ihn weit über die Spezies Mensch auszubreiten. Schöne neue Welt…

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