Von Trolley-Problem, Fußballtrainern und Konsum

Bevor ich in das Thema meines heutigen Blogs einsteige eine Sache vornweg: Ich habe über mehrere Schienen Anfragen bekommen, wann denn der nächste Artikel käme und dass er sehnsüchtig erwartet werde. Hierzu möchte ich erst einmal „Danke!“ sagen. Denn das zeugt von großer Wertschätzung. Zugleich möchte ich aber sagen: So ein Artikel kostet mich dann doch ein paar Minuten und die muss ich bei all meinen Jobs, Familie, Beziehung und Freunden (die derzeit ohnehin VIEL zu kurz kommen) erst einmal haben. Hier bitte ich um Verständnis.

Nun aber zum Thema selbst. Und es ist diesmal eines, das auf den ersten Blick kaum aktuelle Relevanz hat. Auf den zweiten aber – wich ich finde – schon. Aber dazu später mehr. Anlass ist ein Gespräch, das ich mit einer guten Freundin hatte. Da ging es wiederum um ein Gespräch, das sie hatte, in dem es um das Trolley-Problem ging. Darin sagte ihr ein Vater eines Vorschulkindes, dass es sein ethisches Ideal sei, beim Trolley-Problem (oder einem vergleichbaren Gedankenexperiment, das seine Tochter einschließt) nicht das eigene Kind zuerst zu retten, sondern zwischen allen Menschen gleichsam eine Münze zu werfen. Sie, also meine Freundin, war darüber sehr erschüttert. Und ich muss sagen: Meine erste Reaktion war auch: UFF! Doch wie sieht das bei weiterem Nachdenken aus?

Was ist das Trolley-Problem

Zunächst für alle, die es nicht kennen: Das Trolley-Problem ist ein Gedankenexperiment aus der Psychologie. Manchmal wird es auch mit einer Modelleisenbahn mit Kindern gemacht. Find ich persönlich fragwürdig, aber das ist ne andere Sache. Dabei geht es um folgenden theoretischen Fall: Der Proband steht an einer Weiche, die zwischen zwei Gleisen umschaltet. Auf dem Gleis, auf das die Weiche aktuell zeigt, liegen fünf (in manchen Fällen mehr, spielt eigentlich keine Rolle) Menschen gefesselt und kommen nicht weg. Der Proband kann die Weiche umstellen auf ein Gleis, auf dem nur eine Person liegt. Und es kommt ein Zug, der die Menschen unweigerlich tötet. Die Frage ist nur: Auf welchem Gleis, mithin wie viele. Dilemma: Macht der Proband nichts sterben fünf Menschen. Schaltet er um, dann gibt es zwar „nur“ ein Todesopfer. Dafür ist der Proband aber aktiv Beteiligt und etwas überspitzt gesagt: Unterlassene Hilfeleistung in fünf Fällen wird zu Mord in einem. Tatsächlich zeigen die Daten, dass die meisten Menschen so lange zögern, dass der Zug durchfährt und die fünf Menschen tötet. Es gibt eigentlich nur eine Gruppe von Menschen, die sehr schnell reagieren und immer die eine Person sterben lassen: Klinische Psychopathen und Soziopathen. Das ist übrigens gar keine Wertung, sondern eine Hirnstruktur. Ein Psychopath ist nicht zwingend ein Mörder. Ein durchaus nennenswerter Teil unserer Gesellschaft hat diese Hirnstruktur und wir wissen gar nicht genau, woher es kommt. Dazu zählen auch durchaus sehr angesehene Menschen. Psychopathen sind, etwas vereinfacht gesagt, nicht empathiefähig und entscheiden den Fall rein rational. Und so gilt dann Spocks Weisheit: Das Wohl Vieler geht über das Wohl weniger oder eines Einzelnen. So viel zum theoretischen Unterbau.

Die Diskussion

Im Gespräch meiner Freundin, wie es mir übermittelt wurde, wurde das dann etwas weiter gesponnen. Nicht fremde Menschen waren beteiligt, sondern das eigene Kind. Und es ging darum, dass man Zeit hat, eine Person vom Gleis zu schneiden. Was ist moralisch richtig? Das eigene Kind (wahlweise die eigene Freundin oder Frau) zu retten (in diesem Fall. Freund/Mann geht natürlich analog)? Oder sozusagen einen Würfel zu werfen? Wäre es die höchste Form von Moral, irgendjemanden zu retten? Vielleicht die Person ganz vorn, in der Hoffnung, dass es schneller geht und ich noch die Zweite retten kann? Oder eben zuerst das eigene Kind oder, wenn wir das als Voraussetzung nehmen, die eigene Freundin? Auf den ersten Blick scheint diese Frage, zumal für einen Vater eines kleinen Kindes, geradezu lächerlich. Wohl so ziemlich Jeder würde sagen: Klar rettet man zuerst das eigene Kind. Und die meisten Menschen würden hinzufügen: Jeder, der es anders macht, kann nicht ganz dicht sein. Die persönliche Betroffenheit, ja, die gesamt Biologie verlangen es einfach. Ist also unser Proband, der für sich die Rettung einer beliebigen Person als höchstes Ideal ausgibt, verrückt? Ein Psychopath? Oder hat er ein bisschen zu viel Weihrauch eingeatmet und ist einem religiösen Wahn von Nächstenliebe verfallen? Nun, ich will jetzt hier keine theologische Diskussion anstoßen und schon gar keine Exegese betreiben, aber es dürfte safe sein, wenn man sagt: Selbst unter den härtesten Christen wäre dieses Ideal schwerlich mehrheitsfähig. Also: Ist unser Proband zu kritisieren?

Am andern Ende der Skala: Fußballtrainer

Wir haben also zunächst Einigkeit, dass es absolut selbstverständlich ist, das eigene Kind zuerst zu retten. Vermutlich auch, dass es eine verdammt heftige Aussage der Freundin oder dem Kind gegenüber ist, zu sagen: „Mein ethisches Ideal wäre, Dich in einer solchen Situation für einen Fremden sterben lassen zu können.“ Aber eigentlich ist das ja eine Bevorzugung des eigenen Kindes oder Partners. Nun ist der Tod eine Extremsituation und per Definition ziemlich irreversibel. Aber es gibt ja in ähnlicher Denkrichtung auch andere Fälle. Nehmen wir den Fußball (oder welchen Mannschaftssport auch immer)-Trainer. Sehr oft sind das in der Realität Väter oder Mütter von Spielern des Teams. Gerade in kleinen Vereinen. Daraus ergibt sich aber immer automatisch ein ähnliches Dilemma. Ich stelle mir vor, ich trainiere das Team meines Sohnes in ein paar Jahren. Nun möchte mein Sohn spielen – ein anderer Junge auf der gleichen Position aber auch. Was tue ich? Auch das ist eine deutlich abgeschwächte Form des Trolley-Problems dieser Lesart. Denn emotional schmeiß ich einen von beiden gleichsam vor den Zug. Ist mein Sohn klar der Bessere bin ich fein raus. Er spielt, alle verstehen es, die Nummer ist safe. Aber was, wenn sie gleich gut sind oder der andere Junge sogar klar besser? Lasse ich dann meinen Sohn spielen, dann ist die Wahrnehmung in der Gesellschaft eher ganz anders. Plötzlich wird aus dem „Selbstverständlich das eigene Kind zuerst“, ein „Scheiß Günstlingswirtschaft. Er bevorzugt den eigenen Sohn, der andere hat keine Chance.“

Töten darf ich – auf die Bank setzen nicht

Dabei ist der Fall doch eigentlich gar nicht so schlimm. Sitzt der andere Junge halt auf der Bank. Das wird er überleben. Dafür aber bekäme ich mächtig Feuer. Wenn ich ihn sterben lasse würde jeder sagen „klar, versteh ich, eine furchtbare Wahl, die Du treffen musstest, ich aber genauso getroffen hätte“. Überspitzt gesagt: Sterben lassen darf ich den anderen Jungen – aber nicht auf die Bank setzen. Und das kommt uns tatsächlich richtig vor. Spätestens hier sind wir an einem Punkt, an dem es dissoziativ wird. Denn auch auf den Stufen dazwischen steigt das Verständnis, je elementarer die Fragestellung ist. Wenn zwei Kinder verdursten und ich nur für einen Wasser habe, würde mich wohl niemand verdammen, meinem Sohn zuerst etwas zu geben. Hier geht es auch um Tod, ist aber längst nicht so unmittelbar. Kann ich einen von zwei halbwegs gleich guten Bewerbern einstellen, werde ich zwar kritisiert, entscheide ich mich für den Sohn, aber Verständnis ist da. So irgendwie. Es liegt in der Schwere zwischen „Leben und Tod“ und Fußballspiel und würde wohl auch irgendwo dazwischen bewertet. Und es scheint auch einen Punkt zu geben, an dem es irrelevant wird. Dem eigenen Jungen beim Kartenspiel heimlich Tipps und Zeichen zu geben wird wohl eher als Kavaliersdelikt belächelt.

Fall ungelöst

Nun stehen wir also im sprichwörtlichen kurzen Hemd da. Was ist nun richtig? Wohl gemerkt, wir reden in der Ausgangsfrage nicht von realer Umsetzung sondern dem Heranziehen eines Gedankenexperiments für eine ethische Fragestellung. Eigentlich heißt also die Frage nicht „Würde ich mein eigenes Kind retten“, sondern „SOLLTE ich mein eigenes Kind zuerst retten wollen?“ Wäre es ein ethisches Ideal, jeden beliebigen Menschen mit dem eigenen Kind auf eine Stufe zu stellen? Was ist, wenn der andere ein Massenmörder ist? Oder ein Kinderschänder? Wenn es Donald Trump ist oder Jair Bolsonaro? (Ja, ich mag beide jetzt nicht soooo.) Was, wenn es ein moderner Hitler, Stalin oder Pol Pot ist? Man sieht, worauf das hinaus führt. Oder umgekehrt: Was ist eigentlich, wenn das eigene Kind ein Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder ist? Verändert all das die moralische Einstufung? Spätestens an diesem Punkt habe ich ne Pause gemacht und nen Wein getrunken. Nicht, dass am Ende noch ein paar Synapsen durchbrennen. Und ich muss sagen: Ich bin hier zu keiner Lösung gekommen.

Die Rettung: Die menschliche Natur

Ich bin, das muss ich sagen, kein Philosoph. Also in der Hinsicht: Ich habe keine theoretische Ausbildung in philosophischem Denken, in der Arbeitsweise und der Denkstruktur. Vielleicht bleibt mir für mich selbst damit dann ein Ausweg aus dem Dilemma, der eigentlich relativ unredlich ist, da er moralische Bahnen verlässt und auf Biologie und Empirie basiert. Meine persönliche Lösung: Punkt eins: Es ist das Prinzip einer jeden Spezies, auf zwei Grundregeln zu agieren: Erst Selbsterhaltung, dann Arterhaltung – und das idealerweise mit den eigenen Genen. Heißt: Mein Nachwuchs geht am Ende über alles. Besonders, wenn es hart auf hart kommt. Und da sind wir dann beim Fußball schlicht nicht nah genug dran. Beim Fußball geht es um Fairness. Es geht um Anstand und Gesellschaft. Die Einsätze sind nicht hoch genug. Der Bessere soll spielen. Auch im Sinne des eigenen Kindes, damit es merkt, dass es ein Teil einer Mannschaft ist und sich gesellschaftlich einfügen muss. Es geht hier um Gesellschaftliche Regeln, nicht um eine Ausnahmesituation. Es ist kein existenzielles Problem. Wenn es um Leben und Tod geht, greifen archaische Mechanismen und dann ist einfach Ende mit der Kunst, mit der Kultur. Und außerdem: Mein Kind kenne ich. Und mein Kind verkörpert idealerweise zumindest teilweise mein Selbst, meine Ideale, meine Moral und so weiter. Und wenn ich mich in der Welt so umsehe… Ich sehe viele Menschen, deren Handlungen und Denkweisen ich derart kritikwürdig finde, dass ich mir niemals vorstellen könnte, sie zuerst zu retten. Ja, ich würde sie retten – aber wenn noch Zeit ist. Hört sich hart an, aber ich denke, Jeder handelt im Endeffekt so. Oder zumindest die allerallermeisten. Wohlgemerkt: Ich rede nicht von „einfach sterben lassen“, sondern lediglich von „andere Menschen priorisiert retten.“

Das Große Ganze – Moral oder Bequemlichkeit

An dieser Stelle hätten meine Gedanken eigentlich abgeschlossen sein können. Doch dann kam mir ein anderer Gedanke, den ich in diesem Kontext ziemlich irritierend finde. Das sehen vermutlich viele Leute anders und empfinden diesen Gedanken als nicht zwingend oder schlüssig. Für mich persönlich drängt er sich aber auf. Wir haben festgestellt – und ich denke, dass hier unter den Lesern große Einigkeit besteht – dass es abscheulich wäre, das eigene Kind einfach so sterben zu lassen. Und das schon lange vor allen Überlegungen purer, hehrer Ethik. Aber es geht hier um einen konkreten, diskreten Fall. Und überdies um ein Gedankenexperiment. Die Realität sieht aber ganz anders aus. In der Realität retten wir weder das eigene Kind, noch ein anderes. Wir stoßen sie alle gemeinsam vor den Zug und rufen ihnen noch lakonisch zu „schaut, wie Ihr das Problem löst.“ Denn was anders ist es, wenn wir unseren CO2-Ausstoß Jahr für Jahr steigern, wissend, was das mit dem Klima und das Klima mit der Lebensrealität unserer Kinder macht? Und wenn ein Christian Lindner sinngemäß sagt, die Kinder sollen in die Schule gehen, statt zu protestieren, damit sie irgendwann etwas erfinden können, um das Problem zu lösen, was anders ist das als sein „schaut halt zu, wie ihr da wieder raus kommt“?!

Erst den Film zu Ende schauen

Wenn wir sagen, wir könnten gerade nicht Treibhausgase einsparen, weil die Wirtschaft so wichtig sei, wir nicht in die Höhlen zurück wollten und überhaupt den Urlaub auf den Malediven und 500g Fleisch am Tag, geholt mit dem SUV, nunmal zum Leben brauchen, was ist das für eine Aussage? Ist es nicht, übertragen aufs Trolly-Experiment wie der Zuruf ans eigene Kind und alle anderen „Sorry, ich konnte den Zug nicht aufs andere Gleis (auf dem gar niemand liegt) stellen, ich wollt noch das Ende meines Films sehen“?! Und das just, bevor sie vom Zug zermalmt werden. Und ja, ich habe jetzt gerade drei Beispiele (Fliegen, Fleisch und Auto) genannt, bei denen ich selbst ganz gut aussehe. Aber ich will hier nicht den mahnenden Zeigefinger heben. Ich bin zwar einigermaßen bemüht, aber unter dem Strich sag ich auch VIEL zu oft „ist doch egal“. Ich schau zu viel fern, bin zu viel im Internet und wenn das, was ich grad unbedingt essen will, halt nur aus Chile da ist… nun, was soll’s!? Wir alle schmeißen unsere Kinder vor den Zug. Und die Argumente hören sich auf den ersten Blick manchmal toll an – unter dem Strich sind sie aber perfide, beinahe höhnisch und einfach rücksichtslos. Ja, wir brauchen Nahrung, Häuser, und Kleidung. Vielleicht auch ein bisschen oben drauf und dafür brauchen wir eine Form der Wirtschaft. Aber wir brauchen keinen Konsum. Nicht als Gesellschaft, nicht als Lebewesen. Den brauchen wir nur als Wirtschaftsobjekte eines ganz bestimmten, eines kapitalistischen, Wirtschaftssystems. Ist uns das wirklich wichtiger, als die Weiche auf das leere Gleis umzustellen und unser Kind MIT allen anderen zu retten?

Experiment aus dem letzten Jahrhundert

Das Trolley-Problem wurde erstmals im Jahr 1930 beschrieben. Das war in sehr vieler Hinsicht eine ganz andere Zeit. Mit anderen Problemen, mit anderen moralischen Grundsätzen und nicht zuletzt: Ohne Wissen über den Klimawandel. Vielleicht würde Karl Engisch, der die ersten Überlegungen dazu seinerzeit in seiner Habilitation anstellte, heute den folgenden Fall beschreiben: Du stehst vor einem Glashäuschen und in dem siehst Du den Schalter, der die Weiche stellt. Auf dem Gleis, auf dem der Zug fährt, spielt die komplette Schulklasse Deines Kindes. Du kannst in das Häuschen hinein und die Weiche umstellen. Danach aber kannst Du das Häuschen zehn Jahre nicht verlassen. Es wird für Dich gesorgt, Du bekommst alles, was Du brauchst. Aber nicht alles, was Du willst. Aber Dein Kind lebt. Nebenan ist ein großer Tisch mit allen Leckereien und ein dickes Auto. Wenn Du die Weiche in Ruhe lässt, kannst du das alles haben. Nur ist Dein Kind platt. Was machst Du? Und wenn wir ehrlich sind entscheiden wir uns fast alle für Auto und Leckerein. Mehr muss man über unsere Gesellschaft eigentlich gar nicht wissen, oder?!

4 Kommentare zu „Von Trolley-Problem, Fußballtrainern und Konsum

  1. Spannend wäre hier noch die Betrachtung des Falles das der Zug nicht auf das Gleis mit den 5 sondern auf das Gleis mit dem eigenen Kind zusteuert. Die Frage also lauten würde ob man aktiv 5 Menschen „tötet“ um das eigene Kind zu retten…

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