Twitter (X-)Diskussionen: Wie viel Unsinn man im Internet findet

Eigentlich habe ich mich vor gut einem Jahr weitgehend von Twitter – oder X – verabschiedet. Ich poste dort teilweise noch meine Blogs, lese aber nur noch sehr selten und schreibe noch seltener. Vor allem seit Musk das Ding übernommen hat und die „absolute Meinungsfreiheit“ ausgerufen hat, wird mir ohnehin fast nur noch angezeigt, was mir den Puls hoch treibt. Bernd Höcke und Weidel, von Storch und andere rechtspopulistische Klappspaten hält der Algo für gut für mich. Nun habe ich aber aus den Zeiten, in denen ich aktiver war, noch Leute, die ich mag und die für gute, ausgewogene und durchdachte Meinungen stehen. Eine solche Person schrieb mich kürzlich an und empfahl mir hilfesuchend einen Thread. Darin war eine Gruppe Vernünftiger auf eine neurechte Populismusschwurblerin geraten. In ihren dutzenden Tweets oder Xen oder wie das jetzt vielleicht heißt. propagierte sie das gesamte Repertoire des wissenschaftsvergessenen Tichy- oder so Geschwurbels. Gaslighting, Whataboutism, ein paar als Fakten dargestellte Falschinformationen und natürlich das alte: Es war auch schonmal wärmer auf der Welt. Ich habe mich dann mal eingemischt und ein paar Botschaften geschrieben. Darin antwortete ich z.B. auf ihren Einwand, es gebe ja Leute, auch „Wissenschaftler“, die den anthropogenen Klimawandel leugneten. Also könne man ihn nicht als Fakt annehmen, schrieb sie. Darauf schrieb ich: „Es gibt Millionen, die die Evolution leugnen und der Schöpfung anhängen, mindestens Tausende, die die Erde für ne Scheibe halten, Millionen, die den Holocaust leugnen, die Mondlandung und was weiß ich nicht alles. Face it: Der Mensch ist dumm und packt man mehr als zwei zusammen wird es noch viel dümmer. Das als Argument zu nehmen ist aber dünn.“ Damit wollte ich ausdrücken, dass Fakten nicht demokratischen Prozessen unterworfen sind. 1+1 ist 2. Ganz egal, wie viele Leute ich zusammenbekomme, die behaupten, es sei 5. Außerdem stellte ich dar, dass es eben einfach eine klare Korrelation zwischen Klimaveränderung und CO2-Gehalt in der Atmosphäre gebe, alle anderen Größen als Auslöser ausgeschlossen wurden und überdies eine nachhaltige Wirtschaft am Ende sogar billiger sei und Klimaschutz, wenn gut gemacht, ein Kollateralnutzen ist. Haupterfolg wäre billigere, bessere, sauberere und leisere Energie ohne außenpolitische Abhängigkeiten.

Das kleine 1×1 des Populismus’

Was machte sie daraus? Zunächst ließ sie sich über die Evolution aus. Es gebe ja auch viele Forscher, die diese als nicht schlüssig ansähen. Viele würden sie „als unmöglich erklären“. Nun ist es eigentlich gar nicht notwendig, darauf einzugehen. Denn die Wirkweise ist nicht nur wissenschaftlich gut bewiesen, sondern sogar geradezu schmerzhaft offensichtlich logisch und intuitiv. Wer sich mit dem Birkenspanner im frisch industrialisierten England befasst, wer die Entwicklung von Resistenzen auf Antibiotika analysiert und dergleichen, der findet Evolution in a nutshell. Noch wichtiger als das Inhaltliche ist aber: Es GING in meinem Beitrag gar nicht um Evolution. Sie war ein Beispiel für denn Effekt, dass Menschen jeden Unsinn glauben und dass eben das „viele Leute sind überzeugt“, schlicht ein Nicht-Argument ist. Ihre Antwort: Aber WIRKLICH viele Leute halten das für doof. Total gut. Du hast es verstanden… Damit hat sie aber etwas erreicht, was Neurechte gern tun: Sie hat einen Nebenkriegsschauplatz eröffnet. Sie hat sich von der eigentlichen Argumentation des Beitrags entfernt und versucht, die Diskussion auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie sich zumindest sicher wähnt. Ein Schema, das man kennt. Klimawandelleugner und Neurechte, denen die Natur zumeist völlig egal ist, werden ja auch zu fanatischen Wald- und Vogelschützern, wenn es um Windräder geht. Eigentlich wollen sie nur nicht ihr Verbrennerauto verlieren oder haben eine diffuse Angst vor einer anderen Stromversorgung als der, die sie kennen. Dass Autos und vermutlich auch Kohlekraftwerke weit mehr Vögel töten, als Windräder, ist da irrelevant. Hab ich in meinem Bog „Macht der Memes – mit Bildern und Emotionen lügen“ vom 8. Februar 22 dargestellt.

Das alte Dino-Argument

In der Diskussion kommt natürlich auch die altbekannte Klimakurve, in der es vor Millionen Jahren viel wärmer war als heute. Mal ganz davon abgesehen, dass solche historischen Klimakurven von eben diesen Leuten gern als nicht wahr geleugnet werden, wenn sie nicht die eigenen Interessen vertreten, ist das Argument auch inhaltlich einfach Unsinn. Denn niemand bestreitet, dass es früher wärmer war. Sehr viel wärmer sogar. In der Kreidezeit war die Luft vermutlich wie heute in ner vollbesetzten, stickigen U-Bahn. So weit, so gut. Das Ding ist: Damals gab es keine Menschen. Es gab keine Landwirtschaft, die auf berechenbare und halbwegs konstante Bedingungen angewiesen ist. Es gab keine Staaten, die Grenzen gezogen hatten und deren Kultur auf das Klima abgestimmt ist. Es gibt durchaus viele Forscher die sagen: Hätten wir in den vergangenen 10.000 Jahren oder etwas mehr nicht eine beispiellos stabile Phase im Weltklima gehabt, die menschliche Zivilisation, vielleicht gar die neolithische Revolution, wären undenkbar. Können Menschen bei 5 Grad mehr auf der Erde leben? Ja. Aber nicht rund um den Äquator, nicht im arabischen Raum. Im Endeffekt wären weite Teile Afrikas und Südamerikas, sowie Südostasiens unbewohnbar. Heißt: Es können keine acht Milliarden Menschen mehr auf der Welt leben. Dann vielleicht noch ein paar hundert Millionen. Nur werden sich die anderen nicht brav hinlegen und sterben, sondern um ihr Leben und das ihrer Kinder kämpfen. Und das heißt: Krieg. Um Lebensraum, um Wasser, um pures Überleben. Und speziell in der Zeit bis sich das dann auf ein neues Normal eingependelt hat, wird das verdammt unschön. Und so schnell, wie sich das Klima derzeit verändert, werden wir alle das noch erleben. Unsere Kinder sowieso. DAS ist der Deal. Es geht nicht um ein paar heiße Nächte mehr, wie das vielleicht in Deutschland wird, oder um keinen Schnee zum Skifahren. Es geht um schmelzende Gletscher, die dann Flüsse nicht mehr versorgen, von denen hunderte Millionen Menschen leben, wie Gelber Fluss, Mekong, Ganges oder ähnliche, um steigende Meeresspiegel, um mehrere Milliarden Menschen, die dadurch oder durch Unbewohnbarkeit ihre Heimat verlieren. Es geht ums Überleben, auch für uns, weil eben diese Menschen herkommen. Wir sind eben nicht T-Rex und Triceratops.

Die bösen Chinesen machen eh alles kaputt

Natürlich kam auch das Argument, dass China, USA und Co. doch ohnehin so viel CO2 emittieren würden. Da sei doch egal, was wir machen. Nun muss man dazu sagen: Nach absoluten Zahlen ist das erstmal nachvollziehbar. Aber wenn man etwas genauer hinschaut, dann sieht das oft ganz anders aus. Nehmen wir China: Ja, China emittiert rund ein Viertel des CO2 der Welt. Aber, sie haben auch ein Achtel der Menschen! Deutschland emittiert zwei Prozent, hat aber eben weit weniger Einwohner. In der Folge emittiert Deutschland pro Kopf etwa doppelt so viel wie China. UND: China investiert aktuell unglaublich in regenerative Energien. Sie haben jüngst in einem Halbjahr mehr Windkraft zugebaut, als die ganze Welt zusammen. Allerdings in der Geschichte kumuliert! Bei den USA ist das anders, ein Amerikaner emittiert mehr als ein Deutscher. Pro Kopf gerechnet. Allerdings lässt sich das selbst bei den USA relativieren, denn die zwei Tonnen pro Kopf, die wir nach Berechnungen emittieren dürften, sind berechnet nach acht Milliarden Menschen relativ zu dem, was die Erde in einem Jahr aufnehmen kann. Beispielsweise durch Pflanzen, Karbonisierung, also die Bildung von Carbidgestein, und so weiter. Nun muss man aber sagen: Die USA haben gut viermal so viele Einwohner wie Deutschland. Aber allein Texas ist größer als Deutschland. Die Gesamtfläche der USA ist rund 30 Mal so groß wie von Deutschland. Relativ zur Aufnahmekapazität des Landes könnte ein Amerikaner also 30 Mal so viel emittieren, wie ein Deutscher – zumal dort sehr viel mehr unberührte Wälder und so sind, als hier im dicht besiedelten Deutschland. Allein der Yellowstone Nationalpark hat zweieinhalb Prozent der Fläche der gesamten BRD! Das heiß nicht, dass die Emissionen der USA oder Chinas okay sind. Die müssen gesenkt werden! ABER relativ steht der Deutsche halt sehr viel schlechter da. Und wir sollten uns eher mit anderen Staaten mit weniger Einwohnern und Fläche als USA oder China vergleichen. Und da sehen wir meist verdammt schlecht aus. Also schauen wir doch einfach mal auf unsere eigenen Werte, schauen wir, dass WIR das beeinflussen, was wir beeinflussen können und übernehmen Verantwortung. Dieser ganze spieltheoretische Dreck nach dem Motto „der andere soll keinen Vorteil haben“, geht mir einfach nur auf den Geist! Und ganz ehrlich: Solche neurechten Schwurbler sind fast so gefährlich, wie die Treibhausgase selbst. Ich persönlich könnte, wenn ich so nen Dreck schreiben würde und mich so verhalten würde, meinem Sohn nicht mehr in die Augen sehen. Das Schlimme ist: Seine Zukunft hängt nicht zuletzt von diesen Menschen ab. Und das macht mir regelrecht Angst!

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