Der große Corona-Test für uns alle

Die Welt hat sich in den vergangenen ein, zwei Wochen massiv verändert. Und die Ausnahmesituation scheint eine Art sozialer Katalysator zu sein. Dergestalt, dass Menschen in einer blitzschnellen Reaktion offenbar ihr wahres Gesicht zeigen. In der Tat lassen sich nämlich unterschiedliche Reaktionen beobachten. Während breite Schichten der Bevölkerung ihren Egoismus geradezu mit Megaphonen in die Welt blasen, bemühen sich andere um Solidarität und Hilfeleistung. Sie sind es, die wenigstens einigermaßen dafür sorgen, dass der Laden weiter läuft. Während die Hamster und Egoisten unsere Gesellschaft an den Abgrund bringen und – man hat immer wieder das Gefühl – nur warten, dass jemand mit großen Plünderungen anfängt, um dann mitmachen zu können, tun andere, was sie können, um für Dritte, oft ihnen völlig Unbekannte, da zu sein.

Die Mär vom Getriebensein

Dabei zeigt sich ein interessanter Effekt: Nehmen wir einmal das gängigste und präsenteste Symptom des Egoismus: Das Hamstern. Dahinter steht ja nicht eine umsichtige Vorsorge, sondern der Gedanke: „Am Ende stehe noch ICH ohne Bequemlichkeit X, Y oder Z da.“ Blicken wir auf das, was mich an der ganzen Nummer am meisten verwirrt: Klopapier. Worum geht es den Menschen? Um die dringendsten Lebensbedürfnisse? Wohl kaum. Dann würden sie Wasser, haltbare Lebensmittel (OK, das tun einige auch im Übermaß), vielleicht sogar Benzin oder Kerzen horten. Nein, sie kaufen bergeweise Klopapier. Aber nur das drei- bis Vierlagige. Ich war in der vergangenen Woche mit meiner Freundin einkaufen. Sie hatte tatsächlich nur noch zwei Rollen daheim und wollte turnusmäßig eine Packung kaufen. Nachdem es im EKZ – immerhin einem der größten Supermärkte der Stadt – aussah, als seien plündernde Horden über die Abteilung hergefallen, gab es im nebenliegenden dm-Markt noch ausreichend. Allerdings „nur“ (genau das wollten wir sogar haben) das umweltfreundliche Recyclingpapier, von dem ein Teil des Erlöses an gute Zwecke geht. Schlüsse daraus zu ziehen überlasse ich jedem selbst. Wir haben dann jedenfalls ein Paket (!!) davon gekauft. Wenn mir aber einer den Wert einer Lagerhaltung für drei Jahre in Form von Klopapier erklären kann: Bitte, ich wäre sehr dankbar dafür. In anderen Ländern horten die Menschen andere Dinge. In den Niederlanden Dope – gut ich kiffe nicht, aber ich kann es verstehen. In den USA Waffen. Selbst das kann ich mir zurechtbiegen, auch wenn ich es mit jeder Faser ablehne. In Frankreich sind es Wein und Kondome. Darf ich bitte Franzose sein?! Bin ich leider nicht. Ich gehöre zur Fraktion der Klopapiergläubigen. Am geilsten ist: Ich habe nun mitbekommen, dass jemand ein Lager angelegt hat und trotzdem (!) jede benötigte Packung nachkauft. Die Hand voll „Sicherheitspakete“ sollen nicht angetastet werden. Allerspätestens da muss ich zugeben: Ich bin raus.

Die Versorgung wird weiter bestehen bleiben

Denn, Leute, ich verrate Euch ein Geheimnis: Die Menschheit hat viel Schlimmeres erlebt – in Zeiten viel geringerer Produktivität und Automatisierung. Wir erleben NICHT den Zweiten Weltkrieg. Es gibt weder Blockaden noch Bombardierungen. Ja, in manchen Bereichen fehlen derzeit Erntehelfer. Es könnte sein, dass es weniger Spargel oder Erdbeeren gibt und sie in der Folge recht teuer sind, weil schlicht das Ernten nicht klappt. Vielleicht kann man aber auch einfach selbst aufs Feld und sich die gewünschte Menge holen und dann bezahlen. Sicher wird es auch da Auswege geben. Der Punkt ist: Wir produzieren allein in Deutschland so viele Lebensmittel, dass wir netto einen großen Teil exportieren. Keiner wird hungern. Oh, Fun-Fact: Weder Spargel noch Erdbeeren sind überlebenswichtig. Es geht auch ohne. Ich mag beides auch, sehr sogar, aber in der Krise sind mir Kartoffeln wichtiger und die werden fast komplett maschinell geerntet und sind in der Produktion null gefährdet – wenn, dann durch den Klimawandel, gegen den in den vergangenen 30 Jahren zusammen nicht so viel gemacht wurde, wie jetzt gegen Corona. Und es wird auch immer für jeden Klopapier geben. Sogar Euer bescheuertes vierlagiges Neu-Papier, für das wälderweise Bäume umgelegt werden. Und falls nicht: Meine Gute, dann geht man eben in die Dusche und spült sich den Hintern so ab. Ist vielleicht nicht der Normalfall, aber während man die Nase über Menschen rümpft, die vor Krieg fliehen, sollte das doch wohl drin sein!?

Nein, wer morgen in den Supermarkt geht, der wird seine Dinge bekommen. Übermorgen auch. Und in einer Woche. Ich garantiere es Euch! Also: Nerven behalten. Wenn Ihr heute doch mal etwas nicht bekommt, dann bekommt Ihr es morgen. Oder im anderen Laden. Es gibt keinen Mangel bei uns. Wirklich nicht. Auch jetzt noch schmeißen wir 30 Prozent unserer Lebensmittel weg – die meisten davon sind übrigens noch gut!

Hamster sorgen für Hamster

Weiterer Fun Fact: Gäbe es die Hamsterei nicht: Kein einziges Supermarktregal wäre leer. Es wird nicht ein Stück weniger in die Regale gestellt. Es wird nur viel mehr raus genommen und darauf sind die Lieferketten nicht vorbereitet. Ihr selbst bringt den Stress ins System, vor dem Ihr Angst habt. Heute sagte ein eigentlich recht vernünftiger Mensch zu mir: „Wenn ich jetzt nicht reagiere und auch Vorräte anlege, dann guck ich in die Röhre. Wir hatten heute beim Frühstück schon keine Milch mehr.“ Nun, ich bin nicht Marie Antoinette und sie hat den ihr zugesprochenen Satz nie gesagt, wie die Forschung heute weiß. Trotzdem möchte ich ihn paraphrasieren: „Wenn Ihr keine Milch habt, trinkt halt Kaffee. Oder O-Saft. Oder Wasser. Oder Hafer-, Soja, Mandel- oder Weiß-der-Kukuk-Milch.“ Es ist nicht so schwer. Es lassen sich für alles Lösungen finden. Der Punkt ist: Wenn Ihr mehr kauft als üblich, dann seid Ihr keine Opfer der „bösen Anderen“, die hamstern. Im Gegenteil. Ihr seid dann Teil des Problems. Und zwar aus genau den gleichen Gründen, aus denen andere auch hamstern. Und nein, der Grund ist nicht Umsicht. Er ist nicht einmal Sorge. Wenn Ihr mal einen Moment durchatmet und ganz ehrlich in den Spiegel blickt, dann werdet Ihr feststellen: Der Grund ist Egoismus. Ich hab alles. Nach mir die Sintflut. Generell ist es sinnvoll, ein paar Vorräte zu haben. Das gilt nicht für jetzt, das gilt für IMMER. Aber ich sehe bei dem, was gerade abgeht, keinen Aufbau von sinnvollen Reserven, sondern unreflektierte Panik.

Sozial heißt: An Andere denken

Der Casus Knacktus an der Sache ist: Wir sind eine Gesellschaft. Wir stecken alle zusammen in der Nummer drin. Und wir können jetzt entscheiden, ob wir uns gegenseitig die Hand reichen (metaphorisch, bitte unterlasst es physisch!), oder uns gegenseitig auf’s Maul hauen. In ersterem Falle wird niemandem etwas passieren. Wenn jeder bei sich anfängt, auf Kontakte verzichtet, nur das kauft, was er/sie braucht und so weiter, dann werden wir die Ausbreitung eindämmen, werden gemeinsam Lösungen finden, jeder hilft dem Anderen so, dass alle gut leben können und niemand Angst zu haben braucht. Dann könnte sogar in einem Monat die Bundesliga wieder spielen, wenn es gut läuft. Die Alternative ist Kampf. Und da ist die Wahrscheinlichkeit, ohne zumindest metaphorisches blaues Auge heraus zu kommen oder schlimmere Wunden davon zu tragen, üblicherweise überschaubar. Erneuter Fun Fact: Das gilt ganz besonders, bei den besonders wichtigen Dingen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die mir erzählen: ‚Ich brauche ein bestimmtes Medikament. Aus Sicherheitsgründen habe ich jetzt zwei Packungen, statt nur eine gekauft.‘ Was sich auf den ersten Blick umsichtig anhört, ist auf den zweiten nicht eben sozial. Denn der Punkt ist: Die zweite Packung fehlt woanders. Und je dringender das Medikament ist, je geringer die Vorräte, desto schlimmer ist das. Wenn jeder nur das holt, was er oder sie immer holt: Dann ist für alle genug da. Wenn nicht, kann es eng werden. Auch für Euch, wenn Ihr im nächsten Fall mal nicht die ersten seid. Klar kann man jetzt sagen: Aber wenn andere anders handeln, dann guck ich in den Mond. Richtig. Das kann passieren. Aber wenn Ihr Euch egoistisch verhaltet, dann ist es ein Schritt in genau diese Richtung. Also: Wenn Ihr Euch zurücknehmt und anderen diese Zuversicht weiter gebt, dann läuft das Ding. Wenn nicht, dann sorgt Ihr selbst dafür, dass die Probleme da sind, die Ihr so fürchtet. Auch hier: Eine Abwandlung des „Random act of Kindness“ (vgl. meinen Beitrag zur Zivilcourage) oder eben nicht. Tatsächlich geht es im weitesten Sinne auch hier einmal mehr um genau das: Zivilcourage. Sich selbst zurücknehmen und sogar einem gewissen kalkulierten Risiko aussetzen, damit es für ALLE ein Stück besser ist.

Die Sache mit dem Daheimbleiben

Das gilt übrigens genauso für die Disziplin beim Daheimbleiben. Ja, wir alle gehen hin und wieder mal raus. Einkaufen, oder andere kleine Erledigungen. Aber ich musste heute auf dem Weg eben dorthin durch die Stadt. Und es gibt immer noch Leute, die shoppen gehen. Mal davon ab, dass es komplett schwachsinnig ist, weil viele Geschäfte zu haben: Viel besser könnt Ihr die Viren nicht verbreiten. Und Ihr gefährdet Menschenleben. Ja, auch mich nervt das auf dem Sofa Sitzen, ohne etwas zu tun, auf Dauer. Dann setzt Euch halt ins Auto, oder, noch viel besser, auf das Fahrrad und fahrt irgendwo in den Wald oder so. Aber allein oder mit den Menschen, mit denen Ihr ohnehin dauerhaft Kontakt habt, weil Ihr zusammen wohnt. Also vor allem der Familie. Macht einen Spaziergang, und zwar derart, dass Ihr keinen anderen trefft. Nicht unbedingt im Stadtpark mit Hunderten anderen, sondern eben da, wo wenige Menschen sind. Noch gibt es keine Ausgangssperre und es ist erlaubt und auch hinsichtlich des Seuchenschutzes in Ordnung. Wenn die Nummer aber weiter so läuft wie aktuell, dann wird die Ausgangssperre kommen. Und zwar bald. Tatsächlich ist ein Spaziergang im Wald sogar besser, als mal kurz auf nen Kaffee zum Nachbarn zu gehen. Ihr könntet krank sein, ohne es zu wissen. Corona ist sehr häufig asymptomatisch. Heißt: Das kleine Hüsteln hier und da könnte andere töten, obwohl Ihr nichtmal bemerkt, dass Ihr krank seid. Und um diese anderen Menschen geht es. Nicht um Euch. Auch hier: Egoismus! Corona ist ein Test für uns als Gesellschaft. Sind wir eine solche? Denken wir an andere, nehmen wir uns zurück und nehmen auch mal eine Unannehmlichkeit in Kauf, oder denken wir nur an uns, also jeder an sich? Der Begriff für das erste ist „sozial“. Das Zweite ist das Gegenteil und wird mit dem selben Wort, aber mit einem zusätzlichen Vokal gebildet…

Die Lichtblicke

Ich möchte aber nicht nur schimpfen. Ich möchte auch aufzeigen, dass es anders geht. Nehmen wir die vielen Initiativen, die zum Beispiel für Andere einkaufen gehen. Da stellen sich Leute hin und opfern ihre Freizeit, um anderen Menschen, denen, die bedroht sind, die Angst haben, die per Definition die Schwächsten unserer Gesellschaft sind, zu helfen. Und ja, auch ein hochstehender Manager, Anwalt oder Architekt, der an sich zu den „Starken“ zählt, jetzt aber aufgrund schweren Asthmas ein Risikopatient ist, ist in diesem Kontext „einer der Schwächsten“. Nur mal EIN Beispiel. Es trifft längst nicht nur Alte. Corona bedroht eine ganz breite Palette von Menschen. Die vielen, vielen Menschen, die hier helfen – oder die einfach nur sagen: Ich kaufe bewusst etwas weniger – vielleicht sogar weniger als üblich – damit für andere genug über ist, das sind die, die den Kitt dieser Gesellschaft bilden. Selbst dann, wenn sie sich gern dafür feiern lassen und es vielleicht einmal zu oft betonen. An der Tat ändert das ja nichts. Der Applaus, der derzeit allabendlich von Balkonen für die Menschen gespendet wird, die uns als Ärzte/Ärztinnen, Pflegepersonal oder auch Angestellte im Supermarkt durch die Krise bringen, gilt in meinen Augen auch Euch ‚Antihamster‘. Wer das Klopapier zurücklegt, in dem Gedanken, jemand anders könne es dringender brauchen, der ist ein kleiner Held bzw. eine Heldin. In dieser Hinsicht können wir alle Helden sein, indem wir an andere denken – und an das Funktionieren des Großen Ganzen denken. Sozusagen eine leichte Abwandlung des kategorischen Imperativs. Wenn jeder sich selbst und sein unmittelbares Umfeld ein Stück weit diszipliniert, werden wir die ganze Situation gut meistern und können dann die unvermeidlichen wirtschaftlichen Schäden in Ruhe gemeinsam aufräumen. Unsere Großeltern wurden in den Krieg geschickt, ausgebombt und vertrieben. Wir sollen einfach auf dem Sofa sitzen und lediglich normal einkaufen wie sonst auch. Nennt mich verrückt, aber die große Prüfung unserer Generation, die „größte Krise seit dem Weltkrieg“, wie Merkel sagte, ist ein Witz! Wenn wir das nicht schaffen würden, sollten wir den Laden zusperren. Alles was es braucht, ist etwas Zusammenhalt, Ruhe und Rücksicht. Das schaffen wir doch, oder!?

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