Die Krise der Welt – und das (fast) ohne Corona

Corona – ohne dieses Wort geht derzeit fast keine Unterhaltung ab. Kaum ein Artikel, kaum ein TV-Beitrag kommt ohne aus. Selbst noch so entfernte Themen werden über die Krise gedreht. Auch ich habe das ja in meinen bisherigen Beiträgen irgendwie gemacht. Teilweise, weil es ein so präsentes Thema ist und man praktisch in jedem Moment dran erinnert wird, teilweise, weil es sich irgendwie „falsch“, irgendwie aus der Zeit anhört und anfühlt, derzeit über etwas anderes zu reden. Dabei haben sich die vielen drängenden Themen, mit denen sich unsere Gesellschaft unsere Natur, unser Leben konfrontiert sieht, kein Stück verändert. Dieser Tage sah ich eine sehr zutreffende Karikatur: Zwei Wissenschaftler betrachten die bekannten „Flatten the Curve“-Diagramme. Diese sind auf der linken Seite der X-Achse (oft ja die Zeitachse) nah am Nullpunkt angebracht. Die Beiden stehen auf dieser X-Achse und schauen „zurück“, also Richtung Nullpunkt. Die beiden Kurven gehen ihnen auf der Y-Achse zu den Knien oder dem Bauch, je nachdem, ob abgeflacht oder „natürlich“. Einer sagt: „Hoffentlich ist das bald vorbei“. Hinter ihnen, weiter in der Zukunft der Zeitachse, steigen die Kurven massiv an. In Form brechender Wellen reichen sie ihnen um ihre dreifache Körpergröße über die Köpfe. Dort steht zu lesen: „Klimakrise“.

Ich glaube, das bringt es sehr gut auf den Punkt. Während wir gerade über nichts anderes nachdenken und reden, als über Corona, geraten viele mindestens ebenso wichtige Themen komplett in den Hintergrund. Die Krise wird sogar genutzt, um wichtige Maßnahmen in diesen Punkten, vor allem beim Klima, aufzuweichen. Denn „Corona ist schlecht für die Wirtschaft“. Folge: Wir müssen etwas Gutes für die Wirtschaft tun. Folglich fordern Automobilhersteller, dass Grenzwerte für die CO2-Emission aufgeweicht werden. Versorger wollen die Bepreisung von CO2 einstampfen und Fluglinien fordern Zuschüsse. Eine Verteuerung von Kerosin wird auf absehbare Zeit wohl nicht kommen.

Corona ist eigentlich unser kleinstes Problem

Dabei ist die Klimakrise schon jetzt viel schlimmer, als Corona überhaupt zu werden droht. Selbst ohne alle Maßnahmen dagegen. Fun Fact: Dazu zählen unter anderem auch Seuchen. Die Schreckensmeldungen aus der Welt der Wissenschaft werden ja nicht weniger. Sie werden nur weniger gehört. Die Polkappen schmelzen unvermindert. Albedoeffekte, abtauender Permafrost, steigender Meeresspiegel, Desertifikation: All das geht unvermindert weiter. Corona stoppt das keineswegs. Auch wenn im Moment mal kurzzeitig weniger Treibhausgase produziert werden: Das holen wir bald wieder auf. Leider. Klar, vermutlich wird in diesem Jahr der Earth-Overshoot-Day, also der Tag, an dem wir die Ressourcen, die die Erde regenerieren könnte, verbraucht haben, ein paar Tage nach hinten gehen. Vielleicht schaffen wir es in Deutschland mal wieder, erst im Juni alle für das Jahr verfügbaren Ressourcen verbraucht zu haben und von den Lebensräumen und Ressourcen unserer Kinder und Enkel zu leben. Problem: Wir holen das nach. Die Konjunkturprogramme, die Regularien, die jetzt wohl aufgeweicht werden – zweifelt daran jemand?! – und so weiter werden dafür sorgen, dass wir 2021 weit mehr Ressourcen verbrauchen werden, als wir es normalerweise getan hätten. Und dann liegen wir doch wieder vor dem Termin, den wir schon hatten. 2019 war der Tag für Deutschland übrigens Mitte Mai. Vielleicht schon 2021 im April. Hurra, wir haben es überlebt: ABRISSPARTYYYYY! Glaubt Ihr nicht? Nun, wir werden sehen.

Warum nicht aus der Situation lernen?

Dabei wäre doch jetzt der ideale Zeitpunkt, auch mal inne zu halten und in die Zukunft zu schauen. Zu erkennen, wie leicht es doch in vielen Fällen ist, auf Autos, Flugreisen und einen Stück Konsum zu verzichten. Das Problem ist doch, Hand aufs Herz, nicht die fehlende Flugreise oder das fehlende neue T-Shirt. Was uns viel mehr fehlt, sind Tage mit Freunden im Park, im Kino, im Restaurant. Alles Dinge, die auch weitgehend ohne Konsumwahn möglich sind. Leider wird aber jetzt schon wieder unzulässig vereinfacht. Ein Facebook-“Freund“ von mir, der sich ohnehin immer als letzter Mahner der Vernunft in einer vom Ökofaschismus (das ist sein Wort) dominierten Welt inszeniert, schrieb denn auch, wie uns die Demoversion einer Welt gefalle, in der Grüne und Umwelthilfe die Macht hätten. Damit schmeißt er, wie Neoliberale es so gern tun, einfach mal alle Themen in einen Topf, rührt kräftig um und lässt es ziehen. Dass dabei meist eine braune Suppe rauskommt (das allerdings nicht bei ihm, wie ich zugeben muss), was soll’s. Denn natürlich ist das gerade keine Demoversion einer „grünen Welt“. Denn wie oben beschrieben: Wir leiden nur zu sehr geringen Teilen an der fehlenden Urlaubs- und Geschäftsreise. Und wir leiden nicht an fehlendem Shopping (was Viele ohnehin online erledigen). Und kein Grüner, keine Umwelthilfe, keine PETA oder BUND wollen das soziale Miteinander verbieten. In vielen Fällen sogar im Gegenteil. Sich mit Freunden auf ein Bier zu treffen, in der Kneipe um die Ecke oder im Park, das würden diese Organisationen wohl sämtlich den meisten anderen Freizeitbeschäftigungen – übrigens auch zum Beispiel dem Streaming in den eigenen vier Wänden, das klimatechnisch nämlich auch eher so mittelgut ist – deutlich vorziehen. Dieser Claim ist also, wie so viele, einfach Unsinn.

Leute, macht die Augen auf: Es geht!

Dabei wäre doch eigentlich gerade die jetzige Situation eine einmalige Chance. Wir können jetzt in sehr vieler Hinsicht unser Verhalten auf den Prüfstand bringen und schauen, welche der aktuellen Handhabungen vielleicht Zukunftspotential haben. Wir können offenkundig viele Dinge über moderne Kommunikationsmittel und ohne Reisen erledigen. Denn Streaming ist zwar schädlich – das gilt auch für nen Skype-call – aber eben doch wesentlich besser als ne Flugreise. Das gilt auch für Produktionsketten. In vielen sensiblen Bereichen stellen wir gerade fest, dass die Produktion in China zwar vielleicht billiger ist – aber nicht besser. Schutzkleidung, Antibiotika, Kleidung, Verbandsmaterial… All das wird fast ausschließlich in Asien gefertigt. Meist in China, manchmal in Indien, Thailand oder Bangladesh und so weiter. Und wir erleben gerade, dass die dortigen Partner offensichtlich nicht in jeder Situation verlässlich sind. In der Folge produzieren jetzt viele Hersteller wieder Mundschutz aus Stoff, statt der Wegwerfteile aus Papier. Vorteil: Stoffmasken können gewaschen werden und sind manchmal für um die 1000 Umläufe gut. Außerdem durchfeuchten sie wohl – wie mir ein Händler erzählte – nicht so schnell und können teilweise eine ganze Schicht getragen werden, während die Papiermasken nach jedem Patienten gewechselt werden. Teilweise mehrfach während einer langen OP. Aufgrund der Tatsache, dass die Chinesen die Preise gerade um das zehn- bis zwanzigfache erhöht haben, rechnen sich damit die Stoffmasken bereits nach etwa zehn Umläufen. Wohlgemerkt: Da sie pro Umlauf länger halten, ist das nach etwa drei bis vier Tagen. Heißt aber auch: Selbst beim ursprünglichen Preis von fünf, sechs Cent pro Stück heißt es nach nem guten Monat: Stoff gewinnt. Sogar, wenn man Kosten für die Wäsche mitrechnet.

Wir müssen neu rechnen und langfristiger denken – auch betriebswirtschaftlich

Sind also alle Manager doof? Natürlich nicht. Denn ich habe ja mit den Stoffdingern eine höhere Komplexität der Prozesse und auch die Vereinfachung ist ja ein Kriterium. Die Frage ist nur: Ließen sich diese Prozesse nicht vereinfachen? In vielen Fällen lautet die Antwort vermutlich: Klar. Was ich aber eigentlich sagen will: Man stelle sich mal die eine Stoffmaske bildlich vor. Und daneben 1000 Papiermasken. Was wiegt so ein Ding? Fünf Gramm? Sagen wir einfach mal. Dann haben wir fünf Kilogramm Papier verarbeitet. Plus Transport aus China, plus Fertigung, plus Entsorgung etc. Über den ökologischen Fußabdruck gibt es wohl kaum einen Zweifel, was den Vergleich angeht. Heißt also: Das nachhaltigere Produkt ist billiger, es ist wertstabiler und vor allem: Es ist sicherer hinsichtlich außenpolitischer Abhängigkeiten. Und das gilt für ganz viele Bereiche. Ich will nicht die Globalisierung an und für sich verteufeln. Ich glaube, Handel ist und war schon immer der beste Weg, Menschen friedlich an einen Tisch zu bringen. Ich beiße weder die Hand, die mich füttert, noch die, die mich bezahlt. Aber wenn es zu einseitig wird und die Abhängigkeiten zu erdrückend werden, macht man sich auch erpressbar und begibt sich in eine Situation, in der kleinste Störungen für einen Kollaps des Systems sorgen. Was das für den Energiesektor bedeuten kann, haben wir in den 70er Jahren in der Ölkrise gelernt. Oder eben nicht. Denn gelernt haben wir eigentlich nichts. Wir haben nur die Zeitumstellung bekommen, mit der viele Menschen eher so mittelglücklich sind. Dabei haben wir heute die Möglichkeit, große Teile unserer Energie, wenn nicht gar alles, regenerativ und vor Ort zu erzeugen. Wir müssen die Dinge nur neu denken. Ein Beispiel: Schon immer hat sich Industrie da angesiedelt, wo bestimmte Standortfaktoren gegeben waren. Beispielsweise Schwerindustrie im Ruhrgebiet. Hier war die Kohle und damit die Energie. Entsprechend rauchten zwischen Dortmund und Duisburg die Schlote. Heute ist die Energie ganz woanders. Oder sie könnte es sein. Warum zum Beispiel ziehen Aluminiumhütten nicht an die Nordsee? Oder sogar nach Frankreich an den Atlantik. Ist immerhin EU. Dort könnte man in Offshore-Windparks 24 Stunden zuverlässig Energie erzeugen und das völlig CO2-neutral und auf Dauer viel billiger, als auf Basis von Kohle, Öl und Gas oder Atom. Diese Windparks sind Unsinn, um unsere Netze damit zu betreiben, wenn die Verbraucher in NRW oder Bayern liegen. Aber was spricht dagegen, Schleswig-Holstein zum großen Industriestandort zu machen und bei uns eben eher Technologien wie IT oder Dienstleistungen anzusiedeln? Wir sind ohnehin mitten im Strukturwandel. Wir könnten hier auf breitere Front Energie erzeugen und Speichertechnologien stärker fördern. Wir hätten ein System, das stabiler ist, das weniger von außenpolitischen Störungen beeinträchtigt wird, das auf Dauer sogar billiger ist und das Klima nicht belastet. Gewinner überall – bis auf die großen Energiekonzerne, denn die blieben bei vielen Konzepten – vor allem den Guten – auf der Strecke. Aber unter dem Strich ist das das Los einer jeden Industrie. Kaum eine ist für die Ewigkeit. Und ja, auch das ist Markt: Pass dich an oder geh unter.

Klimaschutz als Kollateralnutzen (betriebs-)wirtschaftlicher Vernunft

Bin ich jetzt abgeschweift? Auf den ersten Blick ja. Auf den zweiten sind wir aber noch immer voll beim vorherigen Thema: Wir lernen, dass sich aus Dingen, die gut für die Umwelt und das Klima sind, ein massiver Kollateralnutzen ziehen lässt. Wir lernen, dass ein „zurück zu alten Wegen“ gar nicht das Ziel sein sollte, wenn die Krise mal überstanden ist – wie auch immer das aussehen soll. Denn die große Welle, die Namens Klimawandel, wird uns wegspülen. Natürlich will auch ich wieder mit Freunden Essen gehen. Ich freue mich, wieder in die Kunstküche, ins Kosmopolit, das Liesgen oder das Limericks zu gehen. Ich freue mich darauf, wieder Bundesliga- und Europapokalspiele mit Publikum zu sehen oder bei HSG, Pinguinen und Ravens, natürlich ebenso mit Zuschauern, Spaß zu haben und auch darauf, hier wieder zu kommentieren. Und ich freue mich, einfach mit Freunden nen Kaffee zu trinken oder sie zum Essen einzuladen. Dafür brauch ich weder T-Shirts aus China, Indien oder Bangladesh, noch ein neues Auto oder was weiß ich. Das heißt nicht, dass ich jede Art des Konsums pauschal verdamme. Aber ich hoffe, meine nächsten T-Shirts kommen vom Krefelder Unternehmen Oceansafe, das Stoffe produziert, die in jeder Hinsicht nachhaltig sind, die in maximal zwei Jahren rückstandslos biologisch abgebaut sind und mit rein regenerativer Energie erzeugt werden. Noch haben sie keine Kleidung, sondern nur Heimtextilien. Aber das Unternehmen gibt es erst seit Oktober. Ich hoffe sehr, sie haben bald T-Shirts, Pullover und Hosen. Natürlich werde auch ich weiter alle paar Jahre ein Notebook holen, denn ich brauche es auch beruflich. Und auch mein Handy braucht nach sechs Jahren zumindest mal nen neuen Akku. Aber es geht darum, es mit Verstand zu tun und nicht einfach Dinge zu kaufen, weil man es kann. Das sollten wir alle aus der Krise lernen. Und auch wenn ich eigentlich denke, dass unsere Spezies keine Zukunft hat und sich an ihrem gehorteten Klopapier am besten kollektiv aufhängen sollte: Hier läge ich zur Abwechslung gern mal falsch. Vielleicht beweisen mir meine Artgenossen ja, dass ich nicht belogen wurde, was das Lateinische angeht und „Sapiens“ eben nicht „Total bescheuert“, sondern tatsächlich so viel wie „Intelligent“ oder gar „weise“ heißt. Denn auch wenn die Empirie mir jeden Tag Stöcke zwischen die Beine wirft: Eigentlich bin ich ein hoffnungsloser Optimist. Merken nur die meisten Leute nicht so, weil ich überdies leider ganz gut beobachte. Und gerade aufgrund des Wissens um die Möglichkeiten der Menschen frustriert mich die Beobachtung mit jedem Tag mehr. Das macht ein Stück weit sicher zynisch. Der Optimismus ist aber da. Den kriegen auch die Deppen in ihrem koordinierten Angriff so schnell nicht tot.

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