Von Fußball und Systemrelevanz

Auch nach Wochen dreht sich in Deutschland alles um Corona. Kaum ein Gespräch, keine Nachrichtensendung und kaum eine TV-Show kommt ohne dieses Thema aus. Alle paar Tage wird eine neue Sau durch’s Dorf getrieben. Weist jemand auf die Schäden hin, die durch die Maßnahmen entstehen und stellt in Frage, ob diese gerechtfertigt sind, so wird er als Verschwörungstheoretiker, Egoist oder Soziopath, dem Leben vollkommen egal sind, diffamiert. Die Relationen spielen dabei überhaupt keine Rolle. Die Menschen überbieten sich darin, wer die Distanzmaßnahmen nachhaltiger umsetzt. Schweden sei keine Alternative, denn dort sind mehr Menschen pro Million Einwohner erkrankt und gestorben, als zum Beispiel in Deutschland. Der Sinn von Flatten the Courve, die schweren Fälle innerhalb der Grenzen des Gesundheitssystems zu halten, wird vollkommen ignoriert. Dass eine große Zahl Infektionen eine gute Nachricht sein kann, wenn das Gesundheitssystem es stemmen kann? Das zu denken oder gar auszusprechen, grenzt an Blasphemie und nicht wenige würden den Sprecher dafür nur zu gern auf einem schönen, großen Scheiterhaufen brennen sehen. Dabei dürfte Schweden gute Chancen haben, die Durchseuchung der Gesellschaft bald hinzubekommen und wieder normal zu leben. Und das ohne, dass ich jemals davon gehört hätte, dass auch nur ein Patient aufgrund von Alter oder anderen Kriterien austriagiert worden wäre. Heißt: Jeder konnte behandelt werden. Und tatsächlich ist es die Kunst, zwar unter, aber so nah wie möglich an der Grenze des Gesundheitssystems zu bleiben. Denn: Fun Fact: Mit Flatten the Courve werden nicht weniger Menschen infiziert. Die Infektionen verteilen sich lediglich auf einen längeren Zeitraum. Aber das nur am Rande. Die negativen Auswirkungen auf Kinder anzusprechen, auch das wird als Blasphemie behandelt. Die sollen sich nicht so anstellen. Dass Kinder sich nicht zuletzt über ihre Altersgenossen definieren und es für sie schwerwiegende Folgen haben kann, wie mittlerweile immer mehr Psychologen warnen? Aber was, wenn Oma krank wird. Da kann man ruhig mal das Seelenheil des Kindes opfern. Und ebenso ergeht es Menschen, die nun verzweifelt versuchen, ihre wirtschaftliche Existenz zu retten. Wenn Gastronomen nach Lösungen suchen, öffnen zu dürfen, dann folgt ein Aufschrei. Und das passiert nun auch mit der Fußball Bundesliga.

Die Millionärs-Demagogie und mehr

Warum solle man die Bundesliga spielen lassen? Das sind doch eh alles nur Millionäre. Sie bringen uns alle in Gefahr. Sie nehmen der armen Krankenschwester die Tests weg. Fußball ist nicht wichtig. Andere Sportarten bekommen diese Extrawurst nicht und dürfen nicht ausgeführt werden. Theater und Musikveranstaltungen sollten zuerst wieder öffnen. Und überhaupt sei Fußball ohne Zuschauer uninteressant. Das sind die Kernthesen der Kritiker. Nun würde ich die letzte Aussage, dass ohne Zuschauer etwas fehlt, durchaus gelten lassen. Aber unter dem Strich ist das eine persönliche Einschätzung und jeder mag es für sich selbst entscheiden. Doch schauen wir uns die andern Argumente einmal an. Vom Fußball leben bei Weitem nicht nur Millionäre. Schon die Spieler bei den weniger finanzkräftigen Vereinen sind weit weg davon, nicht zu wissen, wohin mit ihrem Geld. Sicher, auch in Freiburg, Mainz oder Düsseldorf verdient das kickende Personal wohl von einigen Jugendspielern abgesehen zumeist sechsstellig. Aber eben eher im unteren sechsstelligen Bereich. Das ist immer noch viel Geld und mehr, als ich jemals verdient habe. Aber ich war auch nie einen einzigen Tritt von der Erwerbsunfähigkeit entfernt. Und selbst im Idealfall müssen diese Leute in zehn, vielleicht fünfzehn Jahren so viel Geld zurücklegen, dass sie Vorsorge betreiben. Denn nicht selten haben sie der Karriere alles untergeordnet und sonst keine gute Ausbildung. Auf einen Lewandowski, Reus oder Müller kommen eben eine Hand voll Jungs wie Uwe Hünemeier, Marlon Ritter, Florian Kath, Brandon Borrello, Finn Dahmen oder Jozo Stanic. Einfach mal ein paar Beispiele von Spielern kleinerer Vereine, die wohl die wenigsten Leser dieses Blogs korrekt ihren Vereinen zuordnen könnten. Entsprechend sind die Gehälter einzuschätzen.

Nicht nur Spieler leben vom Fußball

Noch deutlicher ist es aber, wenn wir den Blick etwas erweitern. Da sehen wir dann Trainer(-innen) bis hinunter in den Jugendbereich, wir sehen Platzwarte(-innen), Zeugwarte(-innen), Masseure(-innen), Mitarbeiter(-innnen) der Geschäftsstellen, in Fanshops oder in der Pressearbeit. Wohl kein Verein in der Bundesliga hat unter 100 Angestellte. In der zweiten Liga sieht es ähnlich aus. Die Branchenführer wie Bayern, Dortmund, Schalke oder Gladbach dürften jeweils mehrere hundert Angestellte haben. Und sie alle hängen davon ab, dass das Unternehmen genug Umsatz macht, sie zu bezahlen. Rechnen wir mal Konservativ für die 36 Clubs der ersten beiden Profiligen mit 150 Angestellten im Schnitt. Die meisten davon mit ganz normalen Jobs und weit weg von Millionengehältern. Es sind also 36 mittelständische Unternehmen und durchaus große regionale Arbeitgeber (und Steuerzahler). Existenzen hängen daran. Und wenn die Show nicht irgendwie weiter geht, dann werden viele Vereine (oder richtiger Gesellschaften) aus diesem Business nicht mehr Silvester feiern. Fußball ist also durchaus ein großer Arbeitgeber im Land.

Containment ist im kleinen Kreis möglich

Nun schauen wir uns die Gefährdung an. Der Kader eines Bundesligavereins ist üblicherweise irgendwo zwischen 20 und 30 Spielern anzusiedeln und nur die trainieren und spielen am Ende. Diese werden alle paar Tage getestet. Das heißt: Wir sind hier genau an der Situation, die eigentlich ein Traumziel der ganzen Nummer wäre, die wir gerade betreiben: Wir können genau verfolgen, wer krank ist und diese(n) dann isolieren. Damit ist eine Ausbreitung der Krankheit extrem unwahrscheinlich. Und die Hygienemaßnahmen scheinen zu greifen. Das zeigen die Fälle diese Woche beim 1. FC Köln. Drei Personen, zwei Spieler und ein Betreuer, wurden positiv getestet. Sie wurden sofort isoliert und es scheint keine weiteren Ansteckungen gegeben zu haben. Wir haben es also mit einer sehr kleinen Gruppe Menschen zu tun, die sehr genau wissen, dass ihre ganze Existenz daran hängt. Und auch wenn sicher nicht jeder davon der Bildungselite zuzuzählen ist: Sie können sich, zumal mit Hilfe der Vereine, abseits des Platzes wohl gut schützen und damit bleibt die kleine Population insgesamt relativ unbetroffen.

Tests sind vorhanden!

Doch was ist mit den Tests? Einige Tausend dieser Tests werden für die Bundesliga benötigt. Und immer wieder ist zu hören: Wir sollten lieber die Krankenschwestern, Pfleger oder Kassierer(-innen) testen. Und ja, auf den ersten Blick hört sich das sinnvoll an. Denn nicht umsonst klatschen wir ja brav aus dem Fenster. Doch der zweite Blick zeigt: Durch die Bundesliga wird nicht eine Krankenschwester weniger getestet. Die Zahl der Tests ist längst nicht mehr das Bottleneck. An unsrem System lässt sich sehr viel kritisieren. Aber eine Stärke hat es: Ist irgendwo Geld zu holen, dann sind sofort viele Leute da, das entsprechende Produkt anzubieten. Soll heißen: In den Monaten, seit die Krankheit zur Krise wurde, haben viele Unternehmen eifrig Tests entwickelt und produziert. Sie sind da. Doch warum werden die Krankenschwestern so selten getestet? Warum wird nicht einfach mal ganz Deutschland in kürzester Zeit durchgetestet, um dann die Infizierten zu isolieren? Nun, ob die Kapazität für letztere Maßnahme da wäre, das weiß ich nicht, aber es ist auch irrelevant, denn die Antwort liegt nicht in der Zahl der verfügbaren Tests, sondern ist eher bei Krankenkassen und damit in letzter Konsequenz der Politik verortet. Es will schlicht niemand die Tests bezahlen. Die Bundesliga aber bezahlt. Und damit können sie testen so viel sie lustig sind. Klar, der ein oder andere mag jetzt einwenden, sie könnten das Geld ja auch für die Tests der oben genannten Gruppen geben. Aber das hat einen Pferdefuß, denn a) kann immer noch jeder selbst entscheiden, wofür er oder sie sein/ihr Geld verwendet und b) käme es ohne Spiele nicht rein.

Es geht halt nur beim Fußball

Doch warum der Fußball? Warum nicht Konzerte, warum nicht Eishockey, Basketball, Handball? Warum nicht Theater oder Kabarett? Ganz einfach: Es geht nur beim Fußball. Der hat den Vorteil, dass ein großer Teil der Erträge aus den TV-Geldern stammen. Zu spielen ist für Bundesliga überlebenswichtig, denn so fließt Geld von Sky und Co., die wiederum Werbung und Abonnements verkaufen. Und so rechnet sich das Ding. Diese Situation hat keine andere Sparte der Freizeit in Deutschland. Für alle oben genannten anderen Bereiche wäre eine Wiederaufnahme des Betriebes ein Zuschussgeschäft. Denn ohne Besucher vor Ort werden keine Einnahmen generiert. Ein Eishockeyspiel ohne Zuschauer kostet die Vereine netto zigtausend Euro – je nach Halle auch mehr. Im Handball oder Basketball sieht es ähnlich aus. Hier gibt es zwar TV-Verträge, aber die decken nicht einmal die Kosten für den Spielbetrieb selbst. Bei Theatern oder Konzerten sieht es noch übler aus. Hier können die Künstler ihre Arbeit im Prinzip nur kostenlos streamen. Es fehlt schlicht an Abrechnungsmöglichkeiten für pay-per-view. Natürlich kann man jetzt kritisieren, dass eben nur die Bundesliga die fetten Verträge bekommt. Aber dafür ist DIESE nicht der richtige Adressat. Nicht derjenige, der etwas gut macht und damit erfolgreich ist, sollte kritisiert werden. Vielmehr sollte der Blick dahin gehen, warum es bei anderen eigentlich so anders ist. Und hier landen wir, neben einigen Fehlern in der Vergangenheit durch Funktionäre, unweigerlich bei den TV-Konzernen. Und damit letztlich bei uns selbst. Wir sind bereit, für Bundesliga und Championsleague 70 Euro im Monat zu blechen. Zumindest genug Deutsche tun dies, damit Milliarden für die Rechte ausgeschüttet werden. Beim Eishockey leisten sich nur die wenigsten die 10 Euro im Monat (für viel mehr Spiele). Im Handball oder Basketball ist das ähnlich. Die Kritik geht also nicht an die DFL. Sie geht an uns alle. Wir haben offenbar kein Interesse daran, für andere Sportarten zu zahlen. Dann dürfen wir auch nicht weinen, wenn kein Geld vorhanden ist. Mit anderen Worten: Die Bundesliga will wieder spielen, weil sie es kann. Alle anderen können nur hoffen, dass sie lang genug überleben, um irgendwann wieder anfangen zu können. Sollte es tatsächlich bis Ende des Kalenderjahres keine Großereignisse mit Zuschauern mehr geben, können wir wohl HBL, DEL BBL und Co. nur noch in Geschichtsbüchern und TV-Aufzeichnungen erleben. Und nur, um die Perspektive richtig zu stellen: Mancher mag mir jetzt vorwerfen, ich sei einseitiger Fan des Fußballs. Doch tatsächlich ist das nicht so. Zwar schaue ich sehr gern Fußball und habe auch ein Sky-Abo, aber ich besuche Eishockey und Handball selbst und bin hier sogar beruflich verbunden. Ich habe faktisch auch mit Football mehr als mit Fußball zu tun. Es geht hier also tatsächlich rein um eine faktische Analyse bzw. einen Vergleich der Situation.

Kein Risiko ohne Systemrelevanz – Brot und…. Was genau?

Kommen wir zum letzten Argument: Fußball sei nicht so wichtig und damit sollte man dafür kein Risiko eingehen. Und ja, das stimmt. Wir alle können ohne Fußball leben. Mancher vielleicht weniger schön, aber es geht doch besser, als ohne Nahrung oder Wasser. Ist der Fußball aber deshalb unwichtig? Schließlich wussten ja schön die Römer: Brot und Frisöre. Nein… wie war das noch? Brot und Autos. Oder Brot und Banken? Tja, wir alle wissen natürlich, wie der Spruch richtig geht: Brot und Spiele! Ganz so unwichtig scheint also Freizeitwert für unser Leben nicht zu sein, wenn es seit über 2000 Jahren ziemlich unvermindert gilt. Und in Zeiten, in denen Brot zumindest in der westlichen Welt als ziemlich gesichert angesehen werden darf, ist die Relevanz sogar noch gestiegen. Nun wird der ein oder andere zurecht einwenden: Spiele ist nicht gleich Fußball. Richtig. Spiele umfasst alles, was oben schon erwähnt ist. Fußball ebenso wie andere Sportarten, wie Theater, wie Kinos, Kabarett, Musik, Festivals und so weiter. All das zusammen aber hat eine extreme Relevanz in unserem System. Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass diese Dinge weit systemkritischer sind, als alle Banken zusammen. Und das sogar unabhängig vom Wirtschafts- oder Gesellschaftssystem. Nun kann der Fußball das allein nicht reißen, keine Frage. Aber er deckt zumindest einen guten Teil dieses Bedürfnisses für vermutlich mehr als die Hälfte der Deutschen in irgendeiner Form. Zumindest, wenn man verfolgt, wie darüber diskutiert wird. Wünschenswert wäre selbstverständlich, dass auch die anderen Freizeitangebote wieder starten können. Aber hier ist es eben mangels Finanzierung sehr viel schwieriger. Die Kritik sollte also eigentlich nicht lauten: Warum soll der Fußball wieder beginnen, sondern eher: Warum kriegen wir es für den Rest nicht hin. Wenn am Mittwoch die Bundesregierung über eine Wiederaufnahme der Bundesliga abstimmt, dann sollte man hoffen, dass sie sich dafür entscheiden und grünes Licht geben. Wenn überhaupt, dann sollte die Regierung darüber nachdenken, ob nicht Rahmenbedingungen geschaffen werden können, wie auch die Wiederaufnahme des Betriebes anderer Sportarten, von Theatern und anderen Einrichtungen zeitnah wieder aufgenommen werden kann. Beispielsweise durch die Finanzierung eines Streamingdienstes mit sehr kundenfreundlicher Abrechnung für Pay-per-view. Wobei ich sagen muss: Ich verstehe nicht, warum Google, Facebook und Co. so etwas noch nicht draußen haben. Hätte ich ein solches Unternehmen, ich hätte am Tag nach dem Beginn des Logdowns alle verfügbaren Programmierer drauf angesetzt. Aber das ist ein anderes Thema. Zunächst hoffe ich auf ein kleines Stückchen wiederkehrende Normalität. Und nein, es geht hier nicht darum, die Gefahren von SARS-Cov2 herunter zu spielen, wobei auch hier in meinen Augen über die Wochen das ein oder andere Fragezeichen aufgetaucht ist. Aber das ist ein anderes Thema. Es geht darum, wie man innerhalb der Grenzen der Krankheit das Leben wieder anlaufen lassen kann. Und wie wir aus dieser unerträglichen Lethargie, Schockstarre und blinden Obrigkeitshörigkeit wieder aufwachen. Ja, wir sollten vorsichtig sein. Aber langsam sollte auch der Letzte Zeit gefunden haben, die Füße hoch zu legen und den Schock zu bekämpfen. Wir werden nicht am Fußball sterben, wetten?! Aber ohne Spiele wird, fast ebenso sicher, der Fußball sterben. Und das wäre vermutlich ein ziemlich sinnloses Opfer.

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