Wie aus „Gutmenschen“ „Corona-Schwurbler“ wurden

Ist Corona gefährlich? Sind die Maßnahmen gerechtfertigt? Sollten wir weiter lockern oder wieder verschärfen? Ist es egoistisch, einzelne Maßnahmen abzulehnen? Bringt man damit Menschen in Gefahr? Oder tut man es, wenn man nicht dagegen ist? Diese Fragen werden derzeit auf allen Kanälen hoch und runter diskutiert. Und noch viele mehr. Doch eines wird dabei vollkommen übersehen: Schaut man sich die ganzen Fragen einmal mit etwas Abstand an, so stellt man eines fest, nämlich, dass sie von der sprachlichen Seite her so genannte ‚geschlossene Fragen‘ sind. Sie lassen sich ganz einfach mit „ja“ oder „nein“ beantworten. Und das ist in der Diskussion auch gut festzustellen. Die Fronten verhärten sich mit jedem Tag mehr. Und je dringender wir einen gesellschaftlichen Konsens und neue Wege brauchen, desto stärker wird sich voneinander abgegrenzt.

Nur „ja oder aber“. Kein „ja, aber“

Es gibt zwei Gruppen, die sich bis auf’s Messer bekämpfen. Familien zerbrechen über diese Fragen. Freundschaften gehen in die Brüche. Und das Schlimme ist: Es ist beinahe unmöglich, diesen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Es ist fast wie das Thema „Trump“ im Kontakt mit Amerikanern. Nun sehe ich mich in der Mitte der ganzen Dinge. Ich halte Covid19 für eine schwere, ernst zu nehmende Krankheit. Eine, die weltweit Menschenleben fordert. Aber ich denke auch, dass die Kollateralschäden vieler Maßnahmen schlimmer sind, als es die Krankheit ist oder wäre. Ich fürchte, wir opfern zu viel und unter dem Strich ist Corona eben nicht die schwarze Pest oder Ebola. Es ist keine Krankheit, die – meiner Ansicht nach – JEDE Maßnahme rechtfertigt. Und ich denke auch, dass viele der Maßnahmen in der Theorie sinnvoll sind, in der Praxis aber, mit Menschen, die sie nicht verstehen, sogar kontraproduktiv. Kurz gesagt: Ich wünsche mir keine digitale Diskussion, kein Ja oder Nein, sondern einen differenzierten gesellschaftlichen Diskurs über einzelne Maßnahmen und deren Ausprägung. Und vor allem: Information!

Willkommen in der Welt der Kampfbegriffe

Doch es wird nicht mit Fakten diskutiert. Es geht nur um Emotion. Angst bestimmt unsere Gesellschaft. Und zwar entweder die vor dem Ruin oder vor dem Tod (oder dem von Freunden und Angehörigen). Und so wird der eigene Standpunkt mit Zähnen und Klauen verteidigt und jeder Millimeter Abweichung wird genauso behandelt, wie die Wortführer der Gegenpartei. Dieses Verhaltensmuster schleift sich in unserer Gesellschaft immer mehr ein. Und es verfestigt sich in Kampfbegriffen. Der neueste davon: Corona-Schwurbler. Dieses Wort ist fast 1:1 an die Stelle von „Gutmensch“ oder „Linksgrün-versifft“ getreten. Auch diese Worte – auf der Gegenseite meist „Nazi“ – stellen ja per se eine grobe Vereinfachung dar. Und ich habe schon so manchen Kopf explodieren sehen – bildlich gesprochen – weil jemand mit einer differenzierten Aussage total überfordert war und nicht wusste, ob er oder sie nun zustimmen oder vehement abwehren soll. Nun gibt es aber zwischen Flüchtlingsdiskussion und Corona einen großen Unterschied. Bei Flüchtlingen weiß ganz grundsätzlich doch jeder, wovon wir reden. Menschen kommen her. Meist fliehen sie vor Tod, Verfolgung oder nur Hunger. Und wir müssen diskutieren, ob wir sie aufnehmen und, wenn ja, wie wir mit ihnen umgehen. So weit so einfach. Nur: Bei Corona wissen wir nichts. Selbst Experten raten. Täglich kommen neue Meldungen. Wie ist die Reproduktionszahl? Wie viele Infizierte haben wir? Ist die Todesrate 5 Prozent? Oder 0,5? Oder irgend etwas dazwischen? Wer ist infiziert? Gibt es Spätfolgen? Können wir bis zu einer Impfung warten? Und wann kommt die? Jeder sucht sich die Antworten auf diese Fragen, die den richtigen Kurs bestimmen, so aus, wie sie zur eigenen Argumentation passen. Und es wird unglaublich viel mit Einzelfällen argumentiert. Und das Schlimmste: Jeder, der sich differenziert äußert wird von beiden Seiten abgelehnt. Entweder ist man eben „Coronaschwurbler“ und auf einer Stufe mit geistigen Größen wie Hiltmann und Naidoo, oder „Schlafschaf“. Konstruktive Diskussion? Fehlanzeige.

Folgen sind unabsehbar

Dabei ist doch eigentlich offensichtlich, dass weder die totale Abschottung, noch „Normal“ die Lösung sein können. „Normal“ hat, da gibt es keine zwei Meinungen, in Italien, in Spanien und den USA zu verflucht viel Leid geführt. Zu Toten, zu einer unfassbaren Belastung für Mitarbeiter im Gesundheitssystem und zu einem bevorstehenden Zusammenbruch der Zivilgesellschaft. Dass in diesen Ländern die Gesundheitssysteme ziemlich ramponiert sind, ist sicher kein Zufall, taugt aber auch nicht als alleinige Erklärung. Aber der Lockdown führt zu Kurzarbeit, zu Arbeitslosigkeit, zu schweren psychischen Folgen für Millionen Menschen. Immer mehr Kinderpsychologen warnen davor, dass der aktuelle Status Quo für Kinder traumatisch sei. Und auch insgesamt geben in Studien 25 Prozent der Menschen an, schlecht oder sehr schlecht mit der derzeitigen Situation zurecht zu kommen. Doch was passiert, ist nicht Diskussion. Es sind die oben erwähnten Einzelschicksale. Da laufen dann über soziale Netzwerke die erlesenen Storys von XY, 32 Jahre ohne jede Vorerkrankung. „Ich war immer gesund und fit und habe nie etwas gehabt. Und dann habe ich zwei Wochen um mein Leben gekämpft. Ich musste beatmet werden und es war so schrecklich und ich habe Spätfolgen. Bitte haltet Euch an die Regeln, denn es kann jeden treffen. Nicht nur die Risikogruppe.“ Mal davon ab, dass ich das Wort „Risikogruppe“ ‚hands down‘ für das Unwort des Jahres halte – was genau besagen denn solche Posts? Genau: Nichts! Kann es jeden treffen? Ja, kann es. Aber das gilt nicht nur für Corona. Dieselben Geschichten gibt es von der Grippe. Ja, sogar von Erkältungen. Von Masern, von anderen Infektionskrankheiten. Oder von Autounfällen. Plötzlich ist jemand einen Augenblick abgelenkt, oder es kommt zu Blitzeis, Aquaplaning oder was weiß ich. Und nach dem Unfall ist jemand monatelang im Krankenhaus. Aber er oder sie postet doch nicht „Mein Appell: Steigt nie wieder in ein Auto und verlasst die Wohnung nicht mehr.“ Einzelschicksale gibt es. Wird es immer geben. Bei fast allem. Sie sollten Mahnung sein, aber nicht den Kurs einer Gesellschaft bestimmen. Sehr wohl aber, wenn ein viertel aller Menschen – in Deutschland sind das schlanke 20 Millionen Menschen – betroffen sind. Wenn eine ganze Generation betroffen ist. Wenn Armut deutlich zunimmt und ganze Berufsgruppen vor dem Ruin stehen.

Der Drahtseilakt

Bis hier hin ist es noch einigermaßen konsensfähig. Aber was nun unweigerlich folgt, ist eine Forderung. Ein Appell, ein Konzept. Jeder stellt nun seine persönliche Vorgehensweise als endgültige Weisheit dar. Und vermutlich wird fast jeder Leser an diesem Punkt die Finger aufwärmen um zu tippen „Du spinnst“. Ganz egal, was hier nun folgen würde. „Weitere Lockerungen“ macht mich zum „Coronaschwurbler“, „alles für die Gesundheit“ zum „Schlafschaf“. Schach und Matt. Früher war man, stand man in der Mitte, irgendwie auch der Mittler. Heute ist die Mitte das Niemandsland. Die Todeszone. Das Gebiet zwischen den Schützengräben, auf das alle MGs gerichtet sind. Hier kann man eigentlich nicht überleben. Und das erlebt zum Beispiel auch Armin Laschet derzeit. Ich bin kein großer Fan von ihm. Die ganze CDU überzeugt mich schon lange nicht mehr ansatzweise. Aber in einem Punkt hatte er in meinen Augen Recht. Und zwar mit seiner wohl meistkritisierten Aussage: „Ich werde mir nicht von ein paar Virologen meine Politik bestimmen lassen.“ Der Aufschrei war riesig. Doch was genau hatte er denn gesagt?

Es braucht Ausgewogenheit!

Er hat eigentlich gesagt, dass es mehr als einen Aspekt gibt. Aus virologischer und epidemiologischer Sicht gibt es derzeit eigentlich nur einen vollständig richtigen Weg: Alle Menschen auf der Welt müssen gleichzeitig in eine vollständige Quarantäne. Niemand darf irgend einen anderen treffen. Sagen wir, für vier Wochen. Danach gibt es kein Corona mehr. Und auch die meisten anderen Infektionskrankheiten nicht mehr. Klar, Vektorerkrankungen wie Malaria oder dergleichen wären noch in der Welt. Auch HIV/AIDS bleibt viel länger im Körper. Aber Grippe, Erkältungen, Schnupfen, Masern, Röteln und so weiter, alles, was akut ausbricht und dann vom Körper besiegt wird und nur von Mensch zu Mensch übertragen wird, wäre weg. Schöne neue Welt. Nur mit ein paar kleinen Häkchen. Mal davon ab, dass es nicht umsetzbar wäre, weil Menschen es umgehen und ausbrechen würden, würden Millionen, vielleicht Milliarden Menschen in diesen vier Wochen sterben. Denn wir könnten vier Wochen Vorräte anlegen. Menschen in Zentralafrika oder weiten Teilen Asiens oder Südamerikas eher weniger. Sie sind froh, wenn sie etwas für den Abend haben. Feldfrüchte würden absterben, Nutztiere verhungern, das System komplett kollabieren. Das Leid wäre viel größer als selbst das von der Summe aller Infektionskrankheiten hervorgerufene. Heißt: Der Blick von nur einer Seite taugt nicht für Politik. Wir müssen alle Ansichten einbeziehen. Virologen, Psychologen, Ökonomen und viele andere Gruppen. Wir müssen eine Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen, die auch Opfer bedeutet. Das und nur das hat Laschet eigentlich gesagt. Seine Aussage war nicht kurzsichtig, sondern, im Gegenteil: Ausgewogen.

Wirtschaftskrisen sind Killer!

Auf uns warten viel größere Bedrohungen, als Corona. Das zeigt die Geschichte. Mal davon ab, dass zum Beispiel der Klimawandel immer noch eine riesige Gefahr darstellt, dass gesellschaftliche Spaltung dramatische Folgen haben wird und so weiter: Schauen wir in die Geschichte. Was ist bei der großen Weltwirtschaftskrise passiert? Sie produzierte Armut. Und das führte zu radikalen Tendenzen. Der Faschismus blühte und das führte, natürlich stark verkürzt, zum zweiten Weltkrieg. Mit zig Millionen direkten Kriegstoten und vermutlich noch einmal genausovielen indirekten durch folgenden Hunger, Krankheiten und so weiter. Und auch 2008 ist dieser Effekt zu beobachten gewesen. Noch 2006 war das Motto der WM „Die Welt zu Gast bei Freunden“ und es wurde gelebt. Europa wuchs zusammen, die Zukunft war positiv. Klar gab es Probleme, es gab den „War on Terror“. Aber im großen und ganzen war die Richtung okay. Nach der Wirtschaftskrise und den daraus folgenden Unruhen und Nöten kamen zum Beispiel Flüchtlinge. Systeme wurden destabilisiert und je ärmer die Länder waren, desto schlimmer waren die politischen Folgen. Liberale, demokratische Systeme wurden durch Demagogen ausgehöhlt. Die Liste der Länder, in denen Nationalisten und Extremisten die Macht übernahmen, ist lang. Namen wie Erdogan, Orban, später Bolsonaro und Trump drängen sich hier auf. Und dieser Trend ist längst nicht abgeschlossen und wird sich wohl durch die aktuelle Situation verschärfen.

Was ist die Lösung?

Wir können uns aber nicht mehr viel Verschärfung erlauben. Schon jetzt ist Europa kurz vor dem Zusammenbruch. Das größte Friedensprojekt der Geschichte – sicher nicht perfekt aber dennoch in dieser Hinsicht sehr erfolgreich – droht zu scheitern. 75 Jahre Frieden auf dem Kontinent, das gab es wohl zuletzt vor dem Aufkommen des Menschen. Und auch in anderen Teilen der Welt ist nicht Verständigung und Kooperation der Trend der Zeit, sondern Mauern. Längst nicht nur in den USA. Also was können wir tun? Wie sollten wir vorgehen? Lockdown? Freiheit? Irgendwas dazwischen? Was ist meine Antwort. Sie mag manchen schockieren aber: Ich weiß es nicht. Ich habe nicht alle Informationen. Ebensowenig wie irgendjemand sonst. Was also tun? In meinen Augen gibt es nur einen Weg: Reden. Und zwar offen. Ohne Diffamierung, ohne Kampfbegriffe. Und ja, das schließt auch Attila Hildmann oder Xavier Naidoo mit ein, die ich persönlich für Spinner halte. Sogar Beatrix von Storch oder Alexander Gauland, so schwer es (auch mir) fällt. Wir brauchen Konsens und wir müssen diesen aushandeln. Es darf nicht sein, dass Menschen sich nicht wahrgenommen fühlen. Natürlich wird es immer Unzufriedene geben. Das ist geradezu die Definition von Kompromiss und der ist ja im eigentlichen Sinne die Definition von Demokratie. Trotzdem müssen wir mit ihnen reden. Nicht nur hinsichtlich Corona. Das gilt für alle großen gesellschaftlichen Aufgaben. Flüchtlinge, Umverteilung, Klimaschutz, Verkehrswende, Abrüstung, Digitalisierung und und und. Es gilt für jede Partei, für Europa, ja, sogar für den Sportverein, den ich mag, oder nicht mag. Es gibt immer ein breites Spektrum an Meinungen und Ansichten. Nicht nur Schwarz und Weiß. Öffnen wir uns dafür und machen wir aus „Ja oder aber“ endlich wieder „Ja, aber“. Lasst uns offene Fragen nutzen. Wie? Wieviel? Womit? Also zum Beisiel: Was bedeutet „Gesundheit“? Laut WHO ist es mehr, als die Abwesenheit von Krankheit. Diese Fragen müssen wir uns stellen und offen beantworten. Sonst fahren wir den Karren noch schneller vor die Wand, als wir es ohnehin schon tun.

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