Freiheit für geimpfte? Wahlkampf für Ahnungslose!

Vorab, geradezu als Disclaimer für alle, die einen Text nur anlesen und dann aufhören: Ich bestreite hier nicht Covid, nicht die Gefahr, ich kritisiere nicht die Maßnahmen an sich. Ich unterstütze sie ausdrücklich und halte sie in der Idee für richtig. In der Umsetzung speziell einzelner Maßnahmen sind aber für mich oft Kurzsichtigkeit und Ignoranz die Väter und Mütter. Also ausdrücklich: Es geht NICHT darum, hier gegen Lockdown, Impfen und Sicherheit zu reden! Was aber derzeit diskutiert wird macht mich zunehmend sauer. Weshalb das hier auch vergleichsweise emotional ist – eher ein (Neudeutsch) „Rant“. Das nur vorab. Jetzt zum eigentlichen Text:

Es war abzusehen und ist eigentlich nicht überraschend, aber jetzt, mehr und mehr, kommt diese Forderung in der Politik immer mehr: Wer geimpft ist, der kann doch auch am normalen Leben teilnehmen, oder? Unter dem Strich können diese Menschen dann doch nicht mehr schwer an Covid erkranken und können dementsprechend auch endlich das ersehnte normale Leben aufnehmen, oder? Auf den ersten Blick absolut logisch. Und epidemiologisch ist dagegen (vermutlich) nichts auszusetzen. Zwar sind meines Wissens nach auch geimpfte noch in geringerem Maße in der Lage, die Krankheit weiter zu geben, aber wenn sie im dann freigegebenen öffentlichen Leben nur noch auf andere Geimpfte treffen, dann ist das ja kein Problem. Diese bekommen dann bestenfalls nen leichten Schnupfen oder etwas in der Art. Also im Prinzip dasselbe wie zu jeder „Grippesaison“ (bzw. fiebrige Erkältungssaison, denn echte Grippe war es ja meist nicht) in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Also, denken sich Spahn und Co., „Raus mit Euch, Ihr Racker und habt Spaß.“

Stoj! Warum sitze ich im Lockdown?

Nun aber nicht so schnell mit den jungen Pferden. Denn bei der ganzen Sache vergessen wir eines, nämlich den Solidaritätsgedanken. So wünschenswert es ist, dass möglichst schnell möglichst viele Menschen wieder „frei“ sind und auch bei Veranstaltern oder Geschäften für Umsatz sorgen können: Die Geimpften haben dafür kein Opfer erbracht. Sie hatten nicht einmal Glück – sie wurden ausgewählt! Und das nach Kriterien, die sie selbst (sinnvoll – siehe weiter unten) NULL beinflussen können. Zunächst impfen wir, etwas plakativ gesagt, die Alten und Schwachen. So weit so gut und richtig. Nur sind sie mit dieser Sache dann schon bevorzugt. Sie können eben nicht mehr erkranken – zumindest nicht mehr schwer – und ihr Leben ist zumindest hinsichtlich Covid sicher. Ein Vorzug, den ich und alle anderen Mitglieder der Gruppen, die erst viel später an die Reihe kommen, nicht haben. Nun muss ich sagen, dass sich meine Angst vor Covid relativ in Grenzen hält. Also für mich persönlich. Ich habe keine bekannten Risikofaktoren, bin noch einigermaßen jung – zumindest weit genug weg von einer Risikogruppe – und habe in den vergangenen Jahren fast nie auch nur eine schwerere Erkältung gehabt. Das letzte Mal, dass ich mal mehr als ein, zwei Tage etwas reduziert und mich geschont habe, ist locker sechs, sieben Jahre her. Heißt: Mein Immunsystem ist ziemlich fit. Ich hätte also bei einer Infektion eine gute Chance. Nicht 100 Prozent, keine Frage. Ich könnte einen schweren Verlauf haben, ich könnte sterben, ich könnte sogar lebenslange Spätfolgen davon tragen. Dessen bin ich mir bewusst. Aber in meiner persönlichen Einschätzung sind diese Möglichkeiten so gering, dass ich sie unter „allgemeines Lebensrisiko“ verbuchen würde. Ich nehme schließlich auch am Straßenverkehr teil, ich nehme Medikamente mit viel höheren Wahrscheinlichkeiten für schwere Schäden. Hey, ich interagiere sogar mit Menschen und – zum Gefallen meiner Freundin – lasse mich sogar alle paar Tage breit schlagen, Nachrichten zu schauen. Obwohl das alles meinen Blutdruck in Regionen steigert, die die Wahrscheinlichkeit eines Hirnaneurysmas in durchaus realistische Regionen treiben. Ich gehe also jeden Tag Risiken für Leben und Gesundheit ein. Ich würde auch Covid akzeptieren und „einfach weiter machen“.

Solidarität ist keine Einbahnstraße!

Warum also sitze ich seit einem Jahr praktisch ausschließlich zu Hause? Warum treffe ich nur in Ausnahmefällen Freunde? Warum mache ich meinen Job nur noch unter erschwerten Bedingungen? Warum befürworte ich diese Maßnahmen? Ganz einfach: Es geht nicht um mich! Es geht um eine gesamte Gesellschaft – übrigens für mich eine WELTgesellschaft, nicht Deutschland. Aber das ist etwas Anderes. Ich beschränke und bescheide mich, weil ich weiß, dass Covid für ANDERE eine Gefahr ist. Seien das Freunde mit Risikofaktoren, Eltern oder einfach Fremde. Das Ding nennt sich Solidarität. Diese geht so weit dass ich es auch für gut und richtig halte, dass diese Menschen zuerst geimpft werden. Ich halte das nicht nur für den technisch gesehen besten Weg, mit der Krankheit umzugehen, sondern auch für den ethisch hochstehendsten. Ich habe mich noch nicht über eine Impfung informiert oder etwas in der Art, weil ich einfach noch nicht dran bin. Mein Risiko ist, wie oben beschrieben, überschaubar. Ich habe also aus purer Solidarität große Teile meines sozialen Lebens seit einem Jahr geopfert. Und hier sind wir beim Punkt. Natürlich können Geimpfte jetzt argumentieren, sie seien ja nicht mehr gefährdet. Aber warum dürfen sie so argumentieren, ich aber nicht? Weil es darum verdammt noch einmal nicht geht!

Ich bleib für Euch daheim – jetzt tut Ihr es verdammt nochmal auch!

Ich bin bereit, das alles auf mich zu nehmen. Und mit mir Millionen Anderer, die das Ganze ähnlich einschätzen. Manche Befürworter der Maßnahmen, manche Kritiker, manche „Schwurbler“. Ganz egal. Aber wir bescheiden uns nicht für uns selbst, nicht aus Angst, sondern aus Rücksicht. Und aus derselben Rücksicht zählen wir unter dem Strich nicht zu den Geimpften. Wir können es ja ansonsten so machen, dass wir fortan die Impfdosen vergeben, wie früher am Eisstadion die Eintrittskarten: Es bilden sich lange Schlagen an den Kassen und sobald die öffnen schiebt jeder von hinten und drängelt und schubst. Am Ende hatten (in der KEV-Aufstiegssaison) eigentlich nur die Stärksten ein Ticket und die anderen schauten in den Mond. Übrigens: Ich war damals 14 und habe jedes Spiel gesehen obwohl ich keine Dauerkarte hatte. (Nein, ich bin kein Herkules, aber ich weiß, mich durchzusetzten. Auch im Gedränge.) Tun wir nicht. Warum? Weil es nicht um die Stärksten geht (und es riesiege Corona-Partys wären, aber das ist was Anderes)! Aber der Gedanke ist trotzdem nicht so fern. WENN wir für Geimpfte öffnen wollen, dann doch bitte so, dass zumindest jeder eine Chance hat, zu einem solchen zu werden. Entweder dadurch, dass der Bund endlich seinen verdammten Job macht und das hinkriegt, was in vielen Ländern klappt, nämlich für JEDEN eine Impfung anzubieten, oder durch Vergabeverfahren, die jedem eine gleiche Chance – und sei sie noch gering – anbietet. Oder auch dadurch, dass man sich die Impfung irgendwie „verdient“. DANN können wir über Öffnungen für Geimpfte reden. Aber doch nicht, so lange die Gesunden und fitten sich mehr oder minder freiwillig bescheiden.

Es geht sogar noch weiter!

Übrigens geht die Sache ja, bei etwas abstrakterer Betrachtung, noch ein ganzes Stück weiter. Ein großer Teil der Kosten für die ach so heilige Wirtschaft in diesem Land sind die Lohnnebenkosten. Also unter anderem die Krankenversicherung. Nun gehöre ich zu einer großen Zahl Menschen, die seit Jahrzehnten auf ihre Gesundheit achten. Ich habe von frühester Jugend an mein Idealgewicht, ich treibe (zumindest außerhalb von Lockdowns) recht viel Sport, ich ernähere mich gesund und habe nie auch nur einen Zug geraucht. Ich habe sogar meinen Kaffeekonsum vor vielen Jahren bewusst reduziert und verzichte (wenn auch vordringlich aus anderen Gründen) auf Fleisch. Mit Alkohol habe ich mir feste Regeln gemacht, ich reduziere meinen Zuckerkonsum und so weiter. Sicher mitverantwortlich dafür, dass ich, wie oben beschrieben, praktisch nie krank bin und mithin sehr wenige Kosten verursache. Für meine Kasse bin ich in meinem Leben bislang ein ziemlich guter Deal! Ich könnte aber auch dem inneren Schweinhund nachgeben, jeden Tag ne Flasche Schnaps saufen, ne Schachtel Kippen wegziehen, zwei Kannen Kaffee und fünf Tüten Gummibärche etc. pp. Vielleicht hätte ich heute Bluthochdruck, ein, zwei Herzinfarkte, viel mehr Rückenprobleme als ich (angeboren) eh schon habe, ich könnte nen Diabetes haben, massives Übergewicht, kaputte Gelenke und so weiter. Kurz: ich könnte alle zwei Wochen wegen irgendwelcher Folgen meines exzessiven Lebenswandels bei irgend einem Arzt sitzen und Kosten verursachen. Und was wäre aktuell die Folge? Ich wäre Risikogruppe und mit hoher Wahrscheinlichkeit geimpft! Ich dürfte dann also möglicherweise bald raus. Ist alles nicht der Fall. Ich gehe mit mir und meiner gesellschaftlichen Rolle verantwortungsvoll um. Dafür kann man mich ja dann weiter einsperren, hm?!

Spahn und Co: Setzt Euch, Ihr blickt es eh nicht!

Und genau hier sind wir beim Punkt. Wenn Spahn und Co jetzt über Öffnungen und Freigaben diskutieren, wo es nur geht – bei Rekordinzidenzen Schulen und Geschäfte öffnen, Geimpften alles freigeben und so weiter – dann hat das doch nichts mit verantwortungsvoller Politik zu tun. Es ist eine Panikreaktion. Wann kamen denn die Öffnungen und diese Diskussionen? Nach einer Besserung der Lage? Nach einer Schwemme an Impfstoff für Deutschland? Nach neuen Behandlungsmethoden oder so? Nö, die Diskussionen kommen nach den Wahldebakeln der Union in BaWü und Rheinland-Pfalz. Und im Jahr der Bundestags- und weiterer Landtagswahlen. Der Union geht der Arsch sprichwörtlich auf Grundeis und sie haben Angst, praktisch überall aus der Regierung zu fliegen. Und sie hätten es, meiner bescheidenen Meinung nach, auch mehr als verdient. Nichtmal für Covid, sondern für ihre Haltung in vielen anderen Bereichen von Verkehrswende und Klima über Landwirtschaft bis hin zu Vermögensverteilung oder dem eisenern festhalten an Andi „wetten ich kann auch das verbocken und im Amt bleiben“ Scheuer. Die Angst haben sie als nicht zu unrecht. Also wird gelockert was das Zeug hält. Und das schließt dann eben auch so Schwachsinnsideen wie die Öffnung für Geimpfte ein. Also, mit anderen Worten: Ihr wollt das Leben für geimpfte freigeben? Dann impft mich und die Menschen mit ähnlichen oder noch besseren Voraussetzungen! Übrigens wäre das auch für die heilige Wirtschaft besser. Denn die über 80-Jährigen werden wohl um 22 Uhr weder die Gastro noch die Veranstaltungsbranche retten. Hey, die meisten von denen kaufen nichtmal mehr die heiligen Autos! Also bitte, bitte: Fangt ENDLICH mal an zu denken. So richtig und nicht nur mit klugem Blick vier Tage über Ostern. Ist ja nicht auszuhalten! Solidarität ist keine Einbahnstraße. Sonst geht ich bald auch raus und huste jedem ins Gesicht. Ich könnte ja positiv sein. MIR macht das wenig Angst….

PS: Sollten wir über Freigaben für geimpfte Pflegekräfte und Retter reden, wäre ich ganz Ohr, denn die haben wirklich viel geleistet und bekommen nichtmal genug Geld dafür. Aber ich glaube, darum geht es nicht explizit, oder!?

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