Warum „demokratisch“ im Klimaschutz kein valides Argument ist

Klimaschutz. Ein Wort, das heute so sehr polarisiert und Menschen auseinander treibt wie wohl nur zwei andere Vokabeln: vegan und Corona. (Trump spielt ja zumindest hier keine Rolle mehr.) Dabei fällt mir immer wieder auf, dass die allermeisten Menschen, die in dem Thema mitreden – und das tut ja fast Jeder – überhaupt nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht. Gern wird darauf verwiesen, dass „wir ja nicht in die Höhlen zurück“ könnten beziehungsweise wollten. Oder dass „wir mit Vernunft und Augenmaß unseren CO2-Ausstoß reduzieren müssen“. Oder aber natürlich das beliebte „was sollen wir hier reduzieren, wenn Chinesen und Amis es nicht tun“ (Fun Fact: China zum Beispiel investiert auch relativ zum Wirtschaftsaufkommen ein Vielfaches von uns in den Umbau. Beispielsweise haben sie 2021 so viel Windkraftkapazität aufgebaut wie die gesamte restliche Welt zusammen in den vergangenen fünf Jahren kumuliert! (Danke für diese Zahl übrigens an den Graslutscher. Einer der besten Blogs überhaupt, wenn man mich fragt!!). Generell sind das die Hauptargumente der Menschen, die sich gegen einen strengeren Klimaschutz aussprechen. Klar, es gibt auch diejenigen, die die Klimakatastrophe – also die Änderung des Klimas an sich – negieren oder sie auf andere Ursachen als auf CO2 oder andere anthropogene Faktoren zurückführen. Der Haken dabei: Die Zahlen sprechen für sich. Praktisch jedes Jahr dieses Jahrtausends war ein neues „wärmstes seit Beginn der Wetteraufzeichnung“. Der Wandel ist also real. Und auch ein lokal kühlerer Sommer ändert daran nichts. 2021 war ein neuer globaler Rekord, auch wenn unser Sommer kühl und verregnet war. Und alle anderen denkbaren Einflussfaktoren (Sonneneinstrahlung, Vulkanismus, Bahnkurve der Erde und so weiter und so fort) wurden überprüft und zweifelsfrei negiert. Die Wissenschaft ist sich beim Klimawandel (nein, der Klimakatastrophe!) so einig, wie bei kaum einem anderen Thema. Ähnlich unumstritten wie die Prognosen zum Klimawandel sind (nach Zustimmung in Fachkreisen (!!), nicht „auf der Straße“ oder so) Dinge wie Evolution, Gravitation oder Relativitätstheorie. Witzig dabei: Häufig sind Menschen, die die Wirkmechanismen von CO2 und anderen Klimagasen und den Folgen anzweifeln, auch solche, die an der Kugelform der Erde oder eben Relativität oder Evolution zweifeln. Ich selbst kenne da durchaus Beispiele. Aber das nur als kleiner Schmunzler am Rande.

Wie funktioniert Wissenschaft denn eigentlich?

Nun schauen wir uns doch mal an, wie Wissenschaft funktioniert. Hier gibt es zunächst mal den Prozess des „Peer Review“. Für wissenschaftliches Arbeiten gibt es Standards. Wie muss eine Studie laufen? Wie sauber wurde gearbeitet? Wurden andere Faktoren eliminiert? Ist das Ergebnis immer und überall überprüfbar? Ist es falsifizierbar, also lässt es sich widerlegen? All diese Dinge werden abgefragt und wenn das gegeben ist, dann werden Veröffentlichungen zugelassen. Ist das nicht gegeben, dann nehmen renommierte Magazine sie nicht an. Darum wird man in nicht theologischen Fachmagazinen zum Beispiel nie etwas über die Existenz Gottes lesen. Denn ich kann postulieren, dass er existiert, es gibt aber keine theoretische Möglichkeit, das zweifelsfrei zu widerlegen. Nun gibt es Menschen, die sagen: Die fehlende Möglichkeit zur Widerlegung zeigt, dass Gott existiert. Aber: Ich könnte postulieren, dass die Welt von einem Rosa Elefanten mit sechs Rüsseln geschaffen wurde, der auf dem Saturn sitzt – tief in der Atmosphäre – und mit den Seelen toter Menschen jongliert. Es lässt sich schlicht nicht überprüfen, aber deshalb existiert das Ding noch lange nicht. So etwas ist keine Wissenschaft. Die Klimaforschung aber schon. Übrigens: Peer Review bezieht sich nicht (!!!) auf den Inhalt. Arbeiten gegen den Konsens kommen durch, WENN sie eben den formalen Aspekten guten wissenschaftlichen Arbeitens folgen. Mehr braucht es nicht. Das gilt explizit auch für Prognosen und Modelle. Allerdings müssen die mit der Realität abgeglichen werden. Und hier erleben wir bemerkenswerte Genauigkeiten. Die ersten richtig komplexen Modelle wurden in den 90ern gemacht. Damals gab es die ersten Rechner mit entsprechender Leistung. Und die Vorhersagen dieser noch recht groben Modelle sind heute, 25 oder 30 Jahre später mit bemerkenswerter Genauigkeit eingetreten. Dabei gibt es immer mehrere Szenarios und auch die lassen sich belegen. Abhängig von Emissionen und anderen Einflussgrößen werden Trendkanäle und Wahrscheinlichkeiten entwickelt. Die generelle Wirkweise – aber noch sehr roh in den Zahlen – wurde schon zu meiner Geburt Ende der 70er von von Hoimar von Ditfurth im Deutschen Fernsehen einem Millionenpublikum präsentiert. Gebracht hat es leider nix.

Die Mär von der Eiszeit

Überhaupt die 70er. Gern werden die von „Klimaskeptikern“ herangezogen, weil man damals noch vor einer Eiszeit gewarnt habe. Die Wissenschaft stochere also eh nur im Nebel. Fun-Fact: Nö. Es gab damals einige wissenschaftliche Außenseiter, die das propagiert haben. Es war zu keinem Zeitpunkt Konsens. Überdies war die Argumentation kurz sizziert folgende: Wir pusten viel Ruß in die Luft. Der sammelt sich in der Atmosphäre wie bei einem Vulkanausbruch. Das könne zu einer Verschattung führen, da die Asche das Sonnenlicht nicht zur Erde durchlässt, was dann eine deutliche Abkühlung bewirkt. (Solche Effekte hat es bei Vulkanausbrüchen in der Tat gegeben, sie waren aber stets sehr kurzfristig. Beispielsweise bei großen Eruptionen wie der des Tambora 1815, die weltweit zum „Jahr ohne Sommer“ führte.) Dabei wurden allerdings auch Dinge übersehen. Nämlich, dass Vulkane gigantische Mengen Asche ausstoßen, die sie bis in die Stratosphäre und noch höher jagen. Da kommt kein Fabrikschornstein mit und auch die Mengen anthropogen produzierter Asche konnten mit diesen Mengen dann doch, auch in Spitzenzeiten, nicht mithalten. Außerdem haben wir (zumindest im Westen) aus ganz anderen Gründen (z.B. Smog, generelle Luftqualität) verpflichtend Filter vorgeschrieben und so wurden die Ascheausstöße viel geringer. Der Effekt hätte also auch darum gar nicht eintreten können, selbst wenn die Theorie gestimmt hätte. Und schließlich – allerdings etwas spekulativ: Warum wurden diese Prognosen so prominent? Nachweislich wusste die Mineralölindustrie seit den 50er Jahren vom Klimawandel und hat diesen – auch nachweislich – systematisch verschleiert und negiert. Da läge es durchaus nahe, die komplett gegenteilige These mit dem vielen dahinter stehenden Geld zu hypen, um dann, 20 Jahre später, wenn die Folgen (erwartbar) für alle offensichtlich werden, sagen zu können „jaja, und vor 20 Jahren wurde die Eiszeit behauptet. Klar.“ Und auf dieser Basis dann fröhlich weiter Milliarden scheffeln. Wäre doch ein gutes Invest, oder?! Komisch, dass genau das bis heute geschieht. Vermutlich bin ich hier ein Verschwörungstheoretiker…

Demokratie ist toll – die Natur ist aber keine Demokratin

Nun haben wir also festgestellt: Der Klimawandel existiert und er verschlimmert sich. Wir haben eine breite und wissenschaftlich nach besten Standards dokumentierte Datenlage, die keinen ernsthaften Zweifel daran zulässt. Und je besser die Gesprächspartner in der Thematik stecken, desto erschreckender sind für gewöhnlich die Prognosen. Das, was medial verbreitet wird, sind im Allgemeinen eher best-case-Szenarios. Ich hatte unlängst ein langes – und tolles – Gespräch mit Özden Terli, dem Chefmeteorologen des ZDF. Er hat Zugriff auf viel mehr Wetter- und Klimadaten als die meisten Anderen. Und er hat die Bildung, daraus auch selbst Schlüsse über atmosphärische Wirkungen und dergleichen zu ziehen. Und ich habe mit wenigen Menschen gesprochen, die so dermaßen schwarz sehen wie er. Und das ist nur EIN Beispiel. Also: Die Katastrophe passiert. Wenn auch nach menschlichen Zeithorizonten in Zeitlupe. Nach geologischen oder evolutionären Skalen aber ist das, was wir heute erleben, nur marginal anders, als der Ausbruch des Sibirischen Trapps (an der Perm-Trias-Grenze vor 252 Millionen Jahren) oder ähnliche katastrophische Ereignisse der Erdgeschichte. Ob ein Jahr oder 200, das ist geologisch gesehen so, wie wir den Unterschied zwischen einer Tausendstel und zwei Hundertstelsekunden wahrnehmen – wenn überhaupt. Auch und besonders was den Kollaps der Biosphäre angeht. Bei diesem verstärken andere Übernutzungen (z.B. Überfischung, Entwaldung, Verödung der Böden durch zu intensive Landwirtschaft und so weiter) den Effekt des sich katastrophisch verändernden Klimas noch zusätzlich. Nur wir Menschen mit einer so kurzen Beobachtungsspanne nehmen es als „halb so wild“ wahr. Es ist wie eine Eintagsfliege, die einen Vulkanausbruch erlebt und sagt: „Is ja nicht so schlimm. Dauert ja ewig“. Aber die (minimale) gute Nachricht ist: Das Gros der Menschen – auch in der Politik – erkennt das Problem sogar an. Sie verstehen es nicht, aber sie verstehen, DASS es da ist (wenn auch im Normalfall nicht, wie drängend es ist.) Nun sagen sie aber: „Wir müssen sehen, dass unsere Wirtschaft mit den Änderungen zurecht kommt“. Oder „es ist blauäugig, im Zeitrahmen XY dies und jenes zu schaffen“. In Anbetracht der Gewalten, die die Natur ganz wertfrei entfesselt, klingt das ungefähr so, als stiege ein Mensch mit einem wertvollen Gegenstand, sagen wir einer Ming-Vase, auf ein Baugerüst. Im zehnten Stock kommt er ins Straucheln. Statt die Vase fallen zu lassen und sich festzuhalten brüllt er aus Leibeskräften: „Liebe Schwerkraft, lass und das ausdiskutieren. Du siehst die Vase ist wertvoll. Ich kann sie doch nicht loslassen!“. Nun, wie die Nummer ausgeht wissen wir alle. Die Diskussionsfreude der Natur, die Bereitschaft, einen Konsens zu finden, ist für Gewöhnlich eher so semi ausgeprägt. Und so ist es in der Natur überall. Die Natur ist keine Demokratin. Sie ist den Naturgesetzen unterworfen. Die sind unverrückbar. Keine Könige, keine Priester oder Götter, keine Regierungen und auch keine 100 Prozentige demokratische Übereinkunft können auch nur das allerkleinste dieser Naturgesetze auch nur Minimal verändern. Da helfen keine Beschlüsse, keine Gebete und kein Fluchen. Sie laufen mit der Unerbittlichkeit einer Dominorallaye ab. Und der Witz ist: Es gibt dabei am Ende vor allem ein Opfer: Uns. Der Natur ist die Klimakatastrophe vollkommen egal. In der Erdgeschichte war es schon bedeutend heißer und bedeutend kühler. Von tropischen Wäldern in der Antarktis (auch wenn die damals nicht am gleichen Ort war, aber sie war damals auch nicht am Äquator) bis zum „Schneeball Erde“, der Planet hat alles erlebt. Und auch das Leben hat es überstanden. Arten starben aus, andere kamen neu. Kein Ding. So wird es auch diesmal sein. Wir können 99,999999 Prozent der Arten ausrotten. Dann gehen wir zu Grunde und nen Augenblick später ist alles wieder ähnlich wie vorher und die Erde blüht vor Leben. Nur dauert dieser erdgeschichtliche Augenblick schnell mal zehn oder 50 Millionen Jahre. Für meine persönliche Lebensplanung muss ich zugeben: Das zieht sich!

Demokratische Entscheidungen sind nicht immer gute Entscheidungen

Kommentatoren betonen dennoch oft, wie demokratisch denn die Entscheidungen zum Klimaschutz seien und loben das elende Geschachere, das in viel zu unambitionierten Zielen endet, als „politische Reife“. So, als sei die Tatsache, dass eine Entscheidung demokratisch ist, eine Dimension in der Beurteilung ihrer inhaltlichen Richtigkeit. So lange wir rein gesellschaftliche Prozesse damit beurteilen, mag das noch (mit Einschränkung) stimmen. Wenn es aber sozusagen um das Außenverhältnis mit der Natur geht, ist es Unsinn. Wenn ein großer Asteroid die Erde ansteuert hilft es nicht, dass wir demokratisch mit 100 Prozent der Weltbevölkerung beschließen, dass er uns nicht trifft. Wir sollten vielmehr alles tun, was in unserer Macht steht – selbst wenn es die Wirtschaft des kompletten Planeten ruiniert – ihn abzulenken. Denn es wäre immer noch billiger, als ihn einschlagen zu lassen. Und wir würden es tun. Denn wir können uns bei einem Asteroiden gut vorstellen, dass von einer Sekunde auf die andere ein großer Knall uns dahin rafft. Die Zeitskalen sind für Menschen erfahrbar. Die Klimakatastrophe ist ähnlich bedrohlich für uns, wie ein zweiter KT-Asteroid (der die Dinosaurier ausrottete). Nur ist der nicht auf nem Teleskop zu sehen. Und noch etwas: Demokratische Entscheidungen können auf mehreren Ebenen falsch sein. Menschen sind dumm – gerade wenn es zu viele werden. Menschen können sich irren und Menschen sind leider oft skrupellos. Und sie streuen Desinformationskampagnen wie es die Ölindustrie tat und tut. Der Austritt Großbritanniens aus der EU war höchst demokratisch. Die aktuelle wirtschaftliche Situation im Königreich spricht aber nicht dafür, dass er richtig war. Hätten wir 1914 eine Umfrage in Deutschland gemacht, es hätte sich wohl eine Mehrheit für einen Krieg gegen Frankreich ausgesprochen. Der Taumel des Sieges im Deutsch-Französischen Krieg war noch kaum verklungen und die junge Generation wollte ein Stück des Ruhmes abhaben. Der Kaiser hätte also bei einer Volksbefragung mit hoher Wahrscheinlichkeit die Legitimation bekommen. Die größte Idee war es darum immer noch nicht. Und was wäre, wenn wir heute demokratisch beschlössen, dass eine Wiedereinführung der Sklaverei in Deutschland eigentlich ziemlich entspannt für uns wäre? Oder der Holocaust ja eigentlich gar nicht so schlimm gewesen sei und wir das dringend nochmal machen sollten? Oder dass alte Menschen nur Geld kosten und nichts mehr einbringen und deshalb jeder am letzten Arbeitstag mit Fangschuss hingestreckt werden sollte. Noch gib es mehr Menschen unterhalb des Rentenalters. Könnte also demokratisch durchgehen. Aber macht es das richtig? Von einer moralischen, aber auch von einer gesellschaftlich-praktischen Erwägung her? Natürlich nicht. Moralisch ohnehin nicht, aber auch praktisch nicht, denn alte Menschen haben viel Erfahrung und sind gute Ratgeber. Sklaverei und Holocaust sind nicht nur moralisch daneben, sondern sie vernichten auch viel gesellschaftliche Teilhabe, viel Wissen, viele Fähigkeiten. Und Kriege haben noch nie eine Wende zum Besseren bewirkt. Also: Nur weil etwas demokratisch ist, ist es noch längst nicht gut. Man darf auch demokratische Entscheidungen im Nachgang als falsch kritisieren, selbst wenn die Mehrheit noch so deutlich ist. Deshalb ist man noch längst nicht antidemokratisch!!

Es ist eben keine Frage der Moral

Gern wird von den Gegnern, oft sogar von den Vertretern konsequenten Klimaschutzes selbst, dem Klimaschutz eine moralische Basis angedichtet. So, als sei es eine quasi religiöse Pflicht, die Biosphäre zu schützen. Eine, die man befolgen könne, oder eben nicht, wenn man es mit Moral nicht so hat oder an diese spezielle Gottheit nicht so glaubt. So, als sei es irgendetwas Metaphysisches. Aber wie oben gesagt: Selbst wenn wir es bewusst versuchen: Wir können die Erde nicht kaputt machen. Sie hat einen verdammt starken Drehimpuls und wird sich weiter drehen. Mit oder ohne Menschen. Und sie wird sogar weiter Leben beheimaten. Und selbst wenn nicht: Der Natur wäre selbst das gleichgültig. Früher oder später fliegt uns die Sonne um die Ohren und die Erde wird in der Tat mindestens steril oder gar in die Sonne stürzen (wir sind genau an der Grenze. Es wird knapp. Das sagen die Modelle. Ist aber rein akademisch, denn Menschen gibt es bis dahin sicher nicht mehr.). Ob das Leben zwei, drei oder fünf Milliarden Jahre früher oder später endet, ist in diesem Kontext ziemlich egal. Nein, es geht darum, ganz schnöde die Biosphäre zu erhalten, in der WIR gut leben können. Und zwar MIT all unseren zivilisatorischen Annehmlichkeiten. Mit Städten am Meer (das darum tunlichst nicht steigen sollte), mit Agrarflächen in bestimmten Regionen, mit Handelswegen, an das Klima angepassten Kulturen und so weiter. Wäre der Mensch noch Jäger und Sammler, der Klimawandel könnte uns vollkommen egal sein. Jede Generation müsste einfach ein paar Kilometer weiter ziehen und dort jagen und sammeln. Sie würden den Unterschied kaum bemerken. Mit Hamburg, New York, Berlin oder Tokio umzuziehen ist da doch ungleich aufwendiger. Man könnte also überspitzt ausdrücken: Die Menschen, die ständig schreien „die Grünen (obwohl die Partei der Grünen da eigentlich sehr unambitioniert ist, wenn man ehrlich ist – anderes Thema) wollen zurück in die Höhlen“, sind genau die, die es in der Konsequenz ihrer Handlungen wirklich wollen. Denn Nomadentum wird der einzige Weg sein, in einem sich radikal ändernden Klima klarzukommen. Dann aber stoßen wir auf das Problem, dass egal, wo wir hin kommen, schon Menschen sind und uns da gar nicht haben wollen, weil die Lebensgrundlagen unter diesen Bedingungen nichtmal für die reichen, die schon da sind. Geschweige denn für die, die noch kommen. Heißt: Es wird Kriege und Ressourcenkonflikte geben, wie wir sie uns noch gar nicht vorstellen können. Im Prinzip sind also die radikalsten Klimaschützer diejenigen, die den Erhalt einer unserer heutigen Lebensweise möglichst ähnlichen Art zu leben mit Abstand am meisten im Auge haben. Die anderen schließen die Augen, stecken die Finger in die Ohren und rufen „lalala“, während sie im Wald von einem Bären angefallen werden. Motto: Seh ich ihn nicht, sieht er mich nicht. Natürlich kann man auch eine ethische Komponente im Sinne einer Wissenschaftsethik darin sehen. Und in der Tat betrifft es unsere Kinder weit stärker als uns. Wer heute über 80 ist, der ist – ketzerisch und etwas flapsig ausgedrückt – rein statistisch ohnehin über das Verfallsdatum. Da macht ein Grad mehr in 20 oder 30 Jahren nix. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist in spätestens zehn Jahren Schluss. Da lässt sich leicht mit den Achseln zucken, wenn vor Folgen in 50 Jahren gewarnt wird. Für mich wird es auch noch einigermaßen glimpflich sein. Ich mach es mit etwas Glück bis in die 2070er. Ja, da wird es am Ende etwas ungemütlich. Aber es wird schon gehen und bis dahin habe ich ein ganz gutes, ziemlich privilegiertes Leben. Ist bei vielen Menschen im globalen Süden schon heute anders. Mein bald zwei Jahre alter Sohn aber, Baujahr 2020, wird, weitere Fortschritte in der Medizin vorausgesetzt, vermutlich noch 2120 erleben. Zumindest 2100 ist rein statistisch fast gebucht. Bis dahin wird es nach nach den Prognosen schon mies. Also ja, natürlich ist es irgendwie auch eine ethische Frage. Aber keine für Eisbären und Pinguine, keine, bei der es sich um irgendwelche abstrakten Dinge wie „die Schöpfung“ oder so etwas dreht, sondern eine für die Kinder oder Enkel, mit denen wir täglich oder doch regelmäßig spielen und am Tisch sitzen. Es ist also schon etwas, das uns sehr unmittelbar und unser direktes Lebensumfeld betrifft. Ethisch ist, im Vergleich, natürlich auch, keinen Atomkrieg zu beginnen. Für mich ist es aber vielmehr eine Frage schierer Notwendigkeiten, denn selbst im allerbesten denkbaren Fall wird mein Leben danach eher unentspannter. Die Ethik wäre nur ein zusätzlicher Grund für mich, den Knopf nicht zu drücken. Nicht der erste, nicht mal der wichtigste. Also: Lassen wir doch die Moral als hehres Konstrukt zur Seite und betrachten den Klimaschutz so ähnlich, wie den Bau eines Deiches, der mein Haus vor Überschwemmung schützt. Beides kostet Geld, beides macht vielleicht mein Leben etwas weniger schön – der Deich versperrt schließlich meinen Blick auf den Fluss – aber beides erspart mir verdammt viel Leid – und auf Dauer auch unfassbar viel Geld im Vergleich! Wobei ich das „weniger schön“ beim Klimaschutz auch noch in Zweifel ziehen würde. Leisere, grünere Städte mit weniger Autos und gutem öffentlichem Transport, mit schnellen, guten Fahrradverbindungen, mit einer vitalen Biosphäre, in der alles summt und zwitschert, sind für mich auch für sich genommen alles andere als eine Horrorvision.

Was ist zu tun?

Also: Wir haben festgestellt: Die Klimakatastrophe geschieht. Und Menschen, die sich damit wirklich auskennen (und nicht nur ein paar Youtube-Videos von Leuten gesehen haben, die kurz danach Raketen gebaut haben, um zu zeigen, die Erde sei eine Scheibe), warnen verdammt eindringlich davor. Wir haben festgestellt, es ist eigentlich ein Gebot des Egoismus’, ihn mit aller Macht zu verhindern. Doch was sollen wir jetzt machen? Ist es gut, unsere Wirtschaft zu opfern? Hier möchte ich mit Maja Göpel, der Frontfrau von Scientists for Future (übrigens keine Klimatologin oder so, sondern eine Wirtschaftswissenschaftlerin!) antworten: Wir haben in der Menschheitsgeschichte dutzende mehr oder minder funktionierende Wirtschaftssysteme aufgebaut. Von Tauschwirtschaft über erste Geldsysteme, von Feudalismus und Merkantilismus über Sklaverei wie in Nordamerika bis hin zu Marktwirtschaft in diversen Ausprägungen und zu Sozialismus (oder zumindest der realen Form davon) mit und ohne Planwirtschaft und so weiter und so fort. Alle haben zumindest innerhalb ihrer Regeln funktioniert. Als System. Klar sind einige erfolgreicher als andere, aber darum geht es nicht. Wir haben also viele Wirtschaftssysteme erfolgreich gebaut. Wir haben uns nur selten an Ökosystemen versucht. Das prominenteste Beispiel ist das „Biosphere“-Projekt in Arizona, wo in einem komplett hermetisch abgeschlossenen Raum (einer gigantischen Glaskuppel), in den außer Licht von außen nichts rein kam, ein sich selbst erhaltendes Ökosystem gebaut werden sollte – sogar mit steuerndem Eingriff des Menschen. Das Ding ist in kürzester Zeit komplett aus dem Ruder gelaufen, das Experiment wurde abgebrochen. Wir können also nachweislich keine Ökosysteme bauen. Nichtmal im Kleinen. Schon gar nicht im Großen. Sollten wir also nicht das schützen, was wir nicht bauen können und das bauen, was wir nachweislich bauen können? Übrigens: Die Halbwertzeit des Kapitalismus’ ist durchaus auch eher überschritten. Es lässt sich durchaus mit harten wirtschaftlichen Kennzahlen argumentieren, dass das System ohnehin kurz vor dem Kollaps steht. (Wir sind möglicherweise nur eine Zinserhöhung davon entfernt. Erneut: Andere Frage). Also: Wenn bei unseren Umbauprozessen ein ganz neues Wirtschafts- und Geldsystem herauskommt, eins, das nicht nur nachhaltig ist, sondern auch auf Fähigkeiten und Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts beruht, könnte das eine durchaus positive Entwicklung sein. Wir müssen aber in jedem Falle aus den eingetretenen Denkpfaden heraus. Wir müssen kooperativer wirtschaften. Wir müssen zum Beispiel Energieversorgung neu denken. Die möchte ich hier mal exemplarisch skizzieren, weil es so schön anschaulich ist. Regenerative haben die Stärke, dass sie dezentral viel besser aufzubauen sind, als zentralisiert. Wir brauchen dafür neue Stromnetze und neue Denkstrukturen, keine neuen Großkraftwerke, deren Strom unterverteilt wird. Unsere Netze dürften nicht mehr Top-Bottom aufgebaut sein, sondern eben dezentral. Wir können damit sogar für gesellschaftlichen Wohlstand sorgen und auf Dauer sogar MEHR Energie zur Verfügung haben. Wenn jeder Mensch auf dem eigenen Eigentum seinen Strom erzeugt, dann sind die Netze sicherer, die Kosten geringer, die Versorgungssicherheit höher und die politische Stabilität gewachsen. Außerdem ist es eine Umverteilung von oben nach unten, denn das, was heute Multinationals am Energiemarkt verdienen, fließt dann in die Taschen von Milliarden Kleininvestoren. Zugleich könnten wir unseren ganzen privaten Energiekonsum auf diese Art relativ gut regenerativ decken. Zumindest, wenn wir neue und bessere Speichermedien entwickeln. Daran aber wird intensivst geforscht. Wir hätten also Vorteile all over the place und der Klimaschutz wäre am Ende der Kollateralnutzen einer resilienteren, billigeren und faireren Energieversorgung. Achja und nur für den Fall, dass jetzt weder Leute sagen: „Das geht nicht“: Allein die direkte Sonneneinstrahlung auf Deutschland enthält mehr Energie, als die Menschheit weltweit verbraucht. Wenn wir davon nur zwei Prozent nutzen, haben wir unseren Strom schon drin. INKLUSIVE Wirtschaft wohl gemerkt und ohne Energieeinsparung. Dazu kämen Windkraft, Wasserkraft, Gezeitenkraft und so weiter. Aber damit wäre es nicht getan. Auf dem Weg dahin empfiehlt es sich, deutlich Energie zu sparen. Denn dann sind wir schneller da. Ist ja logisch: Wenn wir 100 kWh bräuchten (nur als Rechenexempel) und nur 40 produzieren (entspricht etwa dem Anteil der Regenerativen heute in Deutschland), dann können wir entweder 60 kWh zubauen, oder aber wir bauen zum Beispiel 20 zu und reduzieren den Bedarf auf 60. Geht, ziemlich offensichtlich, schneller. DESHALB sind viele Klimaschützer so erpicht darauf, große Energiefresser zu verhindern, wie wir es aktuell in Krefeld am Surfpark erleben. Solche Wahnsinnsprojekte, bei denen einige wenige zum Nachteil der großen Mehrheit viel Energie verbrauchen, machen die Erreichung schwieriger, denn sie erhöhen das Delta der fehlenden Energie. Und nein, es geht nicht „nur um einen Surfpark in Krefeld“. Es geht um hunderte solcher Projekte. Und wenn jede der aktuell 10.796 Kommunen in Deutschland mal eben 3.4 Gigawattstunden im Jahr mehr verbraucht, dann macht das mal gute 35 Terawattstunden. Das sind dann rund sechs Prozent des Energieverbrauchs im Land 2021. DAS ist, wovon wir hier reden. Und wir können überdies ja nicht selbst prassen und von anderen dann Enthaltsamkeit fordern. Auch hier: Es ist keine weltfremde Träumerei, keine Askese aus Spaß an der Askese oder „den anderen nichts gönnen“ oder sonst etwas, sondern im Gegenteil ganz schnöder Realismus. Träumer sind eher die die sagen: „Wir machen jetzt erstmal nen Bedarf von 110 und schauen dann mal. Wir schon irgendwie gehen“. Noch geiler ist dann, wenn sie sagen: „Wir machen den Strom dann regenerativ“. Ja, nur wenn ich weiterhin 40 kWh produziere, dann fehlt der regenerative Strom halt irgendwo anders…

Verkehrung der Rollen

Und so muss man am Ende festhalten: Nicht die Konservativen „weiter so“-Dogmatiker sind am Ende die Realos, sondern Fridays for Future, Extinction Rebellion und Co. Sie erkennen die Gefahren und sind bereit, die Konsequenzen zu ziehen und die Handlungsweise anzupassen. Nach den besten Daten, die wir haben, steht das Ziel fest. Das Budget ist errechnet und es ist verdammt schwer zu erreichen. Wir müssen dafür JETZT unseren Arsch hochkriegen. Nicht „die Chinesen“ und „die Amis“, wir alle. Jeder einzelne. Jeder Mensch, jede Kommune, jedes Land, der Bund, die EU, egal welche Ebene. Das Ziel steht, es geht nur um das WIE der Erreichung. Und jede Entscheidung, die ein mehr an Energiekosten, an Emission, bewirkt muss auf den Prüfstand. Der Idealfall wäre, dass jeder Mensch bei jedem Kauf, selbst von Lebensmitteln, darauf achtet, den Abdruck so gering wie möglich zu halten. Das ist nicht realistisch, aber zumindest gewählte Politiker sollten sich selbst verpflichtet sehen, diesem Ziel, der Reduktion des Energieverbrauchs und dem Klimaschutz, ALLES unterzuordnen. Es ist am Ende wie bei einem Wirtschaftsunternehmen. Brauche ich Rohstoff X und stelle fest, dass der immer seltener und teuer wird, dann empfiehlt es sich, zu schauen, dass ich meine Prozesse auf Rohstoff Y umbaue. Auch wenn das (viel) Geld kostet. Insbesondere, wenn Rohstoff Y die Produktion schon nach heutigen Maßgaben viel billiger macht, wenn ich den Anpassungsprozess einmal erledigt habe. Hier würde jeder konservative Betriebswirt sagen: Dein Rohstoff X ist am Ende. Das Insolvenzdatum Deiner Firma ließe sich errechnen. Steck alles, was Du noch hast, in die Umstellung und hol die Kohle über Produkte mit Rohstoff Y wieder rein. Beim Klimaschutz aber ist der Ratschlag umgekehrt. Wir sitzen auf einem Pferd, das so am Ende ist, dass sein Herz jeden Moment aufhört zu schlagen und dreschen darauf ein, in der Hoffnung das Kentucky Derby zu gewinnen. Dabei steht neben uns ein gesundes, frisches, junges Pferd, das beste Chancen hätte. Nur weigern wir uns, abzusteigen. Schließlich hat uns dieses alte, sterbende, Pferd ja bis hierhin so toll getragen….

Ein Kommentar zu “Warum „demokratisch“ im Klimaschutz kein valides Argument ist

  1. Auf den Punkt gebracht.

    Mir ist heute morgen die Spucke weggeblieben, als man mir sagte, ich würde die latent antidemokratische Spitze nicht merken.

    Ein Blick in den Himmel bei sternenklarer Nacht, zeigt eindrucksvoll was wir sind:

    ein Staubkorn in der Galaxie, unbedeutend, vergänglich und nicht in der Position mit der Erde zu diskutieren, denn die nimmt an einer Diskussion nicht teil.

    Der Erde ist es scheiß egal ob wir hier leben oder Einzeller.

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