Investieren ja – aber bitte richtig!

Derzeit wird viel, gefühlt fast nur, über den Einmarsch Russlands in die Ukraine gesprochen. Und das ist ohne Frage gerechtfertigt. Auch ich bin noch immer zutiefst schockiert. Und ich muss sagen: Es fällt mir schwer, die Bilder zu verdauen. Ich kann rational verstehen, was geschieht, so ähnlich, wie ich ein Geschichtsbuch lese. Aber es ist irgendwie ganz weit weg. Es ist surreal. Es ist im Prinzip ein reines Faktenwissen, wenn man so will. Zugleich kenne ich Menschen aus der Ukraine. Ich schreibe mit ihnen, höre, dass ihre Familien in Kiew oder sonst einer Stadt festsitzen, ich spiele täglich ein Spiel mit SpielerInnen aus der ganzen Welt. Da sind in meiner Allianz, also einer Gruppe von Spielern, RussInnen, Deutsche, AmerikanerInnen, BritInnen und so weiter. Von UkrainerInnen weiß ich nichts, aber zwei Rumäninnen wohnen unmittelbar an der Grenze. Eine erzählte, dass nur 60 Kilometer entfernt Russland eine Insel eingenommen habe. Ich bin am Freitag knapp 70 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren. So nah ist die Nummer für sie. Für mich ist das schwer zu fassen, schwer zu begreifen. Krieg ist ein so abstraktes Wort. Trotzdem geht es darum, wie wir jetzt darauf reagieren. Und es ist eine Sache, bei der sich niemand neutral verhalten kann. Ein „ist mir egal“ ist faktisch eine Unterstützung Putins. Was kann jede(r) Einzelne tun? Was die Bundesrepublik, was die EU?

100 Milliarden für die Bundeswehr

Jetzt hat Kanzler Scholz ein 100-Milliarden-Paket für die Bundeswehr beschlossen. Kritik daran wird im Internet ziemlich brüsk als „weltfremd“ abgetan. Immerhin müssen wir uns ja gegen einen Aggressor verteidigen. Aber schauen wir uns die Nummer mal genau an. Wir haben eine Armee, die mit gut 50 Milliarden (US-Dollar) im Jahr in den Büchern steht. Russland gibt kaum mehr aus (ca. 60 Mrd.). Trotzdem gilt die Bundeswehr als nicht in der Lage, mit vereinten Kräften einen einzelnen verirrten Panzer abzufangen, während die Wahrnehmung der russischen Armee ist, dass sie problemlos bis Lissabon durchlaufen könnte, wenn sie nur wollte. Warum eigentlich? Nimmt man die EU zusammen, dann haben wir ein Vielfaches an Verteidigungsausgaben, Personal und Material. Offenbar legen wir das nur nicht so gut an. Oder die russische Armee wird überschätzt. Sei’s drum. Aber viel wichtiger: Wir haben JETZT eine akute Krise. Nun stellen wir uns mal vor, wir rüsten die Bundeswehr auf. Mit neuester Waffentechnologie (wie viel auch immer für 100 Milliarden zu kriegen ist). Dann brauchen wir Soldaten, die darauf ausgebildet werden. Zugleich muss das Zeug erst einmal hergestellt und geliefert werden. Wir brauchen u.U. Piloten und so weiter. Eine Armee in dieser Hinsicht wehrfähiger zu kriegen dauert Jahre. Die aktuelle Situation ist damit nicht abzufangen. Wenn wir aber ohnehin Zukunftsentscheidungen treffen wollen, warum machen wir das dann nicht (in jeder denkbaren Hinsicht) nachhaltiger?

Armee integrieren, Selbständigkeit stärken

Die „Tabelle“ der Verteidigungsausgaben sieht laut Statista folgendermaßen aus: USA 778 Mrd. USD, China 252 Mrd, Russland 61,7 Mrd, Deutschland 52,8 Mrd, Frankreich 52,7 Mrd., Italien 28,9 Mrd. Dazwischen sind Länder wie Indien, Saudi Arabien und so weiter. Der Punkt ist: Wir könnten ohne dass irgendwer einen Cent mehr ausgibt ohne Probleme auf einen kumulierten Wehretat von 200 Mrd. Im Jahr kommen, wenn wir eine integrierte europäische Armee ins Leben rufen. Ja, dafür muss es dann Regeln geben bzw. die müsste dann wirklich von der EU finanziert werden. Dafür könnte man die Abgaben dann umshiften und Wehretats in fester Höhe des Steueraufkommens abführen. Da ließe sich dann möglicherweise auch noch eine Kooperation mit den Briten finden (59,2 Mrd., Platz 5). Und wir hätten eine der drei schlagkräftigsten Armeen der Welt. Ja, würde ebenfalls ein paar Jahre dauern. Aber wenn, dann doch bitte gleich nachhaltig arbeiten! Fast noch wichtiger aber wäre doch, die politische Handlungsfähigkeit zurück zu erlangen. Und das geht nur mit weniger oder keiner Abhängigkeit. Sprich: Decarbonisierung. Und zwar schnell.

100 Mrd. für Nachhaltigkeit besser angelegt

Denn eins ist klar – und das sage ich seit Jahren: Wenn wir eine Energie-, Verkehrs- und in weiten Teilen soziale Wende gut gemacht wird, dann ist Klimaschutz der Kollateralnutzen einer sichereren, billigeren (!) und sozial nachhaltigeren Energieversorgung, die dazu führt, dass wir eben nicht mehr auf Gas aus Russland, auf Öl aus Saudi Arabien oder Katar und so weiter angewiesen sind. Und mal ehrlich: Mit 100 Milliarden könnte man hier in absehbarer Zeit echt viel erreichen! Dazu würde sich das amortisieren. Ganz anders als Rüstungsausgaben. Idealerweise würden wir das dann auch noch europäisch harmonisiert machen und die Situation nutzen, um die Europäische Integration energiepolitisch UND militärisch voran zu treiben. Das wäre dann auch ein guter Weg für eine (notgedrungen folgende) weitere politische Einigung. Wir hätten, wenn andere Staaten ähnlich viel investieren würden, eine stabile und sichere Energieversorgung, die eben dann auch noch CO2-neutral wäre. Wir könnten also nebenher noch unsere Einsparziele erreichen. Wie soll das laufen?

Schritt eins: Biogas

Generell müssen wir differenzieren zwischen den verschiedenen Sektoren. Also (elektrische) Energie, Prozesswärme, Heizwärme und natürlich auch der Chemie mit Öl, Gas und Co. Dabei müssen wir zwischen kurz- und mittel- bis langfristigen Aktionen unterscheiden. Beginnen wir beim am kurzfristigsten Umsetzbaren: Biomethan. Wir haben schon heute die Technologie und im Prinzip auch in weiten Teilen die Einrichtungen, aus allen Arten biogenen Abfällen Methan zu erzeugen. Im Prinzip wird dafür Küchenabfall, Abwasser und auch der Abschnitt von Feld- und Forstwirtschaft in große Faultanks gebracht. Dort wird dann von Bakterien das Zeug zersetzt und es entsteht Faulgas. Das kann mir relativ einfachen Prozessen gereinigt und dann mit sehr guter Qualität ins Gasnetz eingespeist werden. Die MKVA in Krefeld hat genau so ein Ding (also eine Reinigungsanlage die Gas in Netzqualität erzeugt und einspeist – ein sehr gutes Projekt!! Man könnte also sagen: Aus unserer Kacke wird Erdgas, das wir nicht von Russland einkaufen müssen) gerade in Betrieb genommen. Allerdings geht es hier nur um den Klärschlamm. Die Bio-Abfälle werden weiter „stofflich verwertet“, also zu Humus verarbeitet. Das übrigens ließe sich nach der Bearbeitung zu Methan immer noch machen. Denn die Phosphate und so weiter bleiben in den Resten erhalten. Der biogene Anteil des Hausmülls (der in Krefeld leider mehr als 50 Prozent ausmacht) wird „thermisch verwertet“. Heißt: verbrannt. Um das oft feuchte Zeug zum Brennen zu bringen wird haufenweise Erdöl reingepumpt und dann erzählen sie auch noch, das sei „Grüne Energie“, weil ja zu mehr als 50 Prozent Biomasse verbrannt würde. Kannste Dir eigentlich nicht ausdenken. Egal. Fakt ist: Wir könnten tatsächlich einen großen Teil unseres Gasbedarfs auf diesem Wege decken.

Mut zu neuen Technologien

Aber natürlich würde das nicht reichen, um unseren riesigen Gashunger vollends zu decken. Wir müssten darum unsere Nah- und Fernwärmenetze massiv ausbauen. Dafür müsste man richtig Geld in die Hand nehmen. Aber wie erzeugen wir die Primärwärme? Nun, dafür gibt es viele Ansätze. Es ginge zum Beispiel eine Restenergieverwertung aus der Industrie. Beispielsweise bei Stahl- und Aluminiumindustrie oder auch Zementwerken wird viel Wärme erzeugt. Gleiches gilt für die Chemieindustrie. Allerdings ist hier oft noch gar keine Technologie vorhanden, diese nutzbar zu machen. Hier müsste also investiert werden. Aber man könnte auch Wärme spezifisch erzeugen. Beispielsweise in solarthermischen Kraftwerken. Dabei wird ein Wärmeträger, normalerweise bestimmte Öle oder Flüssigsalz, enorm erhitzt – auf mehrere hundert Grad -, indem das Sonnenlicht mit vielen Spiegeln auf eine Keramikplatte reflektiert und dort gebündelt wird. Es entstehen dort mehrere Tausend Grad. Das Trägermedium wird dann in einen Wärmetauscher geleitet und erhitzt Wasser, das verdampft und eine Turbine antreibt. Alles ab diesem Punkt ist also die gleiche Technologie wie bei einem Öl- oder Gaskraftwerk. Und auch Atomreaktoren funktionieren ab diesem Punkt so. Es ist also eine absolut erprobte Technologie, wenn wir einmal das heiße Material haben. Die Restwärme des Dampfes ließe sich dann wiederum über Wärmetauscher zurückgewinnen und in ein Fernwärmenetz speisen. Das müsste dafür natürlich massiv ausgebaut werden, was fraglos große Investments bedeuten würde.

Strom: Das Zauberwort heißt „dezentral“

Fehlt noch der Strom. Denn auch der wird ja zu großen oder größeren Teilen aus importierten Kohlenstoffenergieträgern gewonnen. Und unser Ziel ist ja die die vollständige energetische Unabhängigkeit. Hier ließe sich ein großer Teil dadurch erzeugen, dass wir auf privaten Häusern PV und Mikrowindkraftanlagen installieren. Auch hier wäre sehr viel mehr möglich, als derzeit. Einige rechtliche Rahmenbedingungen wären zu schaffen. Eine einfachere steuerliche Behandlung wäre einer davon. Ideal wäre: Wir schaffen ein Unternehmensform bei der ich mit meinen Miteigentümern eigentlich keinen Kontakt habe, weil alles total standardisiert ist. Und damit fassen wir dann Wohnblockweise die Menschen zusammen. Sie stellen nutzbare Flächen zur Verfügung und investieren, KfW-finanziert, in das Unternehmen. Das Geld bekommen sie in vielleicht 15 Jahren zurück und verdienen ab dem Punkt. Wichtig wäre, dass wir Speichermöglichkeiten schaffen. Das könnte entweder dadurch gehen, dass wir massiv in die Forschung von Batterietechnologie investieren, oder wir schalten Wohnblocks zusammen und speichern überschüssige Energie mit Hilfe von Wasserstoff. Wichtig wäre hier aber, nur Energie zu verwenden, die nicht gebraucht wird. Denn ansonsten haben wir bei einer Effizenz von nur gut 30 Prozent extreme Verluste. Auf diese Art ließe sich, zusammen mit den paar Großanlagen für Grundlast, ein sehr großer Teil, wenn nicht sogar der gesamte, Strom für den privaten Sektor erzeugen. Ein weiterer Vorteil: durch die privaten Besitzer verteilen wir eine Milliardenindustrie auf Millionen Menschen und können damit auch ein Stück weit organische Umverteilung anstoßen. Die Menschen wären durch die eigene Produktion der Energie weitgehend entkoppelt von Energiemärkten. Steigende Rohstoffpreise hätten also ihren Schrecken verloren. Die Gewinne flössen in Millionen Kleinunternehmertaschen und wir hätten ein wenig gesellschaftlichen Wohlstand geschaffen.

Industrie müsste eventuell umziehen

Klar ist aber auch: Mit solchen Kleinanlagen ließe sich vermutlich nicht genug Energie für die Industrie erzeugen. Serverfarmen oder einfaches produzierendes Gewerbe ließe sich sicher noch mit Onshore-Windanlagen nebst entsprechenden Speichern, mit größeren PV-Parks und dergleichen versorgen. Für Stahl-, Aluminum- und Zementindustrie aber würde das, zumal ohne (importierte) fossile Energieträger, wohl nicht reichen. Also was tun? Nun, unter dem Strich ist es ziemlich einzigartig in der Menschheitsgeschichte, dass wir aktuell versuchen, die Energie zu den Unternehmen zu bringen. Bis ins Wirtschaftswunder hinein ist die Industrie immer dahin gegangen, wo Energie günstig war. Stahlindustrie und so weiter sind nicht aufgrund des landschaftlichen Reizes im Ruhrgebiet. Hier war die Kohle und damit die Energie. Also: Warum sollen wir nicht zu dieser Tradition zurückkehren? Dann müssten eben solche Unternehmen an die Küsten, wo in Offshore-Windparks viel Strom erzeugt wird. Den unter größeren Verlusten und mit immensen Kosten quer durch das Land zu transportieren, ist einfach Schwachsinn. Für die bisherigen Länder und Kommunen haben wir sogar schon das Mittel: Länderfinanzausgleich. Solche Dinge ließen sich sogar europäisch finden und so könnten wir unsere Industrie auch an der ganzen Atlantik- und Mittelmeerküste ansiedeln. Und wir könnten Länder wie Italien, Spanien und Griechenland zur Energieproduktion nutzen. Hier sind große Flächen relativ karger Landschaften und die ließen sich dann nutzen, um dort in großen PV-Parks oder auch hier photothermischen Kraftwerken Wasserstoff zu erzeugen. Mit diesem könnten dann europaweit Schwerlastverkehr, Schiffsverkehr und so weiter angetrieben werden. Auch in der Industrie ließe sich das Zeug nutzen. Und nebenbei könnten hier in Power-to-liquid-Verfahren auch Kerosin für die Luftfahrt, aber auch die notwendigen Ölverbindungen für die chemische Industrie erzeugen.

Gleiches Invest, stabile Systeme und Klimaschutz als Kollateralnutzen

Natürlich ist das jetzt alles nur knapp umrissen. Natürlich müssten Experten ein solches System, insbesondere, wenn es europäisch harmoniert eingerichtet wird, detailliert ausarbeiten. Trotzdem aber wäre es GERADE jetzt wichtig, das Geld gut und nachhaltig zu investieren. Panikausgaben in Verteidigung sind wenig erfolgversprechend. Da wäre wie gesagt die europäische Integration der Armeen zu einer gut durchstrukturierten Europäischen Armee sehr viel effektiver. Man könnte hier wohl den Effekt dieses Invests übertreffen und damit sogar noch Geld sparen. Mit einer Reduzierung der Abhängigkeit von Öl und Gas könnten wir überdies nicht nur Putin, sondern auch andere wenig demokratische Staaten wie Saudi Arabien, Iran, Irak oder Dubai ziemlich nachhaltig schwächen. Wir könnten also Europas Position in der Welt massiv stärken, könnten zugleich anderen vormachen, wie es geht – vor allem USA und China, aber auch Indien, Brasilien und so weiter – und so die Krise nutzen, um unsere Wirtschaft stabil und unabhängig zu gestalten und so eben auch noch die Nahhaltigkeit voran zu treiben. Win-Win-Win. Damit wären diese beiden Schritte wohl in jeder Hinsicht der bessere Weg, als jetzt blind für 100 Milliarden ein paar Panzer oder Flugzeuge zu kaufen, die erst in Jahren wirklich effektiv nutzbar werden. Wir müssten aber dafür eben mal über den Tellerrand schauen und mehr als vier Jahre in die Zukunft denken. Und ich fürchte: Genau da sind wir beim Problem, warum es SO vermutlich nicht kommen wird…

3 Kommentare zu „Investieren ja – aber bitte richtig!

  1. Wie doch die abgegriffene Floskel „Krise als Chance“ konstruktiv gefüllt werden kann. DANKE! Und das ganz ohne Kirisen-Pathos und ohne geschwollene Brust ….
    Norbert Sinofzik, Rheinstadt Uerdingen

    Gefällt 1 Person

      1. Unterhosen nicht zu vergessen … 😉
        Nee, es wird bestimmt nicht so kommen. Die Entscheider*innen werden sehr lange „besoffen“ von ihrer zeitendwenden Entscheidung sein. Vielleicht sind sie auch tatsächlich besoffen, weil sie ein wenig von den Champagnerströmen abbekommen haben, die gestern in den Rüstungskonzernen mit Sicherheit geflossen sind.
        Norbert Sinofzik

        Gefällt 1 Person

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