FIFA: Von der Zerstörung der Emotion

Gerade hab ich gelesen, dass die Fußball WM in Katar jetzt schon einen Tag früher beginnen soll. Es wird ein echtes Eröffnungsspiel geben. In einem anderen Artikel steht: Leon Goretzka ist wieder im (Lauf-)Training und will möglichst schnell wieder spielen, um für die WM so fit wie möglich zu sein. Und auch in anderen Artikeln ist die WM ein recht stetiges Thema. Das große Event des Weltfußballs, das nur alle vier Jahre stattfindet und ein riesiges Fest sein soll, steht bevor. Und meine Vorfreude ist… ungefähr so groß wie auf die 18. Wiederholung der 23. Folge von Dallas – einer Serie von der ich nie eine einzige Folge gesehen habe. Wie kann das sein? So lange ich denken kann habe ich bei Fußball-Weltmeisterschaften jede freie Minute gesehen. Ich kann mich an Halbfinale und Finale 1982 erinnern. Damals war ich fünf Jahre alt! Und zwar gerade erst. Ich habe sogar von Mexiko viel gesehen. Trotz Zeitverschiebung, weil ich alles, was am nächsten Tag kam, aufgesogen habe. Außerdem hat mein Vater damals unseren ersten Videorekorder angeschafft und die nachts aufgenommenen Spiele am nächsten Tag geschaut. Richtig los ging es dann mit Italien 1990. Bis zur WM in Brasilien habe ich praktisch kein WM-Spiel versäumt. Außer ich hatte Termine, selbst Sport oder etwas in der Art. WM, das war für mich wie ein Urlaubsmonat, auch wenn ich arbeiten musste. Es war Begeisterung, Emotion, die Vorfreude war schon über die ganze Saison der Bundesliga da und steigerte sich immer mehr. Und jetzt? Nix. Warum?

Milliardenindustrie statt Fußballfest

In Katar lässt sich die Frage zumindest teilweise objektiv beantworten. Ich lehne das ganze Konstrukt der WM in Katar rational ab. Die Praxis, die WM in ein Land zu vergeben, das selbst überhaupt keine Fußballkultur hat, das Bedingungen hat, die eine WM zur normalen Zeit, im Sommer, unmöglich macht, in dem sogar im Winter eine Klimatisierung der gesamten Stadien, die von Sklaven gebaut wurden – und das im Jahr 2022 – notwendig macht, Stadien, die danach praktisch nicht mehr genutzt werden, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden, Besucher, die sich unverheiratet küssen mit Gefängnis bedroht werden und so weiter, finde ich mehr als kritikwürdig. Darum habe ich schon vor zwei, drei Jahren entschieden: Diese WM werde ich nicht ansehen. Aber ich habe erwartet, dass es mir schwer fallen würde, dass es wirklich Verzicht, wirklich Protest, sein würde. Bislang muss ich sagen: Nö. Es ist ein Achselzucken. Das Fußballfest, das ich mir wünschen würde, wird ohnehin nicht stattfinden.

Sehnsüchte nach 2006

Was macht eine WM aus? Natürlich ist da das sportliche Kräftemessen. Es geht um Siege, um Tore, um Titel. Meine Stimme wird heute noch rau, wenn ich nur an meinen Jubelschrei beim späten 1:0 Deutschlands gegen Polen 2006 – Odonkor auf Neuville, unvergessen – denke. Aber mindestens ebenso sehr geht es für mich um das friedliche, das ungezwungene, das zusammenkommen der Welt. Erste Macken bekam dieses Gefühl bereits 1998, als es in Frankreich zu Straßenschlachten kam und Deutsche Hools den französischen Polizisten Daniel Nivel lebensgefährlich verletzten. Aber es bekam ein Hoch bei der WM 2006. Als tatsächlich die ganze Welt friedlich zusammen feierte, als beim Public Viewing auf dem Rathausplatz Schweden und Finnen, Briten und Franzosen, Spanier und Brasilianer friedlich zusammen standen und ein Fußballfest feierten. Wir alle hatten unsere Fahnen, tranken gemeinsam, sangen und es gab Verbrüderungen, durchaus auch die ein oder andere interkulturelle Annäherung zwischenmenschlicher Art. Das war die Welt, wie ich sie mir vorstelle. Klar gab es Nationalitäten und Flaggen – aber positiv. Es war im Prinzip so ähnlich wie der Lokalpatriotismus einer Stadt. Klar bin ich Krefelder – aber Menschen aus München, Berlin, Köln, ja, sogar Düsseldorf, sind genauso Menschen, genauso Deutsche, teilen viel mehr Dinge mit mir, als uns trennen. Doch in Katar? Wie soll das da gehen? Eine leicht bekleidete Schwedin neben einem Schotten in Bermudas, die nach ein paar Bierchen etwaige sprachliche Distanz durch unmittelbaren Körperkontakt ausgleichen? Wird es eher nicht geben. Und wenn, dann nicht lang. Homosexuelle sollten sich die Einreise lieber gleich klemmen. Achja, das Bierchen gibt es ohnehin nicht und überhaupt: Fallen lassen in den Moment? Puh…. Gefährlich. Das nimmt dem ganzen Event etwas.

Korruption, Vetternwirtschaft und die Macht des Geldes

Doch ausgerechnet diese „goldene WM“ in Deutschland war auch der (zumindest offizielle) Ausgangspunkt einer katastrophalen Entwicklung, die jetzt in Russland und nun Katar mündete: Bestechung. Ohne die Zahlung mehrerer Millionen Euro wäre das Fest wohl nicht nach Deutschland gekommen. Es ging nicht darum, wer der beste Bewerber ist. Sondern es war Politik – und viel Gemauschel. Nun waren die Gegenkandidaten für Deutschland (England, Brasilien, Südafrika) noch durchaus vernünftige Austragungsorte. Wobei: Bei Südafrika schon mit Einschränkung. Klar hat das Land vier Jahre später eine gute WM ausgerichtet. Die Stadioninfrastruktur wird aber nur sehr bedingt genutzt. Eigentlich wurden für Milliarden bessere Bauruinen hingestellt, in denen heute wenig bis nichts passiert. Zwar finden in den Stadien Fußball-, Rugbyspiele und Konzerte statt, aber selten sind mehr als ein Viertel der Plätze belegt. Nur Soccer City in Johannesburg (das Stadion des Eröffnungs- und Endspiels) ist einigermaßen genutzt. Die Städte müssen jährlich Millionen zuschießen. Ein recht armes Land zahlt sich noch heute an dem Ereignis dumm und doof. Impulse gab es fast keine und auch den Fußball in Afrika hat das mit großem Tamtam angekündigte Turnier (es durften sich nur afrikanische Länder überhaupt bewerben) nicht voran gebracht. Einziger Profiteur in Milliardenhöhe: die FIFA.

Brasilien: Tolle WM an den Bedürfnissen vorbei

Ähnlich fällt die Bilanz in Brasilien 2014 aus. Stadien wurden modernisiert und gebaut, um den hohen Anforderungen der FIFA gerecht zu werden. Nur leider völlig an den Bedürfnissen vorbei. Bestes Beispiel: Das vielleicht berühmteste Stadion der Welt, das Maracana in Rio. Als es 1950 gebaut wurde, fasste es bis zu 200.000 Menschen. Und die fußballbegeisterten, aber im Schnitt recht armen, Brasilianer waren immer da. Das Ding war VOLL. Es gab gigantische Stehplatztribünen und für ein paar Cent konnte man die Spiele sehen. Heute ist das anders. Für die WM wurde ein hochmodernes Stadion mit allem Schnick und Schnack hingestellt. Es gibt Sitzplätze, Logen und dergleichen. Aber die vielen preiswerten Stehplätze, die ein zentraler Punkt im Lebensgefühl vieler Menschen in Rio waren? Die sind weg. Ja, voll ist das Stadion in einem fußballverrückten Land immer noch. Aber große Teile der Bevölkerung können eben nicht mehr dabei sein. In anderen Städten ist es ähnlich. Also auch hier: Eine WM klar an den Bedürfnissen von Land und Volk vorbei.

Russland als erster großer Dammbruch

Der erste Dammbruch aber erfolgte dann mit der WM 2018 in Russland. Ja, Russland ist ein großes Land nicht nur in Hinsicht auf Fläche, Bevölkerungszahl und Wirtschaft, sondern durchaus auch im Fußball. 1988 stand die UdSSR immerhin im EM-Finale in Deutschland. Klar, das war da schon 30 Jahre her und es war nicht Russland. Trotzdem, das Land ist Stammgast bei großen Turnieren. So weit so gut. ABER: Russland war auch damals längst (wieder) eine Autokratie. Es gab vor der Vergabe militärische Aktionen gegen jedes Völkerrecht in Tschetschenien, Georgien und so weiter. Es gab immer wieder innenpolitisch OppositionspolitikerInnen, AktivistInnen oder JournalistInnen, die „verschwanden“ und so weiter. Es war eine WM, die viel Show bot – und für die ebenfalls Stadien nicht nach Bedarf gebaut wurden. Während noch in Deutschland jedes einzelne WM-Stadion (zwischenzeitlich mit Ausnahme Leipzig) einen wirklichen Mehrwert für die Städte und Vereine darstellten – ebenso in Frankreich, mit Abstrichen Japan und Südkorea, sogar in den USA oder in Italien – ist es heute normal, dass das keine Rolle spielt. Und das wurde zumindest für mich in Russland, mit den besagten Problemen der politischen Show, erstmals so richtig deutlich. Und es hat sich bei mir gezeigt. Ich habe die deutschen Spiele geschaut. Vom Rest? Naja, ich hab etwa die Hälfte der Vorrundenspiele gesehen. Bis Brasilien und undenkbar niedriger Wert. Dass Deutschland dann raus war hat sicher nicht geholfen, aber ab der KO-Runde hab ich vielleicht noch fünf Spiele geschaut. Und die eher „nebenher“. In Frankreich oder USA hab ich weiter geschaut, auch als Deutschland recht früh raus war. Ich muss sogar nachdenken, wer Weltmeister wurde (jaja, nach ein paar Sekunden weiß ich: Frankreich. Aber den Weltmeister 1970, sieben Jahre vor meiner Geburt, kann ich wie nen Reflex nennen. Oder 66… Ihr versteht, was ich meine).

Jetzt ist das Fass übergelaufen

Und jetzt also Katar. Es ist, als ob die FIFA ausprobiert, wie weit sie gehen kann. Die Liste des Wahnsinns ist so lang, dass sie kaum aufzuzählen ist. Man vergibt eine WM in ein Land, in dem die klimatischen Bedingungen so sind, dass man im Sommer nicht spielen kann. Also macht man es halt im Winter. Was soll’s? Dass dafür alle Spielpläne über den Haufen geworfen werden? Egal. Dass die Gefühle und Traditionen der Fans eben im Fußball nicht auf ein WM-Endspiel an Weihnachten eingestellt sind? Was soll’s. WM-Endspiel am vierten Advent. Am Nachmittag. Geht’s noch? Ich bin jetzt nicht religiös oder so, aber viele Menschen sind da traditionell in der Kirche oder haben die Familie zum Kaffee zu Besuch. Als Kind habe ich zu der Zeit Augsburger Puppenkiste geschaut. Und nicht ein WM-Endspiel. Klar kann man jetzt sagen: Um die Zeit finden in heutigen Zeiten auch Bundesligaspiele statt. Und das ist richtig. Aber ein Bundesligaspiel ist trotzdem etwas Anderes, als ein WM-Endspiel. Das ist ein großer Feiertag. Es ist das zwölfte in meinem gesamten Leben! Für 12 Bundesligaspiele braucht es zwei Spieltage. Die Bundesliga ist in gewissem Sinne Alltag. Die Stadien des Turniers sind Protztempel irgendwo in der Wüste. Sie müssen sogar im Winter klimatisiert werden. Mitten in der Klimakatastrophe kühlen wir Stadien in der Wüste auf 20 Grad runter. Was für ein Wahnsinn! In ganz Katar gibt es kaum genug Teams, um überhaupt für jedes Stadion ein Heim-Team zu finden. Und wenn, dann sind es bessere Hobbyteams. Ja, mit horrenden Gehältern. Aber vom Niveau? Naja. Es gibt im ganzen Land kaum genug Leute um EINS der Stadien zu füllen. Aber alle in einem Ligaalltag? Lächerlich. Wir unterstützen einmal mehr ein autokratisches System in der Außendarstellung. Die Besucher sind mit einem Bein im Gefängnis, wenn sie sich normal verhalten. Die (nicht angeheiratete) Freundin küssen, n Bier trinken, oder gar den gleichgeschlechtlichen Partner küssen? Oha! Und das beim Fußball. Und als wäre das alles nicht genug wird das Heim-Team mit ziemlicher Sicherheit mit irgendwas im Bereich 1:15 Toren und null Punkten die Segel streichen – wenn sie Losglück haben und über sich hinaus wachsen. Toll. Euphorie im Land ist vorprogrammiert (war schon in Südafrika nicht optimal). Achja und in Deutschland mussten viele Leute ihren guten Ruf wegen der Korruption beerdigen (Beckenbauer, Niersbach etc.). Aber in Katar wurde es wegen der tollen Tradition, der Infrasturktur, der Fanbase und der fußballerischen Tradition vergeben. Klar.

WM 2022: Chance für die Sportwelt neben dem Fußball

Und so lässt sich eigentlich nur sagen: Die FIFA schießt sich mit ner großkalibrigen Wumme selbst in den Fuß. Was sie gerade tut, das ist die Entlarvung des Fußballs als Gelddruckmaschine. Sie verdeutlicht gerade in Katar, dass es weder um Sport noch um Emotion geht – sondern um Gewinn und sonst gar nichts. Was aktuell der FC Barcelona auf Vereinsebene macht, das tut die FIFA endgültig auf der großen Skala. Es war schon immer oder zumindest sei Jahren ein korrupter und geldgieriger Haufen. Jetzt hat man endgültig jedes Maß verloren. Für mich heißt das: Ich werde diese WM nicht schauen. Vielleicht schalte ich mal in die deutschen Spiele rein. Aber nur, wenn ich wirklich nix anderes vorhabe. Und das sage ich als jemand, der normal jedes Testspiel gegen Andorra aufnimmt, wenn er es nicht live schauen kann. Vermutlich aber wird das erst passieren, falls Deutschland das Halbfinale erreichen sollte. Schon bei den olympischen Winterspielen zu Jahresbeginn habe ich keine Minute geschaut und wirklich nichts mitbekommen. Das tut mir für die AthletInnen leid. Aber auch das IOC ist genauso drauf wie die FIFA. Seine Unschuld hat der Sport schon lange verloren. Jetzt hat er endgültig das Herz geopfert und ich glaube: Wenn jemand wie ich, der fast alles an Sport schaut, das er kriegen kann, an dem Punkt ist, dann steht es schlecht um diese Sportarten bzw. Veranstaltungen. Bleibt zu hoffen, dass andere Sportarten den Ruf hören und entsprechend reagieren. Egal, ob das Eishockey, Handball, Football, Volleyball oder was weiß ich sind. Die aktuelle Situation ist die größte Chance, die die „Randsportarten“ in den vergangenen locker 50 Jahren hatten. Der Fußball hat alles abgegrast. Jetzt könnte der Riese wackeln. Es gilt, die Chance zu nutzen. Dann hätte die Handlungsweise der FIFA wenigstens etwas Gutes.

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