Wie baue ich mir einen Terroristen: Lützerath schreibt ein Handbuch

Catchy Überschrift, oder?! Ach komm, jetzt übertreib mal nicht. Die Polizei macht nur ihren Job und Gerichte haben entschieden. Die Politik kann sowieso nichts machen – nach eigener Aussage – und RWE will uns ja nur mit Strom beliefern. Demos gab es schon immer und überhaupt: Alles ganz normal. So oder so ähnlich fallen derzeit viele Reaktionen aus dem bürgerlichen Lager und rechts davon aus. Sowohl in persönlichen Gesprächen, als auch auf Social Media. Das Problem ist nur: Ich glaube, alle, die das derzeit schreiben und sagen, haben überhaupt keine Ahnung davon, was in den Menschen in Lützerath vorgeht. Damit hier kein falscher Eindruck aufkommt: Am Ende kann ich es auch nicht. Ich bin ein einziges Mal, am Tag vor der angekündigten Räumung, durch den Ort gelaufen und habe es mir angesehen und damit natürlich auch Unterstützung und Protest demonstriert. Aber halt nicht mehr, ich bin jetzt niemand, der dort Tage verbracht hätte und Teil der Szene wäre. Immerhin kenne ich aber einige der Leute, die im weiteren Kreis der Aktivisti aktiv sind und deren Äußerungen einen gewissen Eindruck vermitteln. Und ich glaube, ich bin im Thema „Klima“ an und für sich weit genug drin und habe genug gelesen, um die zugrunde liegenden Sorgen nicht nur nachvollziehen zu können, sondern auch zu teilen.

Status Quo: Menschen gegen Konzerninteressen

Also: Was passiert in Lützerath? Fassen wir es mal kurz zusammen: Ein Energiekonzern hat in den 90ern das Recht erhalten, eine komplette Landschaft abzubaggern. Da wird an mehreren Stellen ein Loch in die Erde gekloppt, das so dermaßen groß ist, dass komplette Großstädte wie Krefeld vollständig darin verschwänden. Und mehr. Aber nehmen wir eine bekanntere Stadt. Auf der BUND-Seite www.tagebauheimat.de kann man sich ansehen, wie die eigene Heimat aussähe, hätte sie Braumkohle. Legt man z.B. den etwas größeren Tagebau Hambach auf dieser Karte auf Köln, dann wäre zwischen Müngerdorf und Lindental im Süden und Longerich im Norden, sowie zwischen Mehrheim und Kalk im Osten und Pulheim im Westen nur ein bis zu 300 Meter tiefes Loch. Und das ist nur der Tagebau Hambach. Mit Gartzweiler obendrauf könnte man praktisch das komplette restliche Stadtgebiet verschwinden lassen.

Bild: So sähe Köln aus, wenn der Tagebau Hambach darüber läge. (Quelle: www.tagebauheimat.de)

So weit so gut oder eher schlecht. Nun ist Braumkohle einer der „schmutzigsten“ Energieträger pro Energieeinheit und erzeugt, auch weil sie vergleichsweise nass ist, beim Verbrennen extrem viel CO2. Damit ist sie in Zeiten der Klimakatastrophe unbedingt zu vermeiden. Und zwar lieber gestern als morgen. Nun wurde im ersten Schock des russischen Angriffs auf die Ukraine und der folgenden Sorge um die Energiesicherheit beschlossen, dass das Dorf Lützerath, unter dem ne große Menge Braunkohle liegt, abgebaggert werden darf. Gerade die Grünen spielen hier eine in doppeltem Sinne unglückliche Rolle. Einerseits haben sie natürlich die Zusage gemacht, wenn auch (das muss man der Fairness halber erwähnen) mit dem Kompromiss, den Kohleausstieg um acht Jahre vorzuverlegen. Ist natürlich ein Gewinn. Wobei es auch daran durchaus Kritik gibt, denn die Mengen der verbrauchten Kohle werden nicht begrenzt und so könnte zumindest in der kürzen Zeit dieselbe Menge Kohle verbrannt werden. Das zeigt sich speziell an Lützerath: Wird das komplett abgebaggert und die Kohle verbrannt, dann ist das Deutsche 1,5-Grad Klimaziel – wohlgemerkt, von der Bundes- und Landesregierung selbst in seinen Pfaden gesetzt, nicht mehr zu packen. Das zeigen die Ergebnisse vieler Wissenschaftler und eines großen Gutachtens. Andererseits aber baden die Grünen natürlich 16 Jahre komplett verfehlte Energiepolitik mit aus und fühlten sich auch durchaus aus gutem Grund ein Stück weit an die Wand gedrückt. Sie sind Getriebene einer energiepolitisch schwierigen Situation. Aus der damaligen Situation kann ich die Entscheidung sogar noch halbwegs nachvollziehen. Allerdings hat sich die Lage seitdem massiv verändert.

Gasspeicher sind voll, von Energiekrise keine Spur!

Jetzt, um die Jahreswende 22/23 ist vollkommen klar: Wir haben keine echte Energiekrise. Die Gasspeicher haben einen Füllstand von deutlich über 90 Prozent. Im ganzen Kalenderjahr gab es bis gestern 10 Tage mit Nettoeinspeisung und nur einen Tag mit Nettoentnahme. Wir haben extrem viel Wind und damit decken allein die Windräder in Deutschland deutlich über die Hälfte des Strombedarfs. Wir haben in diesem Jahr an jedem einzelnen Tag Strom exportiert. Und zwar riesige Mengen. Übrigens unter anderem nach Frankreich, das fast komplett auf die ach so tolle Kernkraft setzt. Anderes Thema. Der Punkt ist: Aktuelle wissenschaftliche Studien – also wirklich Leute, die sich auskennen, sich hinsetzen und mit echten Zahlen rechnen, nicht mit Bauchgefühl – sagen ganz klar zwei Dinge: Erstens: Wir brauchen die Kohle unter Lützerath nicht. Wir kommen kurz und mittelfristig hervorragend klar. Zumal diese Kohle sowieso erst in einiger Zeit genutzt würde. Und zweitens: Wird diese Kohle abgebaggert und verbrannt erzeugt das so viel CO2, dass Deutschland die Klimaziele verfehlen wird. Punkt. Damit bricht die Bundesregierung (und vor allem die Landesregierung) gleich mehrere bindende und gerichtlich auch bestätigte bzw. geforderte Gesetze: Das Klimaschutzgesetz des Bundes, das Klimaschutzgesetz NRW und den völkerrechtlich bindenden und komplett durchratifizierten Vertrag von Paris. Und macht viele klimabewegte Menschen WEIT über die Aktivisti in Lützerath hinaus (auch mich selbst!) absolut fassungslos. Übrigens: Der Gerichtsentscheid zu Lützerath, auf den sich Politik, Konzern und Polizei beziehen, beruht auf einer Gemeinwohlabwägung, die VOR dem Verfassungsgerichtsurteil zum Klimaschutzpaket, sogar VOR Paris vorgenommen wurde. Seitdem hat sich also die Rechtslage gravierend geändert und die Rechtsgüterabwägung muss heute nach anderen Maßstäben getroffen werden. Das verstärkt die Fassungslosigkeit noch. Denn eins ist klar: Es geht hier nicht um Versorgung, nicht um Gemeinwohl und nicht um Energiesicherheit. Es geht um Partikularinteressen. Es geht ganz allein um die Gewinne eines multinationalen Konzerns, der übrigens schon jetzt aufgrund seines klimaschädlichen Verhaltens vor Gericht steht. Das ist noch ganz spannend. Wetten, sie werden dort beteuern, sie hätten ihre Lektion gelernt und wären ja soooo viel besser, weil sie ein paar alte Windparks gekauft haben?! Aber das ist n andere Thema.

Die Rolle der Grünen ist ein Pulverfass

Wichtiger ist: Die grüne Partei war für viele Menschen, die sich Sorgen um das Klima machen, der große Hoffnungsträger. Sie waren die einzigen, die halbwegs glaubhaft von Klimaschutz geredet haben. (Kleinparteien wie Klimaliste, Volt oder Humanisten lasse ich hier mal raus. Die sind aktuell einfach kein Faktor.) Mit Abstrichen noch die Linken, die aber auf anderem Felde gerade eine unfassbar schlechte Figur abgeben und damit für viele klassische Grünen-WählerInnen ziemlich unwählbar sind. Nun richtet sich also der Zorn der Klimaschützer gegen Grüne. Und ehrlich gesagt: Ich würde niemandem raten, bei der Demo am Samstag im Nachbarort Keyenberg (12 Uhr, ich werd in jedem Fall hingehen, kommt doch auch! Übrigens, sogar Greta Thunberg herself wird da sein!!) mit Grünen-Insignien aufzulaufen. Das würde ein ziemlicher Spießrutenlauf. Denn der große politische Hoffnungsträger ist plötzlich in die Schurkenrolle gekommen. Und das hinterlässt ein Vakuum. Die Aktivisti und ihre aktiven wie moralischen UnterstützerInnen sehen sich plötzlich weitgehend ohne parlamentarische Vertretung. Wohlgemerkt: Sie (die Grünen) wurden unter anderem für das Versprechen gewählt, dass „alle Dörfer bleiben“. Als die Schwarz-Grüne Koalition in Düsseldorf klar war, knallten in Lützerath die Sektkorken: Sie waren sicher, die Dörfer werden bleiben. Die Wahrnehmung ist die, des wohl wichtigsten Anliegens der Neuzeit, vielleicht sogar der Menschheitsgeschichte. Und der Tatsache, dass niemand zuhört. Nicht wirklich. Man wird mit Phrasen und Allgemeinplätzen abgespeist und die „Realpolitik“ sorgt für noch mehr Emission.

Polizei mit sehr unrühmlicher Rolle

Aber wir leben in einem Rechtsstaat. Da wird doch für so ein wichtiges Anliegen eine Möglichkeit sein? Nun, das ist sogar so! Das Bundesverfassungsgericht hat für Fridays for Future entschieden und der Bundesregierung mehr Klimaschutz ins Stammbuch geschrieben. Dazu kommt: Die Verfassung und das Beamtengesetz geben PolizistInnen explizit das Recht, sogar die Pflicht, an die Hand, Befehle moralisch zu prüfen und gegebenenfalls zu verweigern, wenn sie gegen den eigenen moralischen Kompass verstoßen. Zugleich stellt sich dann der Polizeipräsident von Aachen, der für den Einsatz verantwortlich zeichnet, hin und sagt: Wir haben keine Möglichkeit, wir müssen räumen. Nö. Müsst Ihr nicht. Eine verheerende Botschaft auch an die PolizistInnen vor Ort. Dafür (und für die ganze Argumentation) hat er von FFF-Krefeld auch eine Fachaufsichtsbeschwerde kassiert. Und überdies kann man auf verschiedene Arten vorgehen. Man kann natürlich eine Kette von Räumpanzern bilden, einmal durch das Dorf fahren und alles umnieten, was da ist. Oder das genaue Gegenteil tun: Defensiv, gern ohne Schild, Helm und Schlagstock und nicht mit Tausenden Polizisten aus dem halben Bundesgebiet, hingehen und – wohl wissend, dass es nicht klappen wird – die Menschen auffordern, doch bitte mitzukommen. Das wäre sozusagen „Dienst nach Vorschrift“. Eine Vorgehensweise, die ein Polizeipräsident, der selbst ein Grüner ist, und explizit geäußert hat, inhaltlich hätte er Bauchschmerzen, vorgeben könnte. Aber er entscheidet sich für: Massive Polizeipräsenz, rabiate Methoden. 24-Stunden-Räumung nebst Gefährdung der Aktivisti und Psychoterror, weil an Schlaf natürlich nicht zu denken ist. Es gibt zumindest Berichte von Anwesenden, dass die Polizei verhindert, dass Lebensmittel in die Baumhäuser gebracht werden. Dabei ist die Polizei an sich sogar verpflichtet, die Menschen selbst zu versorgen, wenn sie eingekesselt sind und von außen keine Versorgung gebracht werden kann. Es gibt Schmerzgriffe, Sanis werden des Ortes verwiesen und – ganz spookie – JournalistInnen behindert. Angeblich wurde ein Pressefotograf genötigt, Bilder zu löschen. Da ist in meinen Augen eine rote Linie meterweit überschritten! Der Freund und Helfer wird in den Augen vieler zum Aggressor. Eine sehr, sehr gefährliche Situation. Wut, Frust und Aggressionen wachsen. Die Kinder sagten gestern am Abendbrottisch: „Ich hoffe, die Polizisten werden verhauen oder kommen ins Gefängnis.“ Fand ich sehr schlimm! Ich wünsche ausdrücklich KEINEM der PolizistInnen vor Ort etwas Schlechtes (auch wenn es dort, wie bei jeder hinreichend großen Gruppe von Menschen, selbstverständlich auch Arschlöcher geben wird!). Und ich habe den Kindern auch gesagt, dass das falsch ist. Aber es zeigt, wie selbst bei ihnen, die NICHT dort sind, die nur Erzählungen kennen, die Gefühle sind.

Gefühl von Hilflosigkeit im „Generationenkonflikt“

Ein großer Teil einer kompletten Generation, meist durchaus intelligente, wissenschaftsaffine und gut gebildete Leute in den späten Teenagerjahren und den 20ern, fühlt sich komplett unterdrückt und in ihren Sorgen auf allen Ebenen nicht ernst genommen. Obwohl sogar das Bundesverfassungsgericht im FFF-Urteil anerkannt und vorgegeben hat, dass der Staat eine Schutzpflicht auch für kommende Generationen gegenüber den zu erwarteten Folgen durch die Klimakrise hat. Obwohl es ganz konkrete, gesetzlich vorgegebene, bzw. vom Gesetzgeber selbst auferlegte Reduktionspfade gibt, die nicht eingehalten werden (und das BVerfG urteilte, dass der Staat sich an seine Konkretisierungen halten müsse). Obwohl das Grundgesetz Artikel wie Art. 14 und 15 und natürlich 20 a enthält, die eigentlich gleichzeitig die Pflicht zum Handeln vorgeben, wie auch die dafür notwendigen Tools bereit stellen. 20a besagt, dass die Lebensgrundlagen der nächsten Generationen gewahrt werden müssen. 14 besagt, dass Eigentum verpflichtet und zum Wohl der Gemeinschaft eingesetzt werden solle (14.2) und dass eine Enteignung zum Wohl der Gemeinschaft möglich ist (14.3). Art. 15 gibt noch weitere Möglichkeiten und Richtlinien hinsichtlich Enteignungen. Von letzteren wird z.B. hier sogar Gebrauch gemacht: Die BewohnerInnen und LandbesitzerInnen wurden enteignet (und kompensiert), aber das war FÜR RWE vor dem höheren Ziel der Energiesicherheit. Heute ließe sich eine Enteignung GEGEN RWE mit dem Ziel der Wahrung der Lebensgrundlagen rechtfertigen. Die Aktivisti wiederum berufen sich in ihrer Wahrnehmung nicht zuletzt auf Art 20.3 (Recht zum Widerstand). Sie halten die Vorgehensweise der Verantwortlichen für in jeder Hinsist falsch und haben die Wahrnehmung, dass die komplette Staatsmacht gegen sie ist. Wir haben also einen Generationenkonflikt. Die Elterngeneration, die „Boomer“ und Teile meiner Generation Y, will einfach weiter machen wie bisher. Sie wollen – zumindest in der Wahrnehmung und das ist, was hier zählt – mit den herkömmlichen Mitteln die (eher kurz angelegte) Zukunft meistern. Die Sorgen der Jugend zählen nicht. Das Pikante: Es sind zum Teil dieselben Leute, deren Generation als 68er auf der Straße waren und ihrerseits einen Generationendisput ausgetragen haben. Was passierte, war eine Polizei, die irgendwann eskaliert hat, es kam zum Tod von Benno Ohnesorg und in der Folge zu einer Radikalisierung, die im Endeffekt in der RAF mündete. Und ich glaube: Zwischen der damaligen Situation und heute gibt es große Parallelen. NOCH sind die KlimaaktivistInnen im Gegensatz zu damals extrem friedlich. Sie gehen als FFF mit teilweise zigtausenden durch die Straßen und räumen dabei sogar Müll auf. Sie lassen sich mit GANZ wenigen Ausnahmen friedlich aus ihren Baumhäusern in Hambach oder Lützerath holen, sie kleben sich auf Straßen fest oder werfen Suppe auf gut hinter Glas geschützte Gemälde. Buhuuu… der neue „Terrorismus“ macht so richtig Angst. Aber sie tun das vor allem, weil sie darauf hoffen, dass es so zum Dialog und in der Folge Veränderungen kommt. Der passiert aber nicht. Im Gegenteil! Sie werden diffamiert und in Zeitungen, Talkshows und vor allem auf sozialen Medien mit echten Terroristen gleichgesetzt. Man hört und liest von der „Klima-RAF“, weil sich Menschen auf eine Straße kleben. Die RAF hat Menschen mit automatischen Waffen hingerichtet, Bombenanschläge verübt und so weiter, verdammt nochmal!

Der Frust wächst ins Uferlose

Und das ist aktuell der Status Quo. Der Frust wächst. Die Aktivisti und ihre UnterstützerInnen sehen sich einer allmächtigen, gut ausgerüsteten und kompromisslosen Staatsmacht gegenüber. Ihr „politischer Arm“ hat sich zumindest gefühlt komplett gegen sie gewendet und ist jetzt der Feind. Die erhofften Dialoge geschehen nicht. Gerade bei der „Letzten Generation“ (sie heißen so, weil wir die Letzten sind, die den kompletten Klimakollaps noch verhindern können!) ist das ja extrem frappierend! Sie stören das öffentliche Leben, ja. Sie sind für viele Leute nervig, ja. Aber was genau wollen sie denn? Mörder aus Stammheim freipressen? Verstaatlichung aller Unternehmen? Eine komplette Entwaffnung der Bundeswehr? Auflösung der BRD? Was genau ist es? Nun, sie haben ZWEI Forderungen: Ein generelles Tempolimit wie es in ALLEN STAATEN DER WELT mit Ausnahme von fünfen gilt – von denen vier ohnehin keine Straße haben auf der jemand, der an seinem Leben hängt, schneller als 100 fahren würde. Und eine Fortführung des 9 Euro-Tickets. Naja, und irgendwie halt insgesamt, dass sich die Regierung an ihre eigenen (Klimaschutz-)Gesetze hält und an bindende internationale Verträge, also Paris. Das sind natürlich Forderungen, die indiskutabel sind. Darüber darf man nicht reden. Außerdem haben wir das 49 Euro-Ticket. Das soll reichen. Fun-Fact: Ich habe mir in den vergangenen 10 Jahren etwa 20 Zug- und sonstige ÖPNV-Tickets gekauft. Das 9 Euro-Ticket hatte ich in zwei der drei Monate und bin in der Zeit glaub ich zehnmal mit Zug und Bahn gefahren. Das ist etwa so viel, wie sonst in fünf Jahren. Ein 49-Euro-Ticket werde ich mir nicht kaufen, denn es wird sich für mich nicht lohnen. Es sei denn, ich habe mal EINE große Fahrt vor, die 50 Euro oder mehr kosten würde. Aber das nur am Rande. Der Punkt ist: DemonstrantInnen, UnterstützerInnen und vor allem Aktivisti jedweder Ausprägung fühlen sich mehr und mehr hintergangen, allein gelassen und chancenlos. Gerade derzeit nehme ich in Gesprächen und auf sozialen Medien eine extreme Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit wahr. Gepaart mit großem Kampfgeist. Und das ist eine explosive Mischung. Habt Ihr mal ein Video gesehen, wie eine in die Enge gedrängte Ratte oder Maus plötzlich todesmutig eine Katze angreift und beißt? Genau das wird meiner Ansicht nach passieren. Übrigens: In Videos entkommt die Ratte sogar oft, denn die Katze ist total überrascht.

Kohlebagger, vielleicht sogar Kraftwerke, könnten bald Ziele sein

Ich glaube einstweilen nicht an Gewalt gegen Menschen, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass der logische nächste Schritt Gewalt gegen Sachen ist. Eindringen in den Tagebau gehört für „Ende Gelände“ schon lange sozusagen zum „Tagesgeschäft“. Und mal ehrlich: Die Anleitung, aus Düngemittel oder anderen Substanzen Sprengstoff zu bauen findet jeder, der nicht ohnehin gut genug im Chemieunterricht aufgepasst hat, in zwei Minuten im Internet. Auch sonst gibt es dutzende sehr einfach herzustellende Substanzen, mit denen man so nen Bagger echt gewaltig schädigen kann. Und auch sonst könnte ich mir mindestens ein Dutzend Wege vorstellen, wie die Bagger oder sogar die Kraftwerke selbst massiv, vielleicht sogar irreparabel, beschädigt werden könnten. Wenn man nur wollte. Und das ist das Problem: Wenn man dieser Generation nicht zuhört, dann wird meiner Überzeugung nach über kurz oder lang genau das passieren, was eben in den frühen 70ern passierte. Und dafür braucht es keine Massenbewegung. Ein paar Leute, die wirklich aktiv sind, reichen. Wenn die Sache so weiter läuft dann fürchte ich, dass jeder Dialog endet, dass es zu einer extremen Spaltung der Gesellschaft zu Gewalt von beiden Seiten kommt. Dass es in der Zukunft eine ähnliche Situation wie heute in USA mit Blau oder Rot geben wird: Die eine Gruppe leugnet ihre eigene Mitverantwortung an der Klimakatastrophe und wird aggressiv gegen jede(n) der/die darauf hinweist (siehe Reaktionen auf „Klimakleber“), die andere Gruppe sieht sich in einem wichtigen und gerechten Kampf für die Zukunft der Menschheit, der so ziemlich alles rechtfertigt. Nach dem Motto: Im Dienst der guten Sache ist jedes Mittel recht oder auch: Der Zweck heiligt die Mittel.

Was zu tun ist? Abrüsten! Auf ALLEN Ebenen!

Doch was ist zu tun? Lässt sich das überhaupt noch verhindern? Ich denke: Ja! Aber dafür brauchen wir schnellstmöglich Gespräche, Moratorien und vor allem zwei Dinge: Die Grünen müssen ganz schnell umschwenken und wieder der gefühlte politische Arm der besorgten Jugend (wobei das durchaus auch Ältere sind. Ich zähle mich da durchaus selbst dazu und die 20 hatte ich noch im vergangenen Jahrtausend…) werden. Sie müssen das Vertrauen der KlimaschützerInnen genießen, dass sie, wenn sie eine Mehrheit hätten, ECHTEN Klimaschutz durchbrächten und zumindest für Deutschland das 1,5-Grad-Ziel einhalten würden. Jaja, Deutschland kann das Klima nicht retten. Geschenkt. Aber das ist halt eine Gruppenarbeit und Deutschland muss SEINEN Part erledigen. Aktuell sind wir vom Musterschüler Anfang des Jahrtausends zum Hinterbänkler im Klimaschutz verkommen. Die Polizei muss wieder zu einem echten „Freund und Helfer“ werden und ein Stück weit ihre gesellschaftliche Verantwortung wahren. Und die kann nicht bei der bedingungslosen Wahrung von Konzerninteressen liegen. Aktuell sieht es so aus, dass der Zeitplan von RWE wichtiger ist, als Verhältnismäßigkeit. Dass es ein Rennen darum ist, wer am besten dafür sorgt, dass RWE noch ein paar Milliarden mehr verdienen kann – denn eine Verzögerung möglicherweise auch um die Brutsaison ab März, könnte ja dazu führen, dass auf politischen und gerichtlichen Ebenen doch noch Vernunft einkehrt. Wenn ich aber sehe, dass die Polizei Menschen in von RWE gestellte Gefangenentransporter sperrt (und RWE dafür noch Rechnungen stellt), dann habe ich ein verdammt ungutes Gefühl! Und wir müssen bereit sein, für den Klimaschutz endlich ebenso viel zu tun, wie für die Rettung von Banken oder Corona-Hilfen. Zumal in diesen beiden Feldern das Geld WEG ist, während es sich im Klimaschutz z.B. bei Regenerativen, mit Renditen refinanziert, die sonst im legalen Bereich gar nicht zu machen sind. Ich habe, ganz bewusst, am Sonntag meinen zwei Jahre alten Sohn mit nach Lützerath genommen (und Fotos gemacht), denn ich bin überzeugt: Wenn er in meinem Alter ist, wird es für sein Selbsterleben sehr wertvoll sein zu sagen: Ich selbst war dabei und ich hoffe, es führt auch dazu, dass er das dauerhaft als richtig und wichtig ansieht. Ich bin überzeugt: Es wird ihm einen Mehrwert geben zu wissen, dass er da war. Schon mit 2. Und seine Familie ebenso. Ich glaube, jeder Mensch – Konzernchef, PolitikerIn, PolizistIn oder wer auch sonst – sollte für sich selbst entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte er oder sie stehen will. Auch in den Augen der eigenen Kinder und Enkel. Und wenn man vielleicht nicht auf der der Zerstörer stehen will, dann sollte man am Samstag um 12 Uhr nach Keyenberg kommen. Jeder Mensch dort zählt um zu zeigen: Wir wollen und brauchen dringend echten Klimaschutz. Oh und einen Blick in dieses gigantische Loch zu werfen vermittelt auch einen guten Eindruck davon, WAS da kaputt gemacht wird. Wo noch vor 30 Jahren Wälder, kleinere und größere Dörfer, Felder mit übrigens sehr fruchtbarem Boden, Kirchen, Friedhöfe und was der Dinge mehr waren, da ist jetzt Loch. Einfach nur eine Mondlandschaft. Nur dass statt blitzenden Sternen bei richtigem Wind der Rauch der Kohlekraftwerke darüber weht. Allein das ist schon – abseits aller Klimabedenken – ein Grund, es einfach sein zu lassen. Stecken wir die „Kohle“ lieber in Windräder und PV und lassen die fossile Kohle da, wo sie seit zig Millionen Jahren hin gehört…

5 Kommentare zu „Wie baue ich mir einen Terroristen: Lützerath schreibt ein Handbuch

  1. Einverstanden. Mit fast allem. Aber ein Detail, warum nasse Kohle mehr CO2 erzeugen soll, leuchtete mir zunächst nicht ein. Nach angestrengtem Nachdenken dann kam ich darauf, dass es am schlechten Wirkungsgrad der Stromerzeugung liegen muss und demnach die CO2-Emission pro KWh besonders hoch ist.

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    1. Nein, die Sache ist eigentlich banal. Nasse Kohle brennt natürlich schlechter als trockene. Aus der Hitze muss sozusagen erst einmal die Energie aufgewendet werden, um das enthaltene Wasser zu verdunsten. Dieser Dampf geht aber in dei Rauchgase und nicht in die Turbinen. DAs ist ein anderer Kreislauf. Damit geht im Endeffekt eine große Menge Wasserdampf, der erzeugt wird, ungenutzt verloren. Also jetzt ganz vereinfacht gesagt 😉

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      1. Klingt plausibel, danke für die Details.

        Dennoch würde ich nicht davon abrücken wollen, dass die Menge CO2 pro kg Braunkohle nicht größer sein kann, als pro kg Steinkohle oder Erdgas. Gerade weil da Wasser drin ist.

        Also kann es nur um CO2 pro kWh gehen. Was ja auch das wesentliche ist.

        Das gilt auch, wenn du nicht nur Strom betrachtest, sondern den gesamten KWK-Prozess.

        Ich glaube, wir haben da keinen Dissens, nur dein “Nein” irritierte mich kurz.

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      2. Sorry, so war das „nein“ nicht gemeint. 😉 War etwas unglücklich. Ich schrieb ja auch: „…einer der schmtzigsten Energieträger je Energieeinheit“. Pro Kilo wird sie da natürlich tendenziell weniger erzeugen, wenn mehr Wasser drin ist, denn dann sind ja auch weniger Kohlenstoffatome vorhanden. Aber das ist ja irrelevant, denn der Energieertrag je Kilo schwindet ja überproportional. Bei Wetter wie jetzt dürfte das ne Katastrophe sein. Wasser braucht für den Wechsel des Aggregatszustanes extrem viel Energie. Darum haben wir ja auch noch Skipisten bei 10 Grad. Damit Eis schmilzt wird genausoviel Energie verbraucht, wie nötig wäre, um dieselbe Menge (also Masse) Wasser auf 80 Grad zu erhitzen, wenn ich es richtig im Kopf habe.

        Die Energieversorung auf Braunkohle aufzubauen ist einfach grottig. ZUMAL die da Windräder abbauen und abbaggern und dann aus der Braunkohle Strom erzeugen. Mich würde mal interessieren, wie viel Braunkohle man verballern muss, um den Ertrag zu erreichen, den EIN Windrad in seiner möglichen Restnutzungszeit noch hätte. Davon, dass wir da hochmoderne Großanlagen hinsetzten, um es zu ersetzen, will ich gar nicht reden…

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  2. Absolut treffend auf den Punkt gebracht. Mir wird gerade etwas übel, wenn ich daran denke, wie es (hoffentlich nicht) weitergehen wird.

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